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SZ-Wirtschaftsgipfel:Schröder: "Wir hatten einen Plan"

Gerhard Schröder

Altkanzler Schröder kritisiert die Asylpolitik von Angela Merkel als planlos.

(Foto: dpa)
  • Altbundeskanzler Gerhard Schröder rechtfertigt die Agenda 2010 auf dem SZ-Wirtschaftsgipfel in Berlin.
  • An der aktuellen Außenpolitik stört ihn, dass die Türkei und Russland nicht ausreichend als wichtige Partner wahrgenommen werden.
  • Schröder kritisiert die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin als planlos, für machbar hält er die Integration der Hilfesuchenden dennoch.

Von Cerstin Gammelin, Berlin

Gerhard Schröder ist dafür bekannt, Säle und notfalls Wahlen drehen und gewinnen zu können. Freitagnacht, im Berliner Museum für Kommunikation, gibt es für den ehemaligen Bundeskanzler nichts zu drehen - die Zuhörer der Nacht der Wirtschaft tragen Schröder auf einer Welle des Beifalls, bevor das erste Wort gesprochen ist. "Ich rate abzuwarten, was ich sage", wehrte Schröder charmant ab - "ich bin hier, um auszuteilen". Schließlich müsse noch auf der einen oder anderen Sache Gleichstand her

Was Schröder als Gastredner zu sagen hatte, folgte dann eher dem Dreisatz Austeilen - Loben - Versöhnen. Und gleich ging es zur Sache - zu seiner Agenda 2010, die ihn einst das Amt kostete, aber Deutschland voranbrachte. Er sei ja hier auf einem Wirtschaftskongress, aber es mache keinen Sinn, in Konkurrenz mit Sinn zu treten - gemeint war Hans Werner Sinn, umstrittener orthodoxer Wirtschaftsprofessor. "Wir beide hatte in der Agenda immer recht, er im Übrigen immer unrecht".

Schröder rügt Merkels Politik gegenüber Türkei und Russland

Das Austeilen ging weiter gegen die Politik seiner Nachfolger. Das Angebot an die Türkei, eine privilegierte Partnerschaft mit Europa zu führen statt richtige Beitrittsverhandlungen, sei völlig falsch. Die Türkei sei ein Schlüsselstaat für Stabilität in Europa, ebenso wie Russland. Er habe viel Kritik einstecken müssen, dass er Russland an Europa habe heranführen wollen. Seine Nachfolger hätten das Gegenteil getan, jetzt allerdings einsehen müssen, wie wichtig beide Staaten sind. "Ich habe meine Position nicht ändern müssen, andere haben sich bewegt".

Lob gab es für die eigene Partei. An den Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel, der richtigerweise Flüchtlingskontingente für Europa fordere. Und an Außenminister Frank Walther Steinmeier, der die Wiener Verhandlungen um einen Frieden in Syrien vorantreibe.

Europa macht ihm keine Sorgen

Ein wenig Mitleid, oder vielleicht auch nur die Lust, versöhnlich zu stimmen, lag in seiner Stimme, als er um Verständnis für Merkels Flüchtlingspolitik bat - "Ich bin überzeugt, dass es geht, oder, wie man jetzt sagt, dass wir es schaffen". Gelächter. Schröder appellierte noch an die Einigkeit Europas, räumte aber ein, dass ihm der gegenwärtig eher desolate Zustand der Europäischen Union keineswegs den Schlaf raube. "Wenn ich nicht schlafen kann, dann denke ich an alles Mögliche, aber nicht an Europa", stellte er klar. Was aber genau ihm den Schlaf rauben könnte, blieb gut gehütetes Geheimnis.

Schröder brachte das Kunststück fertig, seine Nachfolgerin Angela Merkel in seiner nächtlichen Rede nicht namentlich zu erwähnen und doch über ihre Politik zu reden. Erst später, beim charmanten Plausch mit Chefredakteur Kurt Kister ("er hat regiert und ich habe darüber geschrieben") ließ er sich dazu hinreißen, ihren Namen zu erwähnen. Was der größte Unterschied zu Merkel sei, die ja wie er auch in der späteren Kanzlerschaft plötzlich gegen ihre Partei zu regieren gezwungen sei , wollte der Chefredakteur von Schröder wissen. "Der größte Unterschied zu Merkel ist, dass wir einen Plan hatten. Unsere Agenda". Und dass Merkel eben keinen hat, bei den Flüchtlingen.

© SZ.de/cmy
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