Textilindustrie in Bangladesch:Eine Liste für mehr Transparenz

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Textilindustrie in Bangladesch

McKinsey sieht weiterhin eine große Zukunft für die Textilindustrie in Bangladesch: Arbeiterinnen in einer Fabrik in Dhaka.

(Foto: Bloomberg)

Mehr als zwei Millionen Menschen beschäftigen die Firmen: Erstmals haben Unterzeichner eines Brandschutzabkommens ihre Lieferanten in Bangladesch genannt. Zwei schwere Unglücke haben die Aktion angestoßen. Wer genau wen beliefert, bleibt aber unter Verschluss.

Von Elisabeth Dostert

Die Liste ist lang. Fast 1600 Namen von Textilfabriken in Bangladesch. Name, Adresse, Sitz, Telefonnummer, Zahl der Mitarbeiter, Gebäude und Stockwerke. Midland Knitwear zum Beispiel, aus Dhaka, der Hauptstadt des Landes. Dort und in Chittagong sitzen die meisten der aufgeführten Firmen. Fast 1800 Beschäftigte zählt Midland. Oder Talisman Ltd aus Dhaka, 3600 Mitarbeiter, vier Produktionsgebäude.

Viele Firmen tragen schöne Namen, wie sie in der Modewelt gerne gewählt werden: Mozart Knit, Mother Colour, Moon Readywears, Panorama Apparels und Parkview Dresses. Die Liste hat der Genfer Industriegewerkschaftsverband Industri All veröffentlicht, an diesem Montag soll die Internetseite www.bangladeshaccord.org mit Einzelheiten freigeschaltet werden.

Die Liste ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Transparenz in der Lieferkette, die die Unterzeichner des Abkommens über Brandschutz und Gebäudesicherheit in Bangladesch (Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh) im Mai versprochen hatten - nachdem binnen weniger Monate viele Hundert Textilarbeiter bei Bränden und einem Fabrikeinsturz getötet worden waren.

Die aufgeführten Firmen beschäftigen mehr als zwei Millionen Menschen

"Die Daten zeichnen eine Karte der Textilindustrie Bangladeschs, wie es sie bislang noch nicht gegeben hat", zitiert der Gewerkschaftsdachverband Sean Ansett, den Interimschef des Accord, der Institution, die sich um die Umsetzung des Abkommens kümmert und die so heißt wie der Vertrag.

Bei der Auswahl der Fabriken, die nun von Sicherheitsexperten inspiziert werden sollen, werde die Liste eine Schlüsselrolle spielen. Die aufgeführten Firmen beschäftigen mehr als zwei Millionen Menschen. Ihre Zahl werde in den kommenden Monaten noch steigen, weil Firmen, die erst vor Kurzem dem Abkommen beigetreten sind, noch keine Lieferanten gemeldet haben.

Mehr als 90 Firmen aus Europa, Nordamerika, Asien und Australien, darunter H&M, Inditex mit Marken wie Zara und Massimo Dutti und deutsche Firmen wie Metro, Tchibo, Otto und C&A haben bislang das Abkommen mit einer Laufzeit von fünf Jahren unterzeichnet. Es ist verbindlich. Die Firmen haben dem Accord zwar die Namen ihrer Lieferanten genannt, so wie vereinbart, aber wer von wem Waren bezieht, bleibt vertraulich. Für die Öffentlichkeit bleibt die Landkarte unscharf.

Hilfsorganisationen kritisieren die Standards als zu lax

Manchmal suggerieren die Namen eine Beziehung: Seidensticker International etwa heißt eine Firma in Chittagong mit 3300 Mitarbeitern. Eine schriftliche Anfrage, ob es sich um eine eigene Fabrik oder einen Lieferanten der deutschen Hemdenfirma handelt, ließ Gerd Seidensticker, Gesellschafter der Bielefelder Firma Seidensticker und gerade wiedergewählter Präsident des Modeverbandes German Fashion, bis Sonntagabend unbeantwortet. "Nicht bekannt" ist dem Düsseldorfer Handelskonzern Metro die Firma Metro Knitting & Dyeing Mills in Dhaka. "Er gehört nicht zur Metro Group und beliefert uns nicht", heißt es auf Anfrage.

Von den knapp 1200 Fabriken in Asien, mit denen Metros Einkaufsorganisation MGB Hongkong zusammenarbeite, seien lediglich 37 Fabriken in Bangladesch. Sie seien durch "entsprechende Auditierungen" gegangen und hätten ein Feuer- und Sicherheitstraining durchlaufen. Es lasse sich nicht sagen, wann diese Fabriken inspiziert würden. Denn im Rahmen des Brandschutzabkommens wurden laut Metro in einem ersten Schritt die Fabriken mit "hohem Risiko inspiziert und erst in einem weiteren solche, die wie die mit uns zusammenarbeitenden Fabriken intensiv betreut werden und auditiert sind."

Die Otto Group hat dem Accord nach eigenen Angaben 36 Fabrikationsstätten in Bangladesch gemeldet. Auch Otto nennt keine Namen. Weniger als zehn Prozent der Menge an eingekauften Textilien und Schuhen stamme aus Bangladesch. Die Fabriken in Risikoländern würden regelmäßig nach den Standards der Business Social Compliance Initiative (BSCI) inspiziert.

