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SZ-Umfrage in Davos:Wie Konzernchefs die Zukunft der deutschen Wirtschaft sehen

Europa steckt noch immer in der Krise. Deutschland ist die Ausnahme. Wie geht es mit der Konjunktur im Jahr 2015 weiter? Was ist die größte Gefahr für die deutsche Wirtschaft? Antworten wichtiger Konzernchefs vom Weltwirtschaftsforum in Davos.

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Salzgitter AG

Quelle: dpa

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Deutschland ist gefragt in diesem Jahr in Davos. Nicht nur viele Minister, auch eine ganze Reihe von prominenten deutschen Unternehmenschefs sind in die Schweizer Berge gekommen. Sie sind in diesem Jahr beliebte Gesprächspartner. Denn die deutsche Wirtschaft läuft, "Made in Germany" ist eine Marke.

Das billige Öl und die Schwäche des Euros wirkt derzeit wie ein riesiges Konjunkturprogramm. So sind die deutschen Vorstandschefs meist gut gestimmt, aber es gibt auch Sorgen angesichts der geopolitischen Krisen. Zusammen mit den Verschiebungen durch den Ölpreisverfall könnte das negative Auswirkungen auf den freien Welthandel haben, von dem gerade die deutsche Industrie abhängt. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Süddeutschen Zeitung unter den wichtigsten deutschen Managern von Konzernen und Finanzinstituten auf dem Weltwirtschaftsforum.

Lesen Sie hier die alle Antworten der Umfrage.

Jürgen Fitschen

Quelle: dpa

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Jürgen Fitschen, Co-Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank

Russland-Krise, Terrorgefahr, Klimawandel - wo sehen Sie in Zukunft die größte Gefahr für die Wirtschaft?

Die geopolitischen Probleme sind im Moment überragend. Sie können zu einer Gefahr für die Wirtschaft werden, aber sie müssen sich nicht zwangsläufig negativ auswirken.

Europa steckt noch immer in der Krise. Deutschland ist die Ausnahme. Wie geht es mit der Konjunktur im Jahr 2015 weiter?

Deutschlands Wirtschaft wird in diesem Jahr um ein Prozent wachsen, mit dem Potenzial, besser ausfallen zu können. Grund dafür sind der niedrige Ölpreis und die kurzfristigen Effekte der monetären Maßnahmen der Europäischen Zentralbank.

Der Ölpreis fällt weiter. Ein Segen für die Weltwirtschaft und Ihr Unternehmen - oder eher eine Gefahr?

Der niedrige Ölpreis wird in den Importländern Kaufkraft freisetzen. Aber es wird gleichzeitig bei den Förderländern weniger ankommen - mit negativen Konsequenzen dort. Das wiederum könnten zu scherwiegenden Konsequenzen führen.

Deutsche Post AG Chief Executive Officer Frank Appel Interview

Quelle: Brent Lewin/Bloomberg

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Frank Appel, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post

Russland-Krise, Terrorgefahr, Klimawandel - wo sehen Sie in Zukunft die größte Gefahr für die Wirtschaft?

Auch wenn die Gefahr von tieferen geopolitischen Konfliktlinien zunimmt, führen uns Protektionismus und nationalistische Tendenzen auf den falschen Weg. Menschen und Märkte zu verbinden - und zwar durch freien globalen Handel - ist entscheidend, um diese Konfliktlinien zu überwinden.

Europa steckt noch immer in der Krise. Deutschland ist die Ausnahme. Wie geht es mit der Konjunktur im Jahr 2015 weiter?

Wir erwarten, dass sich die Weltwirtschaft weiterhin volatil entwickelt und in den nächsten Monaten allenfalls moderat wächst - vorausgesetzt, die Geldpolitik in den Industrieländern bleibt sehr expansiv. Sowohl in den Industrieländern als auch in den aufstrebenden Volkswirtschaften dürfte die wirtschaftliche Entwicklung sehr heterogen bleiben. Die meisten EU-Länder dürften in 2015 Wachstum verzeichnen.

Der Ölpreis fällt weiter. Ein Segen für die Weltwirtschaft und Ihr Unternehmen - oder eher eine Gefahr?

Die Ölpreisentwicklung ist eine Art "Wildcard": Das momentan niedrige Niveau muss nicht unbedingt so bleiben, der Preis sollte aber moderat bleiben - mit positiven Wachstumseffekten für Öl-importierende Länder, aber zunehmenden Herausforderungen für Öl-produzierende Länder.

