Süddeutsche Zeitung

Tesla-Baustelle in Grünheide:Elon und die Schlingnattern

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Wieder einmal wurde der Bau der neuen Tesla-Fabrik bei Berlin unterbrochen. Es geht um viel Wald, Eidechsen, Schlangen - und die Frage, wann es eigentlich eine endgültige Baugenehmigung gibt.

Von Jan Heidtmann, Berlin

"I believe in speed", lautet einer der Lieblingssprüche von Elon Musk. Was dieser Glaube an Geschwindigkeit tatsächlich bedeutet, ist sehr gut in den Internetvideos von Tobias Lindh zu beobachten. Seitdem Musk in Grünheide bei Berlin seine vierte Gigafabrik baut, lässt Lindh seine Drohne über dem Projekt kreisen. Die zahllosen Kurzfilme wirken wie die Dokumentation einer eigenen Zeitrechnung: Wo vor einem Jahr noch ein kompletter Kiefernwald stand, sind nun die Gebäude einer veritablen Industrieanlage zu sehen. Spätestens ab Mitte kommenden Jahres sollen hier die ersten Tesla-Modelle gebaut werden.

Doch mit dem Tempo, mit dem Musk hier voranschreitet, stößt er immer wieder an Grenzen. An diesem Dienstag wurde der Bau erneut unterbrochen. Tesla war gerade dabei, gut 80 weitere Hektar Kiefernwald zu roden, als das Verwaltungsgericht in Frankfurt (Oder) die Arbeiten stoppte. Die Richter hatten dem Eilantrag zweier Umweltverbände, dem NABU und der Grünen Liga, stattgegeben. Denn wieder einmal drohte Musk, Fakten zu schaffen. "Sinn der Zwischenverfügung ist es, eine Prüfung in der Sache zu ermöglichen und den Antrag im Hinblick auf den schnellen Fortgang der Rodungsarbeiten nicht ins Leere laufen zu lassen", schreiben die Richter in ihrer Begründung. Kurz gesagt: Nur wenige Tage länger und der Wald wäre weg gewesen.

Christiane Schröder vom Landesverband des NABU spricht von einem "Zwischenerfolg". Vordergründig geht es den Naturschützern um zwei bedrohte Arten, die Zauneidechse und die Schlingnatter. Normalerweise dauere es bis zu zwei Jahren, um diese Tiere aufzuspüren und umzusetzen. Auf der Tesla-Baustelle solle das in zwei Monaten gelungen sein. "Das ist vollkommen unmöglich", meint Schröder. Eine ähnliche Klage der Grünen Liga vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg hatte bereits im Februar zu einem kurzzeitigen Rodungsstopp bei den ersten 90 Hektar Wald geführt. Mit einer endgültigen Entscheidung des Gerichts wird in diesen Tagen gerechnet.

Neben der Sorge um die Reptilien geht es den Naturschützern auch um den gesamten Ablauf des Projektes. Tesla besitzt immer noch keine endgültige umweltrechtliche Baugenehmigung für sein Werk unmittelbar an der Grenze zu Berlin. Bislang operiert der US-Konzern vor allem mit Ausnahmeverfügungen. Damit durfte Tesla unter anderem die Fundamente verlegen und die ersten Gebäude hochziehen. Wenn zu erwarten ist, dass die Baugenehmigung erteilt wird, sind solche Ausnahmeregelungen nicht unüblich, um die Projekte vorantreiben zu können. Der Umfang, in dem Tesla damit arbeitet, ist jedoch ziemlich einmalig. So beruht die Rodung der 80 zusätzlichen Hektar Wald bereits auf der siebten Ausnahmegenehmigung. "In fast schon blindem Aktionismus werden Zulassungen erteilt", heißt es beim NABU. Inzwischen seien bereits "30 Prozent der Baukosten einer Gigafabrik verbaut".

Tatsächlich wird das Prinzip der Ausnahmen damit zumindest infrage gestellt. Denn die Voraussetzung ist, dass Tesla dabei das volle Risiko übernimmt: Wird am Ende keine Baugenehmigung erteilt, muss das Unternehmen wieder den Urzustand herstellen. Wie das bei solch einem Baufortschritt noch gelingen soll, ist tatsächlich offen. Auf der Beeskower Platte in Brandenburg sind jedenfalls schon einmal 50 000 der 185 000 Bäume gepflanzt worden, die Tesla zum Ausgleich für die Rodungen anlegen lässt. Außerdem muss das Unternehmen eine dreistellige Millionensumme als Sicherheit für einen eventuellen Rückbau nachweisen.

"Es ist ein Risiko, ja. Aber hoffentlich bekommen wir die endgültige Baugenehmigung sehr bald", erklärte Musk kürzlich in einem Gespräch mit Springer-Chef Mathias Döpfner. "Ich investiere sehr viel Zeit darin, mich durch die Genehmigungsverfahren zu kämpfen." Eines der größten Problem ist nach wie vor das Wasser. Für die erste Ausbaustufe ist inzwischen gesorgt. Die Fabrik wird da Wasser im Umfang einer 40 000-Einwohner-Stadt verbrauchen. Mit der zweiten und dritten Ausbaustufe kann sich dieses Volumen jedoch mehr als verdoppeln. Dann müsste das Wasser aus anderen Gegenden besorgt werden.

Das Ringen mit den Behörden hat Teslas ehrgeizigen Zeitplan bereits durcheinandergebracht. Intern beklagt das Unternehmen größere Verzögerungen und drängt die Beteiligten an dem Projekt zur Eile. Dazu kommt Musks Plan, in Grünheide auch Batterien in großem Umfang zu produzieren. Derzeit wird bis Ende Dezember mit der endgültigen Baugenehmigung gerechnet. Sobald die Umweltbehörde ihr "Go" gibt, will Tesla jedenfalls richtig loslegen: Dann soll auf der Baustelle samstags, sonntags und bis tief in die Nacht gearbeitet werden.

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