Die Initiative ist nicht unumstritten, die Kampagne für Saubere Kleidung, Oxfam und das Südwind-Institut haben die Standards wiederholt als zu lax kritisiert.

McKinsey prophezeit Bangladesch weiterhin eine große Zukunft

Nach den Brandkatastrophen Ende 2012/Anfang 2013 habe Otto Experten für Gebäude- und Brandsicherheit nach Bangladesch gebracht und alle Fabriken nochmals inspiziert. Im Rahmen des Abkommens würden nun alle offengelegten Fabriken erneut nach einem einheitlichen, noch zu entwickelnden Standard überprüft. Diese Prüfung sei "Ausgangspunkt der sich dann anschließenden Korrekturmaßnahmen". Erste Konsequenzen hat der Konzern bereits gezogen. Aufgrund "schwerwiegender baulicher Mängel", die die Inspektionen zutage brachten, hat sich der Versandhändler nach eigenen Angaben von sechs Fabriken getrennt.

Der Düsseldorfer Textilhändler C&A hat dem Accord 190 Firmen gemeldet. Der Anteil der in Bangladesch gefertigten Waren am Beschaffungsaufkommen betrage etwa 30 Prozent. C&A lasse in Bangladesch vor allem T-Shirts, Sweatshirts, Hemden und Jeans produzieren. Für alle Produktionseinheiten seien in den nächsten neun Monaten sogenannte Initial Audits, also eine erste Inspizierung, geplant.

Trotz der Tragödien prophezeien die Berater von McKinsey Bangladesch als Produktionsstandort für Textilien eine große Zukunft. Schon in einer 2011 erstmals veröffentlichten Studie rechnete McKinsey vor, dass die Exporte der Textilindustrie bis 2020 auf 36 bis 42 Milliarden Dollar steigen könnten. An dieser Prognose halten die Berater auch in der dieses Jahr zum zweiten Mal veröffentlichten Studie fest. 29 Einkaufschefs aus Europa und den USA wurden dafür befragt. Zwar bleibe China der bei Weitem wichtigste Beschaffungsmarkt, aber aus Kostengründen suchten die Einkäufer andere Produktionsländer. Bangladesch bleibe die wichtigste Alternative. Immerhin gilt das Augenmerk der Einkäufer nicht mehr nur den Arbeitskosten, Sicherheitsstandards, soziale und ökologische Faktoren gewännen an Bedeutung, fanden die Berater für die Studie heraus.

Beim Einsturz der Rana-Plaza-Fabrik starben mehr als 1100 Menschen um

Unglücke hatten die schweren Missstände in der bangladeschischen Textilindustrie offenbart. Bei einem Brand in der Tazreen-Kleiderfabrik im November 2012 kamen mehr als hundert Menschen ums Leben. Beim schlimmsten Industrieunglück in der Geschichte des Landes waren im April beim Einsturz der Fabrik Rana Plaza nahe Dhaka mehr als 1100 Menschen getötet worden. In dem maroden Bau, das belegten die Funde von Textilien in den Trümmern, ließen unter anderem der deutsche Discounter Kik und Firmen wie Primark, Mango und Benetton nähen.

Noch immer warten die Opfer von Tazreen und Rana Plaza auf eine Entschädigung. An einem Treffen Mitte September in Genf unter dem Vorsitz der International Labor Organization (ILO) nahmen im Falle von Rana Plaza nur neun von insgesamt 29 eingeladenen Markenfirmen teil, berichtet die Kampagne für Saubere Kleidung, darunter Kik und Primark. Firmen wie Adler, C&A, Benetton, Inditex und NKD blieben dem Treffen in der Schweiz fern.

Die Lage in vielen Fabriken ist nach wie vor erbärmlich

Die Lage in vielen Fabriken ist, darauf deuten Berichte hin, nach wie vor erbärmlich. Das Institute for Global Labour and Rights zum Beispiel schildert auf seiner Homepage die Zustände bei Next Collections. Die Firma aus Dhaka gehört zur Ha-Meem Group, dem nach Angaben der Organisation zweitgrößten Textilexporteur des Landes mit 26 Fabriken und mehr als 30.000 Mitarbeitern. Next Collections arbeitet für das US-Label Gap. Auftraggeber und Lieferant, so die Behauptung, betrügen die Mitarbeiter um ihren Lohn. Next Collections stelle falsche Lohnzettel aus, um den Eindruck zu erwecken, Gap halte sich an die gesetzlichen Bestimmungen.

Mitarbeiter würden gezwungen, für 20 bis 24 Cents die Stunde 14 bis 17 Stunden täglich zu arbeiten, sieben Tage die Woche. Physische Gewalt sei normal. Schwangere würden gesetzeswidrig entlassen und ihnen das vorgeschriebene Geld für den Mutterschutz verweigert. Das Institut zitiert Morium Begum, eine 20 Jahre alte Näherin. Sie verlor ihr Kind im siebten Monat. Sie erhebt schwere Vorwürfe gegen das Management. Trotz ihrer Schwangerschaft habe Next Collections sie gezwungen, mehr als 100 Stunden die Woche zu arbeiten. Gap, einer der größten Textilhändler der USA, hat wie viele Händler das Brandschutzabkommen nicht unterzeichnet.

Die Liste ist nur ein Anfang.

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