Inside The 2015 North American International Auto Show (NAIAS)

Quelle: Bloomberg

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Rupert Stadler, Vorstandsvorsitzender des Autobauers Audi

Russland-Krise, Terrorgefahr, Klimawandel - wo sehen Sie in Zukunft die größte Gefahr für die Wirtschaft?

Wen man die Ereignisse der letzten Jahre betrachtet, vor allem die Folgen der Finanzkrise, muss man eigentlich sagen, dass die gesamte Wirtschaft in einen permanenten Krisenreaktionsmodus übergangenen ist. Einzelne Ereignisse stellen selten eine Gefahr für die Konjunktur dar. Schwierig wird es vor allem dann, wenn sich negative Einflüsse in kurzer Folge häufen.

Europa steckt noch immer in der Krise. Deutschland ist die Ausnahme. Wie geht es mit der Konjunktur im Jahr 2015 weiter?

Wir verkaufen bereits mehr als die Hälfte unserer Automobile außerhalb Europas. Deshalb sind für uns die Aussichten in Amerika und China enorm wichtig. Ich rechne mit Wachstum in China und den USA, aber auch mit einem leichten Wachstum der Automobilnachfrage in Westeuropa inklusive Deutschland.

Der Ölpreis fällt weiter. Ein Segen für die Weltwirtschaft und Ihr Unternehmen - oder eher eine Gefahr?

Bei Verbrauch und Emissionen gibt es klare Grenzwerte, auf die wir hinarbeiten. Natürlich nehmen wir die aktuellen Effekte der niedrigen Ölpreise auf der Einkaufsseite mit, aber unsere langfristigen Pläne ändern sich dadurch nicht. Wir werden die Elektromobilität vorantreiben und den Verbrauch von Benziner und Diesel weiter senken.

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Quelle: Stephan Rumpf

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Kasper Rorsted, Vorstandsvorsitzender des Konsumgüterherstellers Henkel

Russland-Krise, Terrorgefahr, Klimawandel - wo sehen Sie in Zukunft die größte Gefahr für die Wirtschaft?

Der Ausgang und die Folgen des Russland/Ukraine-Konflikt sind heute noch nicht absehbar und belasten die wirtschaftliche Entwicklung in Osteuropa stark. Ich sehe eine Gefahr darin, dass dieser Konflikt darüber hinaus Einfluss auf die internationalen Wirtschaftsbeziehungen nimmt und in Zukunft nationale Interessen wieder viel stärker in den Vordergrund rücken. Das würde die Vorteile gefährden, die aus einer globalen Integration und Partnerschaft entstehen.

Europa steckt noch immer in der Krise. Deutschland ist die Ausnahme. Wie geht es mit der Konjunktur im Jahr 2015 weiter?

Global betrachtet sehen wir derzeit in unterschiedlichen Regionen der Welt gegenläufige Entwicklungen. Unter den Folgen des Russland/Ukraine-Konflikts leidet ganz Osteuropa, auf der anderen Seite haben sich die Konjunkturerwartungen für die US-Wirtschaft zuletzt wieder verbessert. In Europa, das insgesamt nicht auf einen stabilen Wachstumskurs zurückfindet, bleibt Deutschland mit soliden Zuwächsen die Ausnahme. Das heißt, auch im Jahr 2015 wird das wirtschaftliche Umfeld weiter sehr volatil bleiben.

Der Ölpreis fällt weiter. Ein Segen für die Weltwirtschaft und Ihr Unternehmen - oder eher eine Gefahr?

Es gibt positive und negative Auswirkungen. Auf der Rohstoffkostenseite bringt der sinkende Ölpreis für viele Unternehmen über die Zeit Entlastung und wirkt in einigen Ländern wie ein zusätzliches Konjunkturprogramm. Genau das Gegenteil gilt allerdings für Volkswirtschaften, die stark vom Ölexport abhängen, darunter viele Wachstumsmärkte.

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Quelle: SZ

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Maximilian Zimmerer, Vorstand des Versicherungskonzerns Allianz*

Russland-Krise, Terrorgefahr, Klimawandel - wo sehen Sie in Zukunft die größte Gefahr für die Wirtschaft?

Das größte Risiko für die weltwirtschaftliche Entwicklung in diesem Jahr geht von geopolitischen Spannungen aus. So könnte eine weitere Zuspitzung des Russland-Ukraine-Konflikts auch der europäischen Wirtschaft und deren Handelspartnern einen schweren Dämpfer versetzen. Außerdem sehen wir in einer Geldpolitik, die zu lange zu locker ist und damit Fehlanreize und Marktübertreibungen bedingt, das größte Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung auf mittlere Sicht.

