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SZ-Wirtschaftsgipfel:Schäuble: Dürfen Minderheiten nicht zu Sündenböcken machen

  • Wolfgang Schäuble äußert sich auffällig ruhig und gelassen zur künftigen Zusammenarbeit mit Donald Trump.
  • Er plädiert dafür, das Wahlergebnis endlich zu akzeptieren - und die US-Bürger nicht ständig zu belehren.
  • Der SZ-Gipfel findet vom 17. bis 19. November im Hotel Adlon in Berlin statt. Alle Texte und Videos finden Sie hier.

Jemand, der sich große Sorgen macht, sieht anders aus als Wolfgang Schäuble. Zumindest anders als jener Wolfgang Schäuble, der am Freitagmorgen auf der Bühne des SZ-Wirtschaftskongresses in Berlin sitzt. So betont lässig und entspannt, als stünde die Welt und mit ihr Europa nicht vor einer der herausforderndsten Phasen ihrer Geschichte.

Der bevorstehende Brexit, der künftige US-Präsident: Noch vor wenigen Tagen klang Schäuble durchaus besorgt, als er den "demagogischen Populismus" als gesamtwestliches Problem und nicht als eines der Vereinigten Staaten von Amerika bezeichnete. Von einem "besorgniserregenden Zustand" sprach Schäuble, den die politischen Debatten in Europa erreicht hätten.

Nun aber lässt er sich nichts anmerken. "Wir werden das alles überstehen", "Ich warte ab", "Alles nicht so schlimm": Schäuble spult solche Sätze immer wieder ab. Kurz scheint es, als müsse er sich davon vor allem selbst noch überzeugen, dann aber wird deutlich, woher diese Gelassenheit kommt: Schäuble hat sich mit der Situation abgefunden.

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Gelassenheit dank Akzeptanz

"Wir müssen das, was die Amerikaner wählen, irgendwann auch mal akzeptieren", sagt Schäuble. Er respektiere die Entscheidung der Amerikaner für Trump und halte nichts davon, vorschnell die Zusammenarbeit mit dessen Kabinett zu verkomplizieren. "Ich kenne Trump gar nicht, ich habe ihn noch nie persönlich getroffen", sagt er Finanzminister. Er selbst sei fest entschlossen, mit jedem Präsidenten und mit jedem amerikanischen Finanzminister gut zusammenzuarbeiten - aber letzterer stünde schließlich noch nicht einmal fest. "Warten wir jetzt erst einmal ab", sagt Schäuble.

Sowieso werde der neue US-Präsident noch früh genug von der Realität eingeholt, ist sich der Finanzminister sicher. "Lassen Sie einen, der eine Wahl gewonnen hat, mal ein paar Stunden feiern", schmunzelt er. "Die Wirklichkeit kommt relativ schnell."

Scharf kritisiert der Finanzminister jene, die den Amerikanern bereits vor der Abstimmung Wahlempfehlungen geben wollten. "Ich halte nichts davon, wenn wir glauben, wir sollten der Schulmeister sein für ganz Europa und auch darüber hinaus", sagt Schäuble.

"74 Jahre alt - das ist gar nicht so schlimm"

Doch es ist gerade Schäuble, der sich als deutscher Finanzminister immer wieder vorwerfen lassen musste, sich wie ein Schulmeister zu verhalten. Deutschland überlade andere europäische Länder wie Griechenland und Spanien mit seinem Ruf nach Reformen regelrecht, sodass diese unter Sparzwängen zu leiden haben, lautet der Vorwurf. Das weist er zurück: "Die Ursache für die Probleme in Europa sind nicht zu viele Reformen, sondern zu wenige", sagt Schäuble. Diese Reformen zu verzögern und Regulierungen sogar zurückzuschrauben sei "der größte Fehler", den man in Zeiten der Instabilität machen könne. "Wenn wir nicht höllisch aufpassen, bewegen wir uns auf die nächste Krise zu."

Schäuble selbst sagt, er sei bereit, noch eine weitere Wahlperiode lang mitzuhelfen, eine solche Krise zu verhindern. Erst kürzlich habe er seinem Wahlkreis im baden-württembergischen Ortenau erklärt, dass er durchaus bereit sei, noch einmal zu kandidieren. "Ich bin 74 Jahre alt, das ist bei der steigenden Lebenserwartung, die wir in Deutschland haben, gar nicht so schlimm", sagt er.

Für ihn gäbe es nur einen einzigen Grund, dem deutschen Bundestagswahlkampf im kommenden Jahr fern zu bleiben: Wenn die Art, in Deutschland Wahlkampf zu führen, sich der amerikanischen annähern würde; wenn es nicht mehr um Argumentation, sondern um Zerstörung gehen würde. "Ich möchte einen Wahlkampf in dieser Art in Deutschland nicht führen", sagt Schäuble. Man dürfe sich hierzulande nicht dazu herablassen, Minderheiten zu Sündenböcken zu machen, so wie es in den USA nun einmal geschehen sei. "Das endet da, wo wir in der deutschen Geschichte schon einmal waren, und das brauchen wir nicht", sagt Schäuble.

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