Tarifkonflikt Lufthansa-Piloten lenken ein

Es war nicht mehr eine Frage des ob, sondern nur des wann. Doch nun kommt womöglich alles ganz anders: Mit einem Kompromissvorschlag kommt die Vereinigung Cockpit dem Management plötzlich weit entgegen.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Vier Tage lang hatten sich die 16 Mitglieder der neu gewählten Tarifkommission in der vorvergangenen Woche zurückgezogen, um sich kennenzulernen und zu beraten. Das Lufthansa-Management ahnte Böses, und viele dachten, es sei nicht mehr die Frage, ob, sondern, wann die Piloten der Fluggesellschaft zu einer neuen Streikrunde aufrufen würden. Aber nun kommt womöglich doch alles ganz anders.

Ende voriger Woche teilte die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) der Lufthansa in einem Schreiben mit, dass sie nun doch dazu bereit sei, "ein gemeinsames Bündnis für Wachstum und Beschäftigung mitzutragen". Dieses hatte der Konzern im Februar 2015 vorgeschlagen, um endlich den ruinösen Konflikt mit seinen Piloten aufzulösen. Es enthielt die Zusage für Wachstum, wenn die Piloten bei den Kosten Entgegenkommen zeigen. Fünf Monate lang hat die VC keine Antwort darauf gegeben, doch nun ist sie offenbar zu erstaunlichen Zugeständnissen bereit.

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Wenn sich die beiden Seiten tatsächlich, wie von der VC in Aussicht gestellt, einigen können, dann wäre dies für die Lufthansa ein riesiger Schritt hin zu mehr Wettbewerbsfähigkeit und ein großer Erfolg für Konzernchef Carsten Spohr. Denn erst als die VC sehen konnte, dass er mit seinen Auslagerungsplänen ernst macht, war sie zum Einlenken bereit. Ohne Kompromiss, so hatte Spohr gedroht, werde er das Kerngeschäft weiter schrumpfen lassen. Nun wollen sich die beiden Seiten bald zu neuen Verhandlungen treffen, die VC hält eine Einigung bis Anfang September für möglich.

Der Konflikt, bei dem es offiziell und anfangs nur um die Übergangsversorgung ging, war wegen Spohrs Plänen eskaliert, neben der Marke Lufthansa die Billigsparte Eurowings zu etablieren. Bei Eurowings sollen Piloten (und Flugbegleiter) deutlich weniger verdienen und effizienter fliegen, die Kosten sollen insgesamt etwa 40 Prozent unter Lufthansa-Niveau liegen. Und Spohr will die beiden Gesellschaften strikt voneinander trennen, um zu verhindern, dass die hohen Lufthansa-Kosten exportiert werden. Genau das wollten die Piloten aber nicht zulassen.

Mit ihren Kompromissentwurf versucht die VC nun, diesen Widerspruch aufzulösen. Sie schlägt vor, dass die Eurowings-Kurzstreckenpiloten künftig ähnlich viel verdienen sollen wie die Kollegen beim Billigflieger Easyjet. Die Gehälter der Langstreckenpiloten in der neuen Sparte sollen sich am Niveau der Condor orientieren. Und für die etablierten Lufthansa-Piloten soll eine Studie erstellt werden, bei der deren Gehälter und Arbeitsbedingungen mit jenen ähnlicher Fluggesellschaften verglichen werden sollen. Kommt dabei heraus, dass die Lufthansa-Crews deutlich mehr verdienen, sollen die Gehälter reduziert werden. Auch bei der Frühpensionierung kommt die Gewerkschaft dem Arbeitgeber entgegen, die Lufthansa-Piloten sollen künftig im Durchschnitt erst mit 60 Jahren in Rente gehen und nicht wie derzeit mit 58.

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Im Gegenzug verlangt die VC vor allem Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Gesellschaften. Ein Pilot soll seine Karriere bei Eurowings mit einem relativ geringen Gehalt beginnen, später aber in den besser bezahlten Eurowings-Langstreckenbereich oder sogar zur Lufthansa wechseln können. Dafür soll es eine gemeinsame sogenannte Senioritätsliste geben. Diese Liste bestimmt den Karriereweg der Piloten, denn durch sie wird definiert, wer auf ein größeres Flugzeug wechseln oder Kapitän werden darf.

Lufthansa kann mit einer einheitlichen Liste leben, wenn garantiert ist, dass die Bezahlung in den Geschäftsfeldern unterschiedlich bleibt. Denn je nach Zahl der Dienstjahre kostet den Konzern derzeit ein Langstreckenpilot rund das Doppelte dessen, was die Condor für ihre teuersten Mitarbeiter ausgeben muss.