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Telekommunikation:Fasse dich kurz

Telefonzelle

Ausgedient: alte Telefonzellen der Deutschen Telekom.

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)

Seit dem Ende der Bundespost sind die alten Fernmeldeämter und Telefonzellen verschwunden. Heute regiert das Smartphone - und mit ihm Konzerne wie Facebook.

Vor Kurzem veröffentlichte die Münchner Polizei einen Brief, der viele Menschen rührte. Ein achtjähriger Junge hatte das Schreiben verfasst, nahezu fehlerfrei und schnörkellos: Er wolle sich hiermit bei der Polizei bewerben, denn sein Berufswunsch stehe fest, "viele Grüße, Euer Linus". Die Beamten zögerten nicht, sie luden den Bewerber gleich in die Polizeistation Bogenhausen ein, ließen ihn im Streifenwagen mitfahren und äußerten die Hoffnung, dass er in einigen Jahren "unser Kollege" werden könnte. Bemerkenswert war die Sache vor allem aus kommunikativer Sicht: Während der Grundschüler seinem Wunsch in einem Brief Ausdruck verlieh, antwortete die Pressestelle der Polizei taktisch geschickt in den sozialen Medien - die Geschichte von Linus machte auf Facebook die Runde, sie wurde vielfach kommentiert und geteilt.

Dass ein junger Mensch einen Brief schreibt, klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Leben wir nicht im Zeitalter der permanenten Smartphone-Zuckungen? Im September 2019 hat der Weltkonzern Facebook verkündet, dass 58 Millionen Deutsche täglich Whatsapp nutzen. Und dann kommt dieser Linus und nimmt einfach den Bleistift zur Hand? Zumindest zeigt die Geschichte, dass man auch heute noch mit einer handgeschriebenen Botschaft etwas erreichen kann.

Wie stark sich unser Kommunikationsverhalten verändert hat, zeigt ein Rückblick in die Achtzigerjahre, die Spätphase der Bundespost. Schon mit ihrem Erkennungszeichen, dem Posthorn, das einst die Ankunft der Postkutsche akustisch ankündigte, strahlte sie eine solide Verlässlichkeit aus. Der Staatsbetrieb vereinigte vor der Privatisierung vor 25 Jahren, am 2. Januar 1995, sämtliche Aufgaben der Post- und Paketdienste, außerdem die gesamte Telekommunikation und die Postbank, die das legendäre Postsparbuch anbot, ein Muster an Seriosität in der alten Bundesrepublik.

Früher hatte das Telefonieren seinen Preis, denn abgerechnet wurde nach Sekunden

In jeder etwas größeren Stadt gab es damals ein Fernmeldeamt, sozusagen eine Generalvertretung der Post mit zahlreichen Abteilungen und monströsen Antennen auf dem Dach. Als Kunde hatte man sich in Geduld zu üben. Man musste bereit sein, in der Schlange vor dem Schalter auszuharren, bei dem eine Minute vor Dienstschluss der Rollvorhang nach unten sauste, egal, wie viele Leute noch warteten. Das Abstempeln von Einschreiben, der Verkauf von Briefmarken, die Entgegennahme von Paketen oder das Einzahlen des Taschengeldes auf das Postsparbuch waren hoheitliche Akte. Alles wurde mit Bedacht erledigt, manchmal mit enervierender Langsamkeit, etwa wenn die Post wieder bei den Telefonanschlüssen in Verzug war. Ähnlich staatstragend fühlte es sich an, wenn man in der Telefonbuch-Abteilung des Fernmeldeamtes den dicken Wälzer mit dem passenden Buchstaben aus der Verankerung herausdrehte, um die richtige Seite aufschlagen zu können.

