Telekom Missbraucht die Telekom ihre Macht?

"Es gibt keine guten oder schlechten Technologien", sagt Telekom-Chef Tim Höttges. (Fotos: Sonja Marzoner, dpa; Collage: SZ)

Die Telekom versorgt mehr Haushalte in Deutschland mit einem Internetanschluss als jeder andere Anbieter - und muss sich nun dem Vorwurf stellen, dabei auf die falsche Technologie für die Zukunft zu setzen.

Von Varinia Bernau, Düsseldorf

Malte Götz steckte gerade mitten in den Abiturprüfungen. Aber die Sache war ihm wichtig. Es ging um die große Frage, wie viel Wettbewerb im Internet wirklich möglich ist. Damals, vor drei Jahren, hatte die Telekom angekündigt, das Datenvolumen bei Internetanschlüssen im Festnetz zu deckeln - und bei jenen, die dieses Volumen überschreiten, eine Bremse zu ziehen. Heikel war vor allem, dass gewisse Dienste, etwa das per Internet übertragene Fernsehangebot der Telekom, von der Regel ausgenommen waren. Kritiker sahen die Neutralität des Netzes in Gefahr. Entwickler neuer Dienste, etwa von Apps, wie auch Götz sie damals schon programmierte, hätten womöglich keine Chance, wenn die Telekom bestimmen würde, wer im Internet Vorfahrt hat.

Malte Götz, damals 18 Jahre alt, sammelte mehr als 200 000 Unterschriften gegen das Vorhaben und überreichte sie in der Konzernzentrale in Bonn. Er war wenige Wochen später auch bei der Hauptversammlung dabei, zu der Netzaktivisten eine Mahnwache gegen die "Drosselkom" abhielten. Später ruderte die Telekom zurück. Als Triumph hat Götz das nicht empfunden. "Einen Fortschritt gibt es bei der Netzneutralität noch immer nicht", sagt er. "Es ist ein auf der Stelle treten."

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...Megabit pro Sekunde erreichen die mit Vectoring getunten Kupferkabel der Deutschen Telekom zumindest in der Spitze. Kritiker halten dies dennoch allenfalls für eine Übergangstechnologie. Sie fordern Glasfaser.

Auch wenn Kabelnetzbetreiber wie 1&1, Unity Media oder das inzwischen zu Vodafone gehörende Kabel Deutschland zuletzt Marktanteile gewonnen haben, ist die Deutsche Telekom noch immer der größte Internetanbieter im Land. Mehr als 40 Prozent der Deutschen haben einen Internetanschluss bei dem einstigen Staatskonzern. Damit wächst auch die Verantwortung bei der Versorgung mit einem schnellen Netz.

Es geht darum, große Datenmengen schnell und sicher hin- und herzuschicken

Wenn an diesem Mittwoch die Aktionäre der Telekom zur Hauptversammlung in Köln zusammenkommen, dürfte es erneut um die Frage gehen, ob der Konzern seine Macht missbraucht. Ob er womöglich der Rendite wegen mit einer veralteten Technologie Deutschlands Zukunft verspielt. Eine Zukunft, in der das Internet die zentrale Infrastruktur wird, weil sich im weltweiten Wettbewerb Unternehmen vor allem dadurch durchsetzen, dass sie große Datenpakete schnell und sicher hin- und herschicken. Sei es in der Landwirtschaft, in vernetzten Fabriken - oder in der Medizin, wo Ärzte schon heute Ferndiagnosen erstellen und irgendwann vielleicht auch aus der Ferne operieren.

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...Milliarden Euro hat die Deutsche Telekom im vergangenen Jahr in den Ausbau ihres Netzes investiert, das ist etwa ein Achtel mehr als noch im Jahr zuvor. Das Geld floss in die Modernisierung von Mobilfunk und Festnetz, sowohl in Deutschland als auch über die Tochtergesellschaften im Osten Europas und in den USA.

