Telefónica Die Millionen-Chance

Ohne Smartphone geht nichts mehr. Telefónica profitiert davon. Das Unternehmen will mit der Marke O2 ein eigenes Bankkonto anbieten.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Zum ersten Mal stößt ein Telefonanbieter ins Gefilde der deutschen Banken vor und bietet ein mobiles Konto am Smartphone an. Seine hohe Kundenzahl macht Telefónica zur ernsten Konkurrenz.

Von Andrea Rexer

Disruptiv ist ein großes Wort. Streng übersetzt bedeutet es "zerreißen". Weil das toll klingt und Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist es zum Lieblingswort all jener geworden, die sich mit digitalen Geschäftsmodellen beschäftigen. Auch die Finanzbranche hat das Wörtchen für sich entdeckt, sogenannte Fintechs, also Start-ups, die Banken Paroli bieten wollen, erleben einen regelrechten Hype. Zwar bieten viele von ihnen schicke Smartphone-Apps an oder werkeln im Hintergrund an wichtigen Schnittstellen. Doch zur echten Disruption, die eine Branche tief gehend verändert, fehlt den Fintechs bisher vor allem eines: Kunden.

Mit diesem Pfund kann jemand wuchern, der bisher in Sachen Bankdienstleistungen seine Füße stillgehalten hat: die Telefonanbieter. Doch jetzt will Telefónica mit seiner wichtigsten Marke O2 ein vollwertiges Bankkonto anbieten. In wenigen Wochen wolle man "O2 Banking" vorstellen, bestätigte ein Sprecher des Unternehmens. Es wäre das erste Konto dieser Art in Deutschland. Kooperationspartner ist nicht etwa eine der Großbanken, sondern die Fidor Bank aus München, die sich seit Jahren als Vorreiter bei Innovationen im digitalen Bankgeschäft positioniert. Weder Fidor noch Telefónica wollten auf Nachfrage der Süddeutschen Zeitung weitere Details zu dem Angebot geben. Der mediale Aufschlag soll erst in "einigen Wochen" kommen.

Interessant ist der Vorstoß auch deswegen, weil Experten schon lange davon ausgehen, dass die Telefonkonzerne in Deutschland ins digitale Banking drängen. "Der Schritt ist bemerkenswert. Womöglich wachen jetzt auch die anderen Telefonanbieter auf", sagt Peter Barkow, Experte für Digitales Banking. Diese Art von Konkurrenz bringt sowohl Fintechs als auch Großbanken unter Druck, weil sie enorme Kundenzahlen mitbringen.

Telefónica hat in Deutschland 19 Millionen Vertragskunden in der Mobiltelefonie, das neue Banking wird allerdings zunächst nur den O2-Kunden angeboten. Wie viele das sind, veröffentlicht Telefónica nicht. Sollte der Testballon jedoch funktionieren, könnte das Unternehmen das Angebot leicht auf alle seine Marken - unter anderem Simyo oder Base - ausdehnen.

Dass Telefongesellschaften ins Banking gehen, ist nicht ungewöhnlich. Vor allem in Entwicklungsländern, in denen es keine Bankeninfrastruktur gibt, ist es sogar der Standard. Kenia ist dafür ein gutes Beispiel: Hier zahlt fast jeder per SMS. Ein solches Szenario ist in Deutschland allerdings fern jeder Realität. Zu bequem und verlässlich ist das Bezahlen per Karte oder in bar. Wenn es um reine Bezahlfunktionen geht, stehen auch die Internet-Giganten wie Amazon, Google und Facebook in den Startlöchern. Sie haben bereits Finanz-Ableger gegründet, bisher ist allerdings keiner davon in Deutschland aktiv.

Telefónica will das Smartphone zu einer zentralen Schaltstelle im Leben der Kunden machen

Allerdings lässt die Ankündigung von Fidor und Telefónica darauf schließen, dass ihr Angebot weit über eine Zahlungsfunktion hinausgeht. Vielmehr dürften sie sich an Apps wie number26 orientieren, mit denen sich alle möglichen Bankgeschäfte abwickeln lassen. Allerdings hat number26 keine eigene Banklizenz. Vorstellbar ist aber, dass die neue Konto-App unter dem Dach von O2 - ähnlich wie Konten bei der Fidor-Bank - für Kunden kostenlos sein wird. Wie viele dann den Service nutzen werden, wird auch davon abhängen, wie leicht sich das Konto eröffnen lässt. Also etwa davon, ob es möglich sein wird, sich bequem von Zuhause per Video zu identifizieren. Interessant wird auch sein, welche Zusatzfunktionen das Konto bieten wird, die über ein gewöhnliches Girokonto hinausgehen.

In die Gesamtstrategie des Telefonanbieters passt das neue Angebot perfekt. Denn Telefónica versucht durch verschiedene Angebote, das Smartphone zu einer zentralen Schaltstelle im Leben ihrer Kunden zu machen. Je mehr sie damit erledigen können, desto besser - so die Herangehensweise. Interpretiert O2 die neue Konto-App als Kundenbindungsprodukt, könnte man sich auch verschiedene Möglichkeiten der Quersubventionierung vorstellen: etwa, dass es für Sparguthaben statt Zinsen Freiminuten gibt.

Für Fidor ist die Kooperation ein großer Sprung nach vorn. Die Münchner Bank ist erst seit 2009 am Markt. Sie hat derzeit 115 000 Kunden und 120 Mitarbeiter. Gelingt das Experiment mit O2, dürften wohl einige Stellen ausgeschrieben werden.