Tech-Firmen im Silicon Valley:Männliche Stereotypen der Fünfziger

Nun stehen die Firmen im Tal der Erfinder damit nicht alleine da. In anderen technisch geprägten Branchen wie etwa der Rüstungsindustrie oder dem Maschinenbau besteht das Ungleichgewicht schon lange. Doch die Tech-Industrie tritt mit dem Versprechen an, alles besser zu machen - wie konnte sie hier scheitern?

Die Wahrheit ist: Die Eigenschaften, die rund um die Bay von San Francisco mit Erfolg assoziiert werden, entsprechen zum Großteil den alten männlichen Stereotypen der Fünfziger. Die Kreativität, Produkte zu entwickeln, ist nur die eine Seite. Sie ist nichts wert ohne die Durchsetzungskraft, die rhetorischen Fähigkeiten und das überbordende Selbstbewusstsein, das für dessen Verkauf notwendig ist.

In den Pitches, Kurzvorträgen vor Investoren, sind keine Zweifel oder Nuancen erlaubt. Wer schon schwache Ideen wie "ein Snapchat für Dokumente" hat, muss diese zumindest überzeugend vortragen. Scheitern ist erlaubt im Silicon Valley, schlechte Verkaufe nicht.

Nicht nur dass Frauen - oder Vertretern eher zurückhaltender Kulturen wie der asiatischen - diese Art der Selbstüberdrehung nicht liegt; in der Regel sehen sie sich auch noch einer Armada weißer Männer gegenüber, die das Geld der Investoren verteilen - und allzu oft nach ihresgleichen suchen. "Ich kann von jedem reingelegt werden, der wie Mark Zuckerberg aussieht", gab einmal Paul Graham zu, der das bekannte Gründungszentrum Y Combinator entwickelte. "Wir haben mal einem Typen Geld gegeben, der sich danach als furchtbar entpuppte. Ich habe gesagt: Wie konnte er nur so schlecht sein? Antwort: Er sieht wie Zuckerberg aus!"

Was als Witz gemeint war, ist in der Realität unangenehm - zumindest wenn man nicht wie der Facebook-Chef aussieht: männlich, weiß und jung. Die Tech-Szene im Valley wird gerne als System überlappender Spinnennetze beschrieben, in dem alle in irgendeiner Form vernetzt sind. Doch was Ideen und Geschäfte beschleunigt, kann auch Gleichförmigkeit fördern.

Dass sich gerade Frauen in dieser Atmosphäre häufig unwohl fühlen, ist kein Geheimnis. Entwicklerinnen berichten davon, wie sie schon im Studium Sätze wie "Oh, für eine Frau kannst du gut programmieren" zu hören bekommen - und sich die Diskriminierung dann während ihrer Berufslaufbahn fortsetzt, von niedrigeren Gehältern bis zu Entgleisungen männlicher Kollegen.

"Wir wollten einfach nur tun, was wir lieben"

Im Mai verfassten neun Mitarbeiterinnen der Technologie-Branche ein Manifest zur Situation der Frauen in der IT-Branche. Sie berichten darüber, wie sie in Bewerbungsgesprächen nach ihrem Beziehungsstatus gefragt, per Mail als Huren beschimpft oder auf Veranstaltungen begrapscht wurden. "Das ist nicht, was wir uns erwartet haben. Wir wollten einfach nur tun, was wir lieben", sagen sie.

Start-ups wie Snapchat, Tinder oder Github, aber sogar die einflussreiche Investmentfirma Kleiner Perkins, sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, frauenfeindliches Verhalten zu tolerieren oder sogar zu begünstigen. Erst vor wenigen Tagen twitterte eine Programmiererin aus einem Restaurant in Toronto, wie zwei IBM-Mitarbeiter sich am Nebentisch darüber ausließen, wegen möglicher Schwangerschaften auf keinen Fall Frauen einstellen zu wollen.

Offiziell ist die Bereitschaft groß, die Situation zu verbessern, echtes Problembewusstsein aber kaum vorhanden. Unter vier Augen erzählte jüngst der Mitgründer eines Unternehmens, das wegen frauenfeindlicher Vorfälle in die Schlagzeilen geriet, dass die Angelegenheit die Medien interessiere, nicht aber Mitarbeiter und Kunden. "Immerhin erhalten wir weiterhin Bewerbungen auch von Frauen", sagte er - und hält das offenbar für ein Verdienst.

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