Europa steckt noch immer in der Krise. Deutschland ist die Ausnahme. Wie geht es mit der Konjunktur im Jahr 2015 weiter?

Die akute Finanzmarktkrise im Euroraum ist überwunden, doch die Wirtschaft wollte 2014 nicht so richtig in Fahrt kommen. Allen Anzeichen nach dürfte sich das 2015 ändern. Der Ölpreisrückgang wirkt wie ein Konjunkturprogramm, niedrige Inflationsraten dürften den Konsum begünstigen und die Euro-Abwertung kommt den Exporten zugute. Der Schuldenabbau im öffentlichen und privaten Sektor und die hohe Arbeitslosigkeit - insbesondere in den Euro-Krisenländern - werden die Wirtschaftsdynamik zwar weiterhin dämpfen, dennoch erwarten wir für den Euroraum als Ganzes eine Beschleunigung des Wachstums von 0,9 Prozent in 2014 auf 1,4 Prozent in 2015.

Der Ölpreis fällt weiter. Ein Segen für die Weltwirtschaft und Ihr Unternehmen - oder eher eine Gefahr?

Insgesamt überwiegen die positiven Effekte. Die Wirkungen des Ölpreisverfalls werden allerdings von Land zu Land unterschiedlich ausfallen. Nettoexporteure von Öl mit wenig diversifizierter Wirtschaftsstruktur stehen vor schwierigeren Zeiten. Kaufkraftgewinne bei den privaten Haushalten und geringere Produktionskosten werden der Konjunktur der Nettoimporteure unter den Industrie- und Schwellenländern dagegen zusätzlichen Schwung verleihen. Angesichts geänderter Wachstums- und sektoraler Gewinnperspektiven wird es an den Finanzmärkten zunächst noch bei einiger Volatilität bleiben.

*Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, Zimmerer sei Finanzvorstand. Das ist nicht korrekt. Er ist im Vorstand für Investments zuständig.

SAP

Quelle: dpa

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Bill McDermott, Vorstandssprecher des Softwarekonzerns SAP

Russland-Krise, Terrorgefahr, Klimawandel - wo sehen Sie in Zukunft die größte Gefahr für die Wirtschaft?

Diese Faktoren zeigen, dass die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen immer volatiler werden. Damit müssen wir lernen umzugehen - wir als Unternehmen, aber auch unsere Kunden.

Europa steckt noch immer in der Krise. Deutschland ist die Ausnahme. Wie geht es mit der Konjunktur im Jahr 2015 weiter?

Allen Unkenrufen zum Trotz blicken wir optimistisch ins neue Jahr, sowohl in Deutschland als auch international. Trotz hoher Marktdurchdringung erleben wir eine weiterhin hohe Nachfrage am deutschen Markt. Die Unternehmen haben erkannt, dass strategische IT-Investitionen in einer zunehmend digitalen Wirtschaft von entscheidender Bedeutung für ihre mittel- und langfristige Wettbewerbsfähigkeit sind. Die Fähigkeit zur Vernetzung, zur Datenanalyse und zur Vereinfachung von Abläufen ist heute absolut geschäftsentscheidend.

Der Ölpreis fällt weiter. Ein Segen für die Weltwirtschaft und Ihr Unternehmen - oder eher eine Gefahr?

Natürlich wirkt der Ölpreis derzeit wie ein kleines Konjunkturprogramm und hat seine positiven Seiten - wie auch die relative Schwäche des Euro, die vielen europäischen Unternehmen den Export erleichtert. Günstiges Heizöl und Benzin verschaffen finanziellen Spielraum, den Privatpersonen wie Unternehmen für Investitionen an anderer Stelle nutzen können. Sicher, zahlreiche globale Krisenherde und die nach wie vor schwelende Eurokrise geben Grund zur Vorsicht. Dennoch mehren sich die Anzeichen, dass die Weltwirtschaft wieder anziehen könnte. Ich bin Optimist und setze auf eine positive konjunkturelle Entwicklung.

Minister will Sparkassenpräsident werden

Quelle: dpa

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Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes

Russland-Krise, Terrorgefahr, Klimawandel - wo sehen Sie in Zukunft die größte Gefahr für die Wirtschaft?

Die geopolitischen Herausforderungen sind gewaltig und belasten die wirtschaftliche Entwicklung zur Zeit enorm. Russland-Krise und Terrorgefahr verunsichern die Unternehmen und behindern dringend erforderliche Investitionen. Auf lange Sicht gesehen brauchen wir natürlich auch ein einheitliches Vorgehen gegen die Gefahren des Klimawandels. Hier kommen wir viel zu langsam voran.

