Tagebau Garzweiler Wenn die Heimat von der Landkarte verschwindet

Garzweiler darf weiter wachsen. Für die von der Zwangsenteignung betroffenen Bürger gibt es nur noch eine Hoffnung.

13 Jahre lang geht Stephan Pütz durch alle Instanzen und kämpft juristisch gegen seine drohende Zwangsenteignung. Doch es hilft nichts. Garzweiler darf weiter wachsen und deshalb muss auch sein Haus dem Braunkohle-Tagebau weichen. Ihm bleibt jetzt nur noch eine Hoffnung.

Es gibt nur wenige Regionen auf der Erde, an denen der Mensch brutaler in die Natur eingegriffen hat als jene, die Stephan Pütz seine Heimat nennt: 1500 Menschen waren in besseren Zeiten in Immerath im Nordwesten von Köln zu Hause. Inzwischen ist es einsam geworden um Pütz. Etwa 100 Nachbarn leben noch in dem verlassenen Weiler. Gerade wurde der Dom entweiht. Der 700 Jahre alte Ort soll abgerissen und abbaggert werden, wie schon so viele im rheinischen Braunkohlerevier.

Dass auch sein Haus 2017 der Braunkohle weichen sollte, wollte Pütz, 50, nicht akzeptieren. Der Polizeikommissar hatte sich vorgenommen, die Bagger doch noch zum Stehen zu bringen - und klagte. 13 Jahre lang zog er gegen den Tagebau juristisch zu Felde und wehrte sich durch alle Instanzen gegen die drohende Zwangsenteignung. Sein Elternhaus im Nachbarort fiel 2006 dem Energiehunger zum Opfer. Pütz ließ sich nicht beirren und kämpfte weiter.

Für die Gegner des Braunkohle-Tagebaus in Deutschland war Pütz' mit seinem Weg durch alle Instanzen zum Hoffnungsträger geworden. Doch das Karlsruher Urteil wird für die Betroffenen in den Revieren zur Enttäuschung. Pütz und die anderen Verbliebenen im Geisterdorf werden wohl weichen müssen, weil das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil keine grundsätzlichen Bedenken gegen die gigantischen Vorhaben äußert.

Und so kann vor allem Garzweiler, der größte Tagebau Europas, in den nächsten Jahren weiter wachsen - trotz aller Bedenken von Umweltschützern, die den Klimakiller Kohle bekämpfen. Fünf Kilometer ist der Tagebau Garzweiler inzwischen breit und stellenweise etwa 250 Meter tief. Bis 2045 verschwinden für Garzweiler II insgesamt 18 Siedlungen und Weiler. Am Ende werden etwa 7600 Menschen ihre Heimat verloren haben.

Energiewende als letzte Chance

Pütz und den vielen anderen bleibt nur noch eine Chance: Der Ausstieg der Energiewirtschaft aus den umstrittenen Projekten. In Deutschland fördern die Energiekonzerne RWE und Vattenfall im großen Umfang Braunkohle. Doch die Energiewende hat vieles verändert. Die für die Kraftwerksbetreiber lange so lukrative Braunkohleverstromung ist durch den Boom bei grünem Strom zuletzt unwirtschaftlicher geworden. Die Kraftwerke stehen immer häufiger still. Längst stellt sich die Frage, wie lange es sich noch rentieren kann, ganze Dörfer umzusiedeln - und wie lange die Kohle überhaupt noch gebraucht wird.

Die Politik wird in Deutschland schon im nächsten Jahr wichtige Entscheidungen treffen müssen. Nach dem Urteil von Karlsruhe sei noch lange nicht Schluss mit dem Thema Garzweiler, sagte etwa Hans-Heiner Gotzen, der Erste Beigeordnete der Stadt Erkelenz. Die nordrhein-westfälische Landesregierung müsse im Frühjahr Farbe bekennen und im Zuge der nächsten Umsiedlung sagen, ob sie den Tagebau für energiepolitisch notwendig halte.

Für Pütz und seine Heimat Immerath könnte ein Stopp des Tagebaus in einigen Jahren zu spät kommen. Das Schlimmste sei die Unumkehrbarkeit, wenn ein Ort zuerst langsam verlassen werde und dann von der Landkarte verschwinde, sagt Pütz. Jeder Mensch versuche doch, sein Leben von einem Ausgangspunkt zu verstehen und seine Persönlichkeit mit Orten zu verknüpfen. "Unsere Wurzeln könnten bald verschwunden sein", sagt Pütz.