Telefonieren war damals noch mit einem gewissen Aufwand verbunden. Und mit einer Wählscheibe, die ein leicht schnarrendes Geräusch machte. Anders als im Internet-Zeitalter war die Kommunikation zeitlich begrenzt und hatte ihren Preis, denn abgerechnet wurde nach Sekunden, was ein Gespräch in der Telefonzelle jedes Mal zu einem kleinen Abenteuer machte: Würde das Münzgeld reichen, um alles sagen zu können? "Fasse dich kurz!", diese Mahnung zur Rücksichtnahme auf andere "Wartende" hat aus heutiger Sicht etwas Rührendes.

Der achtjährige Linus kennt die Wählscheibe höchstens aus Erzählungen oder aus alten Filmen. Auch Telefonschnüre oder Faxgeräte sind aus dem Alltag nahezu verschwunden. Wenn man mit Menschen in Kontakt treten möchte, die jünger als dreißig sind, kann man das mit dem Anrufen ohnehin vergessen - bei Teenagern und jungen Erwachsenen muss man zunächst digital anklopfen, bevor jemand rangeht. Einfach zum Hörer zu greifen: Das ist für heutige Nutzer, die gerne alles kontrollieren, viel zu direkt; man weiß ja nie, in welcher Stimmung der andere ist.

Für Joachim Höflich, Kommunikationswissenschaftler der Universität Erfurt, ist diese Unlust auch eine neue Art von Abblockverhalten. Heute gebe es außerdem eine Vielzahl von Möglichkeiten, mit anderen in Kontakt zu treten. "Wir haben noch nie so viel kommuniziert wie heute und noch nie so wenig miteinander gesprochen", sagt Höflich. Instant Messaging ermöglicht eine schier endlose Zahl an Teilnehmern. Kommunikation breitet sich gruppendynamisch und grenzenlos aus - ein unzähmbarer Bandwurm an Text- und Sprachnachrichten, Bildern, Filmen, Werbehäppchen und Emojis.

Der Expressdienstleister DHL bezeichnet sich als "weltweit führende Marke in der Logistik"

Die ständige Erreichbarkeit ist natürlich sehr praktisch, vor allem für den Facebook-Konzern, der als Eigentümer des unangefochtenen Marktführers Whatsapp von der Dauerpräsenz jedes Einzelnen im größten Netzwerk der Geschichte lebt. Das Smartphone, das in der Altersgruppe der 14- bis 49-Jährigen von 95 Prozent der Deutschen genutzt wird, hat sich in ein digitales Fernmeldeamt mit angeschlossenem Servicezentrum verwandelt, das sämtliche Aufträge ohne Verzögerung ausführt und selbst Wünsche erfüllt, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hat. Wie rasch sich die Kommunikationsformen ändern, zeigt die Karriere der Kurznachrichten per SMS: Im Jahr 2014 wurden in Deutschland noch 22,3 Milliarden SMS verschickt, 2018 waren es nur noch 8,9 Milliarden.

Ist das Postwesen also Geschichte? Von wegen. Noch immer werden analoge Briefe verschickt, auch wenn man das Gefühl haben kann, dass fast nur Zahlungsaufforderungen, Werbung und automatisch verfasste Behördenschreiben im Briefkasten liegen. Die Umsätze in diesem Bereich gehen seit Jahren leicht zurück. Sie lagen laut Bundesnetzagentur 2018 bei 8,4 Milliarden Euro, 2010 waren es neun Milliarden. Die Nachfolgeunternehmen der Bundespost, Deutsche Post DHL Group, Deutsche Telekom und Postbank, behaupten sich am Markt. Vor allem die digitalisierte Warenwelt braucht immer mehr Menschen, die Pakete zum Empfänger bringen. Sie benötigt ein ständig wachsendes Heer von Dienstboten, darunter die 380 000 Mitarbeiter des Expressdienstleisters DHL, der sich als "weltweit führende Marke in der Logistik" bezeichnet.

Das stilisierte Posthorn, bis heute das Logo des Unternehmens, hat die Zeiten überdauert. Und irgendwie passt es zur hektischen Gegenwart, dieses historische Blasinstrument. Schließlich sind wir inzwischen alle als Postillons in eigener Sache unterwegs.

© SZ vom 02.01.2020
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