Europa steckt noch immer in der Krise. Deutschland ist die Ausnahme. Wie geht es mit der Konjunktur im Jahr 2015 weiter?

Die europäische Wirtschaft muss in einem gemeinsamen Tempo zu Wachstum zurückfinden finden. Dabei muss Deutschland seine Rolle spielen, aber es sollte nicht dauerhaft alleinige Konjunkturlokomotive bleiben. Aufholende Länder wie Spanien erzielen wieder entsprechende Wachstumsraten. Das ist gut so. Deutschland könnte 2015 erneut 1,5 Prozent Wachstum erreichen.

Der Ölpreis fällt weiter. Ein Segen für die Weltwirtschaft und Ihr Unternehmen - oder eher eine Gefahr?

Der Ölpreisverfall hat kaum direkte Auswirkungen auf unsere Institute. Er wirkt auf die deutsche Wirtschaft aber insgesamt wie ein kleines Sonderkonjunkturprogramm, die Euro-Schwäche hilft den exportorientierten Branchen zusätzlich. Die äußerst günstigen Rahmenbedingungen, insbesondere die Finanzierungsbedingungen und Absatzchancen, sollten für die Unternehmen der letzte Anstoß sein, zu investieren. Denn: Risiken gibt es immer. Selten aber so gute Konditionen.

HV ProSiebenSat.1 Media AG

Quelle: dpa

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Johannes Huth, Europa-Chef der US-Beteiligungsgesellschaft KKR

Russland-Krise, Terrorgefahr, Klimawandel - wo sehen Sie in Zukunft die größte Gefahr für die Wirtschaft?

Im laufenden Jahr werden die Risiken für die Wirtschaft aus unserer Sicht hauptsächlich politischer Natur sein. Ich denke da beispielsweise an die belastete Beziehung des Westens zu Russland und die Ukraine-Krise sowie an die latente Terrorgefahr. Darüber hinaus könnten die bevorstehenden Wahlen in Ländern wie Griechenland, Spanien oder Großbritannien weitere Risiken bergen.

Europa steckt noch immer in der Krise. Deutschland ist die Ausnahme. Wie geht es mit der Konjunktur im Jahr 2015 weiter?

Was die Konjunktur betrifft, gehen wir tendenziell von einer positiven Entwicklung aus. Dafür sprechen insbesondere der niedrige Ölpreis, niedrige Zinsen, der günstige Wechselkurs des Euro sowie die aktuelle Geldpolitik der EZB und eine zunehmend expansive Fiskalpolitik. Das Deflationsrisiko schätzen wir zum jetzigen Zeitpunkt eher gering ein.

Der Ölpreis fällt weiter. Ein Segen für die Weltwirtschaft und Ihr Unternehmen - oder eher eine Gefahr?

Der gesunkene Ölpreis stellt aus gesamtwirtschaftlicher Sicht eine positive Entwicklung dar, nicht zuletzt weil dies eine spürbare Entlastung für Verbraucher und zahlreiche Unternehmen darstellt.

Merck KGaA verdoppelt Gewinn

Quelle: Arne Dedert/dpa

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Karl-Ludwig Kley, Vorstandsvorsitzender des Chemie- und Pharmakonzerns Merck

Russland-Krise, Terrorgefahr, Klimawandel - wo sehen Sie in Zukunft die größte Gefahr für die Wirtschaft?

Zu den Themen können Sie leider auch die Situation im Nahen Osten hinzufügen. Und dies beunruhigt mich am meisten, weil es keine kurz- oder mittelfristige Lösung zu geben scheint.

Europa steckt noch immer in der Krise. Deutschland ist die Ausnahme. Wie geht es mit der Konjunktur im Jahr 2015 weiter?

Die deutsche Wirtschaft ist in guter Verfassung. Dennoch würde ich mir wünschen, dass Innovationsförderung und die Berücksichtigung internationaler Wettbewerbsfähigkeit höher auf die Agenda kommt. An die Geldpolitik als alleiniges Konjunkturprogramm glaube ich nicht. Mehr Geld für Europa reicht nicht, es braucht strukturelle Maßnahmen. Aber keine Regierung packt diese gerne an. Positive Ausnahmen sind Portugal und Spanien.

Der Ölpreis fällt weiter. Ein Segen für die Weltwirtschaft und Ihr Unternehmen - oder eher eine Gefahr?

Ein steigender oder fallender Ölpreis beeinflusst in erster Linie Unternehmen, die in der Erdölförderung oder der direkten Verarbeitung dieses Rohstoffes aktiv sind, vor allem mit Massenchemikalien wie zum Beispiel Kunststoffen. Merck ist mit seinem Chemiegeschäft in der Wertschöpfungskette recht weit hinten. Daher wirkt sich die aktuelle Bewegung des Ölpreises nicht direkt auf unser Geschäft aus.

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Quelle: Roland Berger

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Charles-Edouard Bouées, Chef der Unternehmens- und Strategieberatung Roland Berger

Russland-Krise, Terrorgefahr, Klimawandel - wo sehen Sie in Zukunft die größte Gefahr für die Wirtschaft?

Eine große Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft liegt im disruptiven Charakter digitaler Innovationen: Bisher getrennte Technologien wachsen zusammen und bringen weit über die Produktionsprozesse hinausreichende Veränderungen mit sich. Das birgt Risiken, bietet aber auch Chancen, vor allem für Europa. Deshalb haben wir eine Unternehmensplattform ins Leben gerufen, ein europäisches Digital Valley.

Europa steckt noch immer in der Krise. Deutschland ist die Ausnahme. Wie geht es mit der Konjunktur im Jahr 2015 weiter?

Deutschland profitiert bis heute von den "Agenda 2010"-Reformen unter Gerhard Schröder. Diesem Reformbedarf müssen sich andere europäische Länder noch stellen. Aber auch Deutschland darf nicht stehen bleiben. Ich gehe davon aus, dass sich die Weltwirtschaft im Vergleich zum Vorjahr besser entwickeln wird. In Deutschland sorgen der niedrige Ölpreis und die auch dadurch anziehende Binnennachfrage für Rückenwind.

Der Ölpreis fällt weiter. Ein Segen für die Weltwirtschaft und Ihr Unternehmen - oder eher eine Gefahr?

Für die Volkswirtschaften der Energie-Importeure ist der sinkende Ölpreis eine Konjunkturspritze. Das gilt besonders für die Euro-Zone. Allerdings müssen wir langfristig damit rechnen, dass die Energiepreise wieder steigen. Regierungen und Unternehmen sollten dies bei ihren Investitionsentscheidungen berücksichtigen. Hohe Energiepreise treiben zudem Innovationen voran. Niedrigere Ölpreise dagegen bedeuten für die Energie-Exporteure natürlich geringere Einnahmen. Das kann die wirtschaftlichen und politischen Probleme in Regionen und Ländern wie dem Nahen Osten oder Russland verschärfen und damit die Weltwirtschaft negativ beeinflussen.

Peer Schatz in Berlin, 2009

Quelle: Robert Haas

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Peer Schatz, Chef des Biotechnologiekonzerns Qiagen

Russland-Krise, Terrorgefahr, Klimawandel - wo sehen Sie in Zukunft die größte Gefahr für die Wirtschaft?

Je mehr wir die Belastungsgrenzen unseres Planeten ausreizen, desto mehr verknappen wir auch unsere wirtschaftlichen Ressourcen. Dadurch fehlen uns wiederum die Mittel, um die globalen Umweltprobleme zu bewältigen. In dem Teufelskreis sehe ich mittel- und langfristig die größte Gefahr für den globalen Wohlstand.

Europa steckt noch immer in der Krise. Deutschland ist die Ausnahme. Wie geht es mit der Konjunktur im Jahr 2015 weiter?

Die Erholung in den USA wird sich fortsetzen, das zuletzt abgebremste Wachstum in China sich auf einem niedrigeren, aber nach wie vor hohen Niveau einpendeln. Von einer gestärkten globalen Nachfrage bei gleichzeitig anhaltender Euro-Schwäche profitiert natürlich die Exportnation Deutschland, aber auch dem Euroraum insgesamt. Eine kurzfristig steigende Wettbewerbsfähigkeit jedoch darf nicht zu einer Verschiebung notwendiger Strukturreformen führen, denn dies würde Wachstumsaussichten mittelfristig eher dämpfen.

Der Ölpreis fällt weiter. Ein Segen für die Weltwirtschaft und Ihr Unternehmen - oder eher eine Gefahr?

Der niedrige Ölpreis entlastet Verbraucher und Unternehmen und kurbelt den Konsum an. Insofern ist die aktuelle Entwicklung für die Wirtschaft ein Segen - wenn auch mehr für energieintensivere Unternehmen als für High-Tech-Konzerne wie Qiagen. Unwägbarkeiten ergeben sich natürlich auch aus den Spannungen in Ländern, in denen dem Export von Erdöl eine große Bedeutung zukommt.

© SZ.de/bbr
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