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Textilfabriken:Sie machen so weiter

Rescue workers attempt to find survivors from the rubble of the collapsed Rana Plaza building in Savar

Beim Einsturz der Fabrik Rana Plaza in Bangladesch sind im April 2013 etwa 1130 Arbeiter ums Leben gekommen. Die Gebäudesicherheit in der Branche soll verbessert worden sein, die Löhne nicht.

(Foto: Andrew Biraj/Reuters)

Der faire Handel will die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken verbessern. Die Unternehmen verweigern sich allerdings bisher.

Die Menschen in Deutschland kaufen im Durchschnitt 14 Kilogramm Kleidung im Jahr, mancher macht sich dabei auch Gedanken über die Herstellungsbedingungen. Vielen sind noch die Bilder von der Katastrophe der Fabrik Rana Plaza präsent. Es ist erst drei Jahre her, dass dort bei einem Einsturz des mehrstöckigen Gebäudes in Bangladesch 1130 Arbeiter starben. Zwar hat sich etwas bei der Gebäudesicherheit getan, darüber hinaus blieb es jedoch bei den Missständen, vor allem den niedrigen Löhnen. Mit dem ersten Standard für Textilfabriken weltweit will der faire Handel nun zu gerechten Löhnen für die Näherinnen und Näher beitragen. Man mache dabei eine feste Zeitvorgabe für das Erreichen von existenzsichernden Löhnen, sagte Martin Hill, kommissarischer Chef von Fair Trade International.

Beteiligte Firmen verpflichten sich dazu, die Löhne innerhalb von sechs Jahren auf ein entsprechendes Niveau anheben. Nicht nur die Textilfabriken, sondern auch die Markenunternehmen würden in die Pflicht genommen und vertraglich an faire und langfristige Einkaufspraktiken gebunden. Dies soll die Voraussetzung dafür schaffen, dass eine Lohnerhöhung überhaupt bei den Betrieben umsetzbar wird. Bislang ist es gängige Praxis, dass Konzerne den Zulieferern zwar Vorgaben machen, aber diese finanziell nicht in die Lage versetzen, diese auch zu erfüllen.

Als Grundlage für existenzsichernde Löhne in der Textilindustrie werden meist die Berechnungen der asiatischen Grundlohnkampagne herangezogen, eines Zusammenschlusses vor allem von Gewerkschaften und Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs). Demnach liegt der gesetzliche Mindestlohn für Textilarbeiter in den wichtigen Fabrikationsländern durchweg unter dem existenzsichernden Lohn, oft sogar um 70 bis 80 Prozent. Eine Näherin in Bangladesch müsste beispielsweise täglich 22 Stunden arbeiten, und das an sieben Tagen die Woche, um auf einen echten Existenzlohn zu kommen. Bislang kann der faire Handel jedoch nicht angeben, wie hoch seine existenzsichernden Löhne verglichen mit denen der Asian Floor Wage Campaign ausfallen werden. Damit steht und fällt jedoch eine Bewertung des Projekts. Eine Pilotstudie soll hier bis Mitte des Jahres Klarheit schaffen.

Der faire Handel hatte 2005 damit begonnen, faire Baumwolle zu zertifizieren, wenig später nahm er die gesamte textile Wertschöpfungskette in den Blick. Bei der Zertifizierung bleibt es wie gehabt. Flocert, die unabhängige Zertifizierungsorganisation von Fairtrade, soll die Betriebe mit angekündigten und unangekündigten Prüfungen kontrollieren. Dabei würden die Arbeiter durch demokratisch gewählte Vertreter beteiligt, heißt es.

Die Tauglichkeit von Sozialaudits für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen ist jedoch sehr umstritten, besonders in der Textilindustrie. Richard Locke, Professor für politische Wissenschaften an der Sloan School of Management des Massachusetts Institute of Technology, USA, kommt zu einem vernichtenden Urteil: Soziale Audits erfüllten ihren Zweck nicht und scheiterten dabei, bessere Arbeitsbedingungen in den Zulieferketten herzustellen. Der faire Handel muss nun beweisen, dass er es besser machen kann.

Selbst Trägerorganisationen des fairen Handels halten den Ansatz im Falle der Textilwirtschaft für problematisch und würden sich wünschen, dass etwa Gewerkschaften und NGOs stärker einbezogen werden. So wird befürchtet, dass große Firmen einzelne faire Vorzeige-Produkte als Alibi für eine 99-prozentige schmutzige Produktpalette nutzen werden. Vor allem jedoch bestehe die große Gefahr, dass der Standard den Druck für umfassende Veränderungen von der Branche nehme. Die Produktionskosten für die faire Kleidung dürften zudem kaum steigen, da sich die Arbeitskosten meistens auf weniger als ein Prozent des Endpreises belaufen.

Wie kommt die Initiative bei den Unternehmen an? Zumindest in Entwicklungsländern wollen bereits einige Fabrikanten mitmachen. Was noch fehlt, sind Unternehmen oder Händler. Ursprünglich wollte der faire Handel den Standard bereits 2015 mit einem deutschen Unternehmen testen, was misslang. Bislang gebe es noch keinerlei Zusagen, gestand Dieter Overath, Geschäftsführer von Transfair Deutschland, bei einer Konferenz der Organisation ein. Selbst Firmen, die bereits fair gehandelte Produkte in ihrem Sortiment haben, sagten bisher ab. Ein Sprecher des Textilhändlers Ernstings Familiy begründet dies mit der Vielzahl von Initiativen und verweist besonders auf das 2014 gegründete Bündnis für nachhaltige Textilien.

Abishek Jani, Fairtrade-Geschäftsführer in Asien, erwartet ohnehin nicht, dass bald große Marken für den fairen Texitilstandard gewonnen werden können, diese seien viel zu stark von den Kosten getrieben seien. "Wir versuchen eine Koalition kleiner Marken zu schmieden." Beim fairen Handel macht man sich aber auch keine Illusionen darüber, alleine die Welt der Textilien verändern zu können. Letztlich komme es vor allem auch auf die staatliche Kontrolle an, sagt Overath, und auf starke Gewerkschaften vor Ort.