bedeckt München 13°

Tesla-Präsentation:Warten auf das iPhone der Transportindustrie

Aerial Views Of Tesla Inc. German Gigafactory Construction Site

Teslas Gigafactory in Grünheide. Auch hier soll einmal die neue Batteriengeneration hergestellt werden.

(Foto: Alex Kraus/Bloomberg)

Elon Musk präsentiert mal wieder Visionäres: eine neue Batterie und Fahrzeug-Architektur, die einen Tesla für 25 000 Dollar ermöglichen sollen. Wie immer bleibt er vage, bis wann das umgesetzt werden soll.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Auf diesen Moment hat Elon Musk, Chef des Elektroautobauers Tesla, seit Wochen hingearbeitet, und nun hupten Kunden und Investoren, was ihre Fahrzeuge hergaben. Wegen der Corona-Pandemie waren nur etwa 200 Anleger zu der Schau am Dienstag zugelassen, für die Musk bei Twitter etwas Visionäres, Wegweisendes, Bahnbrechendes versprochen hatte. Die Zuschauer saßen in ihren Teslas auf dem Parkplatz der Fabrik im kalifornischen Fremont, das Hupen war Applaus-Ersatz.

Musk weiß schon lange, was viele erst während Corona gelernt haben: Die meisten Menschen tun Sachen nicht, weil es sinnvoll für alle wäre - sondern, weil es ihnen ganz persönlich hilft. Sie kaufen ein Elektrofahrzeug nicht, weil sie damit die Welt retten, sondern, weil sie damit als cool gelten; oder weil es ganz einfach billiger ist als ein Benziner.

Den ersten Teil hat Musk mit den ersten vier Modellen seines Konzerns erreicht. Das zweite Ziel von Musk, das er bereits 2006 in einem Blog-Eintrag formuliert hat: ein Elektroauto, das günstiger ist als ein Golf oder 3er BMW und das die Leute deshalb unbedingt haben wollen. Dieses Auto wäre nichts weniger als das iPhone der Transportindustrie, und mit eben dieser Ankündigung sorgte Musk für das lauteste Hup-Konzert bei seiner Präsentation: ein Tesla für 25 000 Dollar.

Das große Ziel für die Elektroauto-Industrie ist es, den Preis der Batterien auf unter 100 Dollar pro Kilowattstunde zu drücken. Die Kosten sind in den vergangenen Jahren bereits signifikant gesunken, von 1100 Dollar vor zehn Jahren auf derzeit 156 Dollar. Experten prognostizieren, dass die magische Marke in etwa drei Jahren erreicht werden könnte - doch das geht Musk nicht schnell genug. Vor allem aber will er den Preis noch weiter senken.

Die neuen Batterien sollen später auch in Berlin gefertigt werden

Erreichen will der Konzern dieses Ziel mit einer revolutionären Batterie, und es ist kein Zufall, dass er diese am 22. September vorstellte, dem sogenannten Battery Day. Die 4680-Module von Tesla (der Name ergibt sich aus der Höhe von 80 und dem Durchmesser von 46 Millimetern) sollen 14 Prozent günstiger sein, die Reichweite der Fahrzeuge soll sich um 16 Prozent erhöhen. Sie sollen in der Fabrik in Fremont gefertigt werden und später auch in den Ablegern in Berlin und Shanghai.

Tesla will diese Batterien möglichst bald selbst fertigen und nicht mehr von Panasonic kaufen, es soll dafür ein an Füllanlagen angelehntes Produktionssystem geben. Ein wesentlicher Aspekt ist die Trockenbeschichtung der Batteriefolien anstelle von Nassverarbeitung. Zudem sollen neue Materialien (Silizium statt Grafit, mehr Nickel und kein Kobalt) verwendet werden. Würde man all die Maßnahmen, die das Unternehmen plane, zusammenführen, käme letztlich eine Kostensenkung um 56 Prozent und eine Steigerung der Reichweite von 54 Prozent heraus. Bis 2030 will das Unternehmen pro Jahr 30 Terawatt-Stunden an Energie produzieren, etwa 100 Mal so viel wie derzeit.

Musk hätte tatsächlich etwas Visionäres, Wegweisendes, Bahnbrechendes vorgestellt, wenn da nicht die Realität der Gegenwart wäre. Der Tesla-Chef ist wie Apple-Gründer Steve Jobs ein Meister der Verführung. Er kündigte nicht nur das 25 000-Dollar-Auto an (für das es übrigens weder Namen noch einen Termin gibt), sondern auch das Plaid Model S mit einer Reichweite von 830 Kilometern und mehr als 1100 PS, das Ende 2021 erhältlich sein soll und bereits jetzt für 139 990 Dollar bestellt werden kann. Er braucht diese Einkünfte, um die große Vision finanzieren zu können.

Musk ist kein Meister darin, Zeitpläne einzuhalten

Das Problem von Musk ist, dass er gern große Dinge vorstellt, den Lastwagen "Semi" im Jahr 2017 zum Beispiel oder einen futuristischen Cybertruck im vergangenen Jahr. Er ist jedoch nicht unbedingt ein Meister darin, seine eigenen Zeitpläne einzuhalten. Der Semi sollte 2019 erhältlich sein, inzwischen ist der Verkaufsstart auf 2021 verschoben.

Das zweite Problem: Gewöhnlich zeigt Musk seinen Jüngern seine Neuankündigungen auch, zumindest einen Prototyp. Nun aber lautete die Überschrift auf der Homepage des Technik-Magazins Wired: "Wo war die Batterie beim Tag der Batterie?" Es gab ein Konzept zu sehen, das Produkt selbst aber fehlte wie auch konkrete Zahlen. Musk sagte nur: "Wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns." Er sprach von drei Jahren, was in Musk'scher Zeitrechnung etwa vier bis sieben Jahre sein dürften.

Er hat ein gewaltiges Versprechen abgegeben am Dienstag, das vielleicht größte in einer an gewaltigen Versprechen nun wahrlich nicht armen Karriere. Der große Vorteil für Musk, und das weiß der ausgebuffte Showman natürlich: Es ist unmöglich, seine Verkündungen heute zu beurteilen, das wird frühestens in zehn Jahren rückblickend möglich sein.

© SZ/jobr
Elon Musk Visits Germany

SZ PlusMeinungElon Musk
:Seher oder Scharlatan?

Der schillernde Unternehmer mit seinen tollkühnen Zukunftsvisionen erregt Begeisterung wie Skepsis. Er steht für die ambivalente Haltung der Gesellschaft zur Technik: Die einen vertrauen, die anderen misstrauen ihr.

Kommentar von Gerhard Matzig

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite