Technik-Firmen an der Börse:Zu viele Einhörner

Apple CEO Tim Cook speaks at the WSJD Live conference in Laguna Beach

Die Börsenaufsicht könnte sich noch mit Tim Cooks privater E-Mail beschäftigen.

(Foto: REUTERS)

Die Kurse der Technik-Firmen fallen. Was bedeutet das für Startups, die den Börsengang planen - und bereits mit Milliarden von Dollar bewertet wurden?

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es war Tim Cook dann doch ein Bedürfnis, mal ein paar Dinge klarzustellen. Die Lage in China sei keineswegs brenzlig für sein Unternehmen, höchstens ein "kleiner Hubbel" auf einer ansonsten geraden und mit wenigen Hindernissen versehenen Strecke zum Erfolg.

Das war im Juli, als er die Investoren während eines Telefonats anlässlich der Quartalszahlen beruhigte, am Montag dann sah sich der Apple-Chef erneut genötigt, für Apple zu werben. "Ich bekomme jeden Tag frische Zahlen, wie wir uns in China schlagen, auch heute Morgen - und ich kann Ihnen sagen, dass wir im Juli und August in China anständig wachsen", schrieb er in einer E-Mail an den CNBC-Moderator Jim Cramer, deren Inhalt das Unternehmen mittlerweile bestätigte: "In den vergangenen zwei Wochen hatten wir die besten Zahlen des Jahres in China, was das iPhone betrifft."

Facebook, Microsoft, Yahoo: Alle müssen Verluste hinnehmen

Natürlich darf der Geschäftsführer von Apple hin und wieder mal darauf hinweisen, dass es seinem Unternehmen prächtig geht und dass es gar keinen Grund gibt, an einer erfolgreichen Zukunft zu zweifeln - auch wenn sich die Börsenaufsicht mit der privaten E-Mail beschäftigen könnte. Es ist dann aber doch interessant, dass Cook das an diesem Montagmorgen tat, nachdem der Aktienkurs von Apple um 13 Prozent gefallen war. Auch andere Technikunternehmen wie Facebook, Microsoft, Yahoo, Twitter, Netflix und Google mussten zunächst gewaltige Verluste hinnehmen.

Natürlich hat die aktuelle Nervosität an den Börsen weltweit weniger mit den Silicon-Valley-Platzhirschen zu tun, jedoch führen derartige Kursrutsche zu der in regelmäßigen Abständen auftauchenden Frage, ob es sich bei dieser Branche nicht um eine gewaltige Blase handelt, die bald platzen dürfte. Vor allem aber werfen die Korrekturen der vergangen Tage die Frage auf: Was passiert mit all den Einhörnern?

So werden die Unternehmen bezeichnet, nach denen die Geldgeber verzweifelt suchen. Sie heißen so, weil sie so selten sind, unglaublich schwer zu identifizieren und einzufangen. Also jene Startups, die irgendwann einmal so wertvoll werden, dass sie all die Verluste mit weniger erfolgreichen Firmen auffangen. Allerdings: Einer Studie der Marktforschungsfirma CB Insights zufolge gibt es weltweit mittlerweile 131 Startups, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet werden, die Einhörner sind zu einer gewaltigen Herde gewachsen.

Ende einer Ära

Die National Venture Capital Association errechnete kürzlich, dass Finanzinvestoren im vergangenen Jahr fast 50 Milliarden Dollar in Unternehmensgründungen gesteckt haben, 19,2 Milliarden Dollar mehr als im Vorjahr.

Diese Startups sind private Unternehmen, die den Börsengang hinauszögern, in Investorenrunden Kapital einsammeln und im Verborgenen werkeln, ohne Zahlen veröffentlichen zu müssen. Die Aufregung ist nur dann groß, wenn durch geleakte Dokumente etwa herauskommt, dass Snapchat im vergangenen Jahr Verluste von knapp 130 Millionen Dollar hinnehmen musste, Uber gar 470 Millionen. Lohnt es sich wirklich, in solche Unternehmen zu investieren - oder sind es am Ende womöglich doch nur gewöhnliche Pferde?

Die Startups müssen jetzt beweisen, dass sie tatsächlich besonders sind

"Viele der Geldgeber waren 1999 noch nicht da - sie wissen über Finanzmärkte nur das, was in den vergangenen zwei Jahren passiert ist", sagt Bill Gurlay, einer der bekanntesten Investoren: "Sie glauben deshalb, dass das Geld billig ist und dass es immer aufwärts geht." Diese Zeiten würden sich nun ändern, wie Gurley am Montag bei Twitter schrieb: "Wir nähern uns dem Ende der Ära, in der Wachstum höher bewertet wird als Rentabilität. Investoren werden sich wieder eher darauf konzentrieren, ob das Geschäftsmodell durchführbar ist und zu Ertrag führt. Für viele dürfte das einen gewaltigen Wandel darstellen."

Die Unternehmen müssen beweisen, dass sie tatsächlich besonders sind und dass sie tatsächlich Gewinne generieren müssen. Genau das hat Cook am Montag mit seiner E-Mail an den Moderator der Sendung "Mad Money" getan: Er hat verdeutlicht, dass sein Unternehmen eines der seltensten Einhörner der Welt ist: "Ich kann nicht in die Zukunft blicken, aber unsere Zahlen in diesem Quartal sind beruhigend." Es funktionierte: Der Kurs des Unternehmens erholte sich, am Mittag verzeichnete das Papier gar Gewinn, am Ende des Tages lag der Verlust bei weniger als zwei Prozent.

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