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Technik für Kinder:Wie funktioniert denn das?

Kano Computerkit

Mehr als 150 000 solcher Computer-Bausätze hat Kano weltweit verkauft. Nun bringt das Londoner Unternehmen auch Sensoren auf den Markt.

(Foto: privat)

Fast jeder verwendet einen Computer, doch was darin passiert, weiß kaum einer. Eine junge Firma will das ändern: mit Bausätzen.

Von Björn Finke, London

Eine laute und belebte Straße in Whitechapel, dem armen bis hippen Einwandererviertel im East End, dem Osten Londons. Es gibt bengalische Imbisse, einen Teppichladen, auf dem Bürgersteig Obststände. Ein Bistro lädt zum Verweilen ein. Wer durch das Bistro hindurchspaziert, kommt an eine Tür: der Eingang zur Computerfirma Kano. Das Unternehmen mit gut 60 Beschäftigten residiert in einem großen Raum hinter dem Café. Junge Menschen sitzen vor Reihen von Bildschirmen, in der Ecke steht die bei Start-ups unvermeidliche Tischtennisplatte. Die Wand des abgetrennten Besprechungszimmers bilden gestapelte Kano-Pappkartons.

"Als wir 2013 die ersten 200 Prototypen verschickt haben, mussten wir die Kartons für die Verpackung von Hand falten", sagt Alex Klein, Gründer und Chef. Diese Zeiten sind vorbei: Jetzt werden die Computer-Bausätze für Kinder und erwachsene Tüftler in China gefertigt und dann weltweit verkauft. In den Vereinigten Staaten, dem wichtigsten Markt der Londoner, führen inzwischen die Buchhandelskette Barnes & Noble und der Spielwaren-Konzern Toys R Us die Bausätze.

Finanzinvestoren und Apple-Mitgründer Steve Wozniak unterstützen die Gründer

Deutsche Kunden können Kanos Rechner bisher dagegen nur für durchaus happige 200 Euro beim Internetshop der Briten bestellen. Dafür erhalten sie einen Computer - eine scheckkartengroße Leiterplatte -, Kabel, ein Gehäuse, eine Speicherkarte mit Lernprogrammen, eine Tastatur, einen Sender für drahtloses Internet und einen Lautsprecher. Plus ein kindgerechtes Handbuch, das Schritt für Schritt erklärt, wie aus den Teilen ein Rechner wird. Für den brauchen die Nutzer einen Monitor, oder sie kaufen einen zweiten Bausatz, mit dem sie einen Bildschirm zusammenstecken können. Läuft der Rechner, können die Bastler mit Spielen und Übungen die Grundzüge des Programmierens lernen.

"Wir sind von Computern umgeben", sagt Klein. Aber die meisten Menschen wissen nicht, wie das Innere eines Rechners aussieht oder wie Software funktioniert. "Unsere Bausätze sollen Computer entmystifizieren", sagt der 26-Jährige. "Wir wollen das Lego für Computer werden."

Der Bedarf daran scheint da zu sein: Ende 2013 warb Klein auf Kickstarter um Geldgeber, einer Internet-Plattform, bei der Kleinanleger in Start-ups investieren können. Das Ziel waren 100 000 Dollar, doch am Ende steckten 13 387 Interessenten 1,5 Millionen Dollar in das Projekt. Einer der Unterstützer war Apple-Mitgründer Steve Wozniak. Seit dem Verkaufsstart im Herbst 2014 schlug Kano mehr als 150 000 Bausätze los. Die meisten Nutzer seien zwischen sechs und 14 Jahre alt, sagt Klein, aber auch Erwachsene versuchten sich daran. Im Frühjahr 2015 machten Finanzinvestoren weitere 15 Millionen Dollar für das Unternehmen locker.

Der eigentliche Computer, die Leiterplatte, ist ein Raspberry Pi. Das ist der abgespeckte Mini-Rechner der gleichnamigen Firma aus Cambridge. Die Himbeere - so die Übersetzung - kostet nur gut 35 Euro; sie ist beliebt bei Tüftlern, die damit etwa eine Steuerung fürs Garagentor basteln. Den Preisunterschied zu Kanos Paketen erklärt Klein damit, dass seine Bausätze neben der Leiterplatte eben auch Zubehör enthielten sowie das Handbuch und Lernsoftware. "Wir liefern eine Komplettlösung, die wirklich kinderleicht ist", sagt er.

Der Gründer studierte an den Elite-Hochschulen Yale und Cambridge Wirtschaft und Politik, danach arbeitete er als Technik-Journalist. Er schrieb unter anderem über den Erfolg des Raspberry Pi. Dann äußerte sein kleiner Cousin, der damals sechsjährige Micah Klein, den Wunsch, er wolle einen Computer bauen, alleine und ohne Hilfe von Erwachsenen. Daraus entstand die Idee für Kano. Der Name bezieht sich auf Kano Jigoro, den Japaner, der Judo entwickelte und es Einsteigern so erleichterte, asiatischen Kampfsport zu erlernen.

Die Firma will nun weitere Bausätze auf den Markt bringen. Den Start machte im Juli ein Pixel Kit zum Zusammenstecken, ein Raster aus bunten LED-Lichtern. Der Nutzer kann Spiele oder eine Uhr programmieren und auf dem Lampengatter anzeigen lassen. Bastelsätze für eine Kamera und einen Lautsprecher werden folgen, genau wie Sensoren. Die Sensoren können Temperatur und Luftfeuchtigkeit messen, Bewegungen erkennen und Geräusche registrieren. In diesem Monat stellte Kano schon einmal den Bewegungssensor vor.

Die Sensoren vergrößern die Möglichkeiten beim Programmieren. Software-Tüftler könnten dem Rechner etwa vorschreiben, dass er die Raumtemperatur auf dem Pixel-Raster angibt. Damit werde Kano interessant für Bastler, die ihre Wohnung mit Sensoren aufrüsten wollten, sagt Klein. Das vernetzte Heim, Haushaltsgeräte, die per Internet kommunizieren, seien schließlich wichtige Zukunftsthemen. "Kano wird sich vom Lego für Computer zum Ikea für Computer entwickeln", sagt er. An ehrgeizigen Zielen mangelt es dem Gründer nicht.

© SZ vom 30.08.2017
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