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Telefónica:Aus einer anderen Zeit

START NEUES VIAG HANDY-NETZ

Hallo, ist da wer? Die damaligen Viag-Interkom-Geschäftsführer John Samarron, Peter Briese und Burghardt Ziermann (von li.) beim Netzstart.

(Foto: DPA)

Die Mobilfunkfirma Telefónica Deutschland wurde vor 25 Jahren unter dem Namen Viag Interkom gegründet und ist ihrem Günstig-Prinzip treu ge­blieben. Um als vierter An­bieter zu bestehen, erfand Viag damals einen Home-Zone-Tarif.

Von Caspar Busse

Erst 25 Jahre ist es her, da war Telefonieren noch so etwas wie ein kleiner Luxus. 1995 kostete ein Handy-Telefonat von einer Minute ins Festnetz der gerade privatisierten Deutschen Telekom bis zu 1,70 D-Mark - das ist heute, in Zeiten von Flatrate und Cent-Minutenbeträgen, fast unvorstellbar. Aber der Mobilfunk stand erst am Anfang. Wer damals eines der ziemlich sperrigen und in der Regel schwarzen Handys mit Antenne und kleinem Display mit sich herum trug, fiel durchaus noch auf - und musste auch dafür zahlen.

Es waren also andere Zeiten, als am 21. Juli 1995 der Münchner Mischkonzern Viag (der dann ziemlich bald nach einer Fusion mit Veba im Energieunternehmen Eon aufgegangen ist) zusammen mit British Telecom in der bayerischen Landeshauptstadt eine kleine Firma gründete. Viag Interkom sollte groß in das Mobilfunkgeschäft einsteigen, die Landesregierung unterstützte den ambitionierten Plan. Zwei Jahre später erhielt das Unternehmen dann auch die Lizenz zum Start eines Mobilfunknetzes. Viag Interkom war der vierte Anbieter - und startete bereits mit ziemlichem Abstand zur Deutschen Telekom, Vodafone und dem damaligen E-Plus. Die Großen mit ihren Netzen, die D 1 und D 2 hießen, hatten den Markt nämlich bereits unter sich aufgeteilt. Wo sollte da noch Platz für etwas Neues sein?

Die Münchner erfanden in ihrer Not damals die sogenannte Home-Zone mit dem Tarif Genion: Die Mobilfunkkunden konnten in einem bestimmten Umkreis ihres Festnetzanschlusses zu einem deutlich günstigeren Tarif telefonieren. So hatte Viag Interkom bald den Ruf des Billiganbieters weg. Heute gibt es das Unternehmen immer noch: Nach mehreren Besitzerwechseln und einigen großen Übernahmen ist Telefónica Deutschland immer noch da, mit der Marke O2 sogar einer der drei großen Mobilfunkunternehmen in Deutschland. Nach der Zahl der Kundenanschlüsse ist die Firma, die oft mit mangelnder Netzqualität kämpft, die Nummer Eins, denn noch immer telefonieren vor allem Privatkunden mit O2. Am Umsatz gemessen sind Telekom und Vodafone in Deutschland dagegen größer, denn sie haben deutlich mehr Geschäftsklientel.

Die "Demokratisierung von High-Tech" und "Kundenerlebnis zum besten Preis" sei von Anfang an das Ziel gewesen, sagt Markus Haas, der seit 2017 Vorstandsvorsitzender ist. Er muss es wissen, denn der inzwischen 48 Jahre alte Münchner ist fast von Anfang an dabei. Nach seinem Jurastudium kam er 1998 zu Viag Interkom, er gehörte damals zu den ersten 300 Mitarbeitern. Anfangs kümmerte er sich vor allem um Rechtsfragen und hat Verträge ausgearbeitet. Haas erlebte, wie Viag Interkom 2000 für sehr viel Geld UMTS-Lizenzen erwarb. 2002 wurde aus der Firma O2 Deutschland, 2005 stieg der spanische Telefónica-Konzern ein, 2012 ging das Unternehmen, das inzwischen auch Festnetzanschlüsse anbietet, in Deutschland an die Börse. 2014 fusionierte O2 mit E-Plus zum heutigen Unternehmen, der größte Zusammenschluss im deutschen Mobilfunkmarkt. Die blaue Welt von O2 und die grüne Welt von E-Plus sowie die beiden Netze wurden zusammengeführt, was ein ziemlicher Kraftakt war. Das Projekt hieß intern auch K 2, nach dem zweithöchsten Gipfel der Welt, dessen Besteigung als besonders schwierig gilt.

2019 machte Telefónica Deutschland, das seinen Hauptsitz noch immer in München hat, mit 8500 Mitarbeitern einen Umsatz von 7,4 Milliarden Euro. Jetzt müssen vier Milliarden Euro in den Aufbau eines 5G-Netzes investiert werden. Es soll ein Sprung werden: "Mit 5G werden wir zum Trampolin der Digitalisierung", so Haas. Gefeiert wird der 25. Geburtstag übrigens nicht - wegen Corona.

© SZ vom 20.07.2020
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