Derzeit tobt ein heftiger Streit über das sogenannte Vectoring, der auch die Hauptversammlung der Telekom beschäftigen dürfte. Mit der Technologie lassen sich die alten Kupferleitungen aufbessern. Das ist schneller und billiger, als neue Glasfaserkabel zu verlegen. Allerdings kann dabei nur ein Unternehmen die Hoheit über wichtige Verteilstationen im Netz haben. Sonst kommt es zu Störungen. Die Telekom hat von der Bundesnetzagentur die Genehmigung zum Einsatz von Vectoring erhalten - auch weil sich nur so das von der Bundesregierung ausgegebene Ziel halten lässt, bis 2018 alle deutschen Haushalte mit Internetanschlüssen mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von 50 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) zu versorgen. Kritiker fürchten aber, dass nun ausgerechnet jene Wettbewerber behindert werden, die sich zuletzt beim Ausbau des Glasfasernetzes ins Zeug gelegt haben. Die Europäische Kommission hat sich deshalb die von der Bundesnetzagentur erteilte Genehmigung zu einer vertieften Prüfung vorgenommen.

Malte Götz hat inzwischen eine Firma gegründet, die im Auftrag von Unternehmen Apps entwickelt. Nebenbei studiert er. Götz ist einer von jenen jungen Deutschen, die auch die Telekom gerne hervorholt, wenn sie von all den Möglichkeiten der digitalen Welt schwärmt. Er packt die Dinge an, er kennt sich mit Technik aus. Er sagt, dass Kupferkabel eine veraltete Technologie sei. Vielleicht lasse sie sich mit einiger Ingenieurskunst noch auf 300 Mbit/s bringen. Viel mehr sei nicht drin. Glasfaser, das sei die Zukunft.

Der Ausbau mit Glasfaserkabeln ist teuer

"Es gibt keine guten oder schlechten Technologien", betont hingegen Telekom-Chef Tim Höttges. Im aktuellen Geschäftsbericht stellt er sich bereits der Frage nach dem Netzausbau. Er verweist auf die klugen Ingenieure des Unternehmens: Die erreichten zumindest im Labor schon Geschwindigkeiten von bis zu elf Gigabit/s. Dass dies allerdings nicht für die Geschwindigkeit gilt, mit der sich Daten ins Netz laden lassen, was beispielsweise in vernetzten Fabriken, der digitalen Landwirtschaft oder auch der Telemedizin immer wichtiger werden wird, sagt Höttges nicht.

Nun ist es keineswegs so, dass die Telekom sich nur darauf beschränkt, ihre Kupferkabel zu tunen. Auch sie treibt den Ausbau von Glasfaser voran. Jedes Jahr verlegt sie Glasfaserkabel über 30 000 Kilometer, im vergangenen Jahr wurden weitere 1,9 Millionen Haushalte an Glasfaser angeschlossen.

Alle deutschen Haushalte ans Glasfasernetz anzuschließen, darin sind sich alle einig, wird teuer. Und der Blick auf den bislang schleppend laufenden Netzausbau lässt daran zweifeln, ob viele kleine Anbieter das Zeug dazu haben, diese Milliardeninvestitionen zu tätigen. Laut einer Studie des Bankhauses HSBC kamen gerade einmal zehn Prozent aller Investitionen auf dem deutschen Telekommunikationsmarkt von kleinen Unternehmen. Das Gros stemmten die Großen: Telekom, Vodafone, Telefónica Deutschland und die Kabelnetzbetreiber. Die Telekom hat im vergangenen Jahr 3,9 Milliarden Euro in den Netzausbau in Deutschland investiert, sowohl im Fest- als auch im Mobilfunknetz, eine halbe Milliarde Euro mehr als im Vorjahr. Die Investitionssumme der Wettbewerber blieb bei 4,2 Milliarden Euro hingegen konstant.

Auch Malte Götz weiß, dass der Ausbau mit Glasfaser teuer ist. Und er versteht durchaus, dass sich ein großes Unternehmen dabei leichter tut. Aber er versteht nicht, warum die Telekom noch Geld in eine veraltete Technologie steckt. "Da werden Investitionen nur aufgeschoben." Eine Demo wird es diesmal nicht geben. Wie es im Streit um das deutsche Netz weitergeht, verfolgt Götz dennoch aufmerksam.

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