Forschen und Gründen:Auf der Suche nach den deutschen Stanfords

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Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger bei der Start-up-Veranstaltung der UnternehmerTUM. (Foto: Simon Roloff/Unternehmer TUM)

An den Universitäten wird überlegt, wie man leichter Start-ups ausgründen kann. Unterstützung kommt von der derzeit umstrittensten Ministerin aus Berlin.

Von Jannis Brühl

Der sprichwörtliche Elfenbeinturm hat zwei Missionen. Die erste ist die Forschung, die zweite die Lehre, die klassischen Aufgaben der Universitäten und Hochschulen eben. Und dann gibt es die, die dem eine dritte Mission hinzufügen möchten. Sie wollen Wissen und Technologie aus den Hochschulen in die Gesellschaft bringen. Den Elfenbeinturm abreißen sozusagen.

An dieser dritten Mission arbeitet Helmut Schönenberger. Er ist Ingenieur, Professor an der TU München und Chef der UnternehmerTUM. Das Gründerzentrum der Universität wurde von der BMW-Erbin Susanne Klatten gegründet, Schönenberger sieht es als Vorbild für Deutschland.

Das macht er am Mittwoch klar, als er gemeinsam mit Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger in München für mehr Ausgründungen und den Transfer von Patenten aus den Unis in ihre Start-ups wirbt. Damit der Elfenbeinturm viele neue Unternehmen von Studenten und Promovenden ausspuckt. In der Forschung ist Deutschland führend, aber mit all dem Wissen wird Schönenberger zu wenig gegründet. Der Staat müsse „innovationsfreundliche Rahmenbedingungen“ schaffen. Mit so einem Auftrag aus der Politik könnten „selbst Bedenkenträger abgeholt werden“.

US-Unis wie Stanford machen es vor, aus ihrem Start-up-Ökosystem kommen unter anderem Instagram und Google. In Deutschland hätten Berlin, München und Darmstadt wegen ihrer Hochschulen und Forschungseinrichtungen die meisten Start-ups pro Einwohner, rechnet Schönenberger in einem Videocall vor der Veranstaltung vor. Einzelne Unis schafften es aber kaum, mit den akademisch-unternehmerischen Ökosystemen in Kalifornien, Texas oder Massachusetts mitzuhalten. Schönenberger sagt über Deutschland: „Viele Unis forschen und machen herausragende Lehre, jetzt brauchen sie noch eine genauso gute Strategie für Ausgründungen.“

„Wir brauchen eine breite Allianz für mehr Gründergeist.“

Ein Prozent der Uni-Budgets müsse für die „dritte Mission“ zur Verfügung gestellt werden. Deutsche Universitäten müssten sich stärker spezialisieren. Auf Luftfahrt, KI, Gesundheitswesen, Lebensmitteltechnik – statt in den Feldern miteinander zu konkurrieren.

Stark-Watzinger sagt: „Wir brauchen eine breite Allianz für mehr Gründergeist in Deutschland.“ Die Ministerin ist nach München gekommen, während sie in Berlin unter Druck steht. Tausende Wissenschaftler – darunter vier von der TU München – haben sich gegen sie gestellt, weil es in ihrem Ministerium Überlegungen gab, Professoren und Professorinnen für politische Äußerungen Fördergeld zu streichen. Die Lehrenden hatten sich gegen den Polizeieinsatz in einem propalästinensischen Protestcamp an der TU Berlin eingesetzt. Die Staatssekretärin, die Stark-Watzinger zufolge allein verantwortlich sein soll, wurde entlassen. Doch viele Wissenschaftler machen die Ministerin selbst verantwortlich.

In München gibt es keinen Protest. Stark-Watzinger betont den politischen Wert von Ausgründungen der Universitäten: „Das Beherrschen von Technologien ist ein Souveränitätsfaktor.“ Nach althergebrachtem Verständnis der Hochschullandschaft bedeutet das selbstverständlich eine Kommerzialisierung. Die Verwertbarkeit der Forschung soll mehr zählen, das zeigt sich bei den Patenten. Mit einem möglichst reibungslosen IP-Transfer – IP steht für Intellectual Property (geistiges Eigentum) – aus den Unis würden Ausgründungen stehen und fallen, sagt Schönenberger. Aus Europa kämen im Vergleich mit den USA ohnehin zu wenige Patente in Zukunftsfeldern wie angewandte künstliche Intelligenz (KI) sowie Materialien und Computer der nächsten Generation.

Drei Gründer und Gründerinnen aus dem Stall der TU München präsentieren sich Stark-Watzinger bei der Veranstaltung. Auch sie betonen, wie wichtig Patentfragen bei ihren Gründungen gewesen seien, ob für Roboter oder 3-D-Drucktechnik.

Gründerin Maria Laparidou stellt der Ministerin ihr Start-up Orbem vor. Ihre Technologie ist ein mit KI verstärkter Kernspintomograf. Er kann auf Förderbändern eingesetzt werden, um Eier zu scannen. So sollen weniger männliche Küken geschreddert werden, für die Legebatterien keine Verwendung haben.

Denn die Stärke von KI ist das Wahrnehmen von Mustern. Orbem verspricht, ihre Technik könne Eier mit männlichen Küken-Embryos und auch Eier ohne Embryos erkennen. Diese Eier werden aussortiert und zum Beispiel zu Tierfutter verarbeitet. So müssen keine Küken mehr getötet werden. Auf Englisch heißt der Prozess in-ovo sexing. Stark-Watzinger befindet: „Ein Paradebeispiel dafür, dass KI den nächsten großen Sprung ermöglicht.“

Ein anderer Gründer hat eine Technik entwickelt, Kunststoffe im 3-D-Druck mit LED-Licht statt Lasern zu erhitzen. Das soll Geld sparen. Da scherzt Stark-Watzinger: „Wir bauen gerade ein Forschungsschiff, die Polarstern – können Sie die ausdrucken?“

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