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Teurer Strom:Selbst ist die Fabrik

CO2-Ausstoß

Auch Flughäfen produzieren gerne eigenen Strom. Im Bild ein Blockheizkraftwerk in der Nähe des neuen Hauptstadtflughafens

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Clever gespart: Immer mehr Unternehmen und Haushalte erzeugen ihren Strom selbst - ganz zum Leidwesen der übrigen Kunden, denn die bleiben auf hohen Kosten sitzen. Eine Geschichte über die Trittbrettfahrer der Energiewende, von der Experten sagen: "Auf Dauer kann das nicht gut gehen"

Jetzt auch noch ContiTech. Das Unternehmen aus Hannover fertigt Antriebsriemen und Förderbänder. Wer so etwas produziert, der braucht Kautschuk, und wer aus Kautschuk etwas produzieren will, der braucht Wärme und Strom. Weswegen ContiTech nun für sein Werk in Northeim ein eigenes kleines Kraftwerk baut, weitere Standorte könnten folgen. "Das spart uns auch die EEG-Umlage", heißt es bei ContiTech. "Wirtschaftlich ist das interessant." Die Umlage, die Deutschlands Stromkunden für den Ausbau der Ökoenergie zahlen, sei in die Kalkulation eingeflossen. Oder vielmehr die Umlage, die auch ContiTech dann nicht mehr zahlt. Und genau da beginnt das Problem.

Denn die Deutschen werden zu Stromerzeugern. "Eigenerzeugung ist en vogue", konstatierte jüngst der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) nach einer Befragung seiner Mitgliedsunternehmen. Kein Wunder: Jede zehnte Firma hatte erklärt, bereits selbst Strom zu erzeugen. Und jede vierte gab an, sie arbeite an einem eigenen kleinen Kraftwerk oder denke darüber nach. Hohe Energiekosten, so schließt der DIHK, machten die Eigenerzeugung interessant, auch aus erneuerbaren Quellen. "Denn: Wird Strom auf dem Betriebsgelände erzeugt, fallen lediglich die reinen Stromgestehungskosten an."

Wer viel abnimmt, zahlt auch viel

Wohl wahr. Schließlich richten sich die Umlagen, seien es die für den Ökostrom oder den Netzausbau, hierzulande nach dem Verbrauch. Wer viel Strom abnimmt, zahlt auch viel Umlage: Etwa jene 5,3 Cent, die derzeit auf jede Kilowattstunde für das Ökostrom-Gesetz EEG aufgeschlagen werden. Oder aber jene durchschnittlich 20 Prozent, die für die Nutzung des Stromnetzes draufkommen. Je höher der Stromverbrauch, desto höher der Aufschlag - für Haushalte wie für Gewerbebetriebe.

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Nicht aber für die Eigenstromer. Beispiel Solar: Angesichts hoher Strompreise lohnt es sich für die Besitzer von Solaranlagen immer seltener, Strom in das Netz einzuspeisen. Ungeachtet der Solar-Förderung ist es oft günstiger, den Strom selbst zu verbrauchen - und ihn womöglich mithilfe von Batteriespeichern selbst für die Abendstunden aufzuheben. "Strom wird jetzt zu Hause gemacht", wirbt die Bonner Solarworld. "Verabschieden Sie sich von steigenden Strompreisen." Wer aber Abschied nimmt von der Strombelieferung, hat auch keine hohe Stromrechnung mehr. Entsprechend wenig zahlt er an Umlage. "Wenn wir hier nichts unternehmen", sagt Hans-Joachim Reck, Chef des Stadtwerke-Verbands VKU, "zahlt irgendwann der letzte Kunde ohne Solaranlage auf dem Dach das gesamte Netzentgelt."

Zunehmend Bauchschmerzen

Den Versorgern bereitet die Entwicklung zunehmend Bauchschmerzen. "Eigenerzeugung ist für Investoren hochlukrativ", sagt Florian Bieberbach, Chef der Stadtwerke München. "Volkswirtschaftlich allerdings ist sie katastrophal." Denn nicht nur sinkt die Zahl derjenigen, die sich an den Netzentgelten noch beteiligen. Es sind mitunter just Kunden, die besonders auf ein gutes Netz angewiesen sind. Schließlich brauchen auch Firmen, die selbst Strom erzeugen, ein starkes Stromnetz, sollte das Kraftwerk mal ausfallen.

Große Industriebetriebe zahlen dafür immerhin ein "Bereitstellungsentgelt", allein für die Existenz eines Netzes im Notfall. Kleinere Betriebe aber können sich komplett der Zahlungen entziehen. Begehrt sind derzeit zum Beispiel kleine Blockheizkraftwerke in Hotels, zumal die kleinen Anlagen neben Strom auch Wärme und Warmwasser erzeugen. Ein Netz aber braucht auch ein Hotel mit eigenem Mini-Kraftwerk, ebenso wie der Supermarkt mit Solaranlage auf dem Dach: zum Betrieb der Tiefkühltruhen tagsüber. Netzentgelte, Umlagen? Eingespart. "Auf Dauer kann das nicht gut gehen", sagt Ewald Woste, Chef des Münchner Thüga-Konzerns.