SZ-Serie: Smart City Klüger wohnen

In Mailand entsteht auf der grünen Wiese ein digitales Viertel für 3000 Menschen. Wer dort einzieht, soll durch Vernetzung besser und billiger leben.

Von Ulrike Sauer, Mailand

Die Stadt der Zukunft zu bauen, interessiert mich nicht, sagt Angelo Turi. Der Steuerberater sitzt am runden Besprechungstisch seiner Kanzlei, gleich um die Ecke erhebt sich das weiße Marmorgebirge des Doms mit 3000 filigranen Zierfiguren in den Mailänder Himmel. Utopien sind nicht sein Ding. Turi hat konkrete Ziele. "Wir wollen ein Viertel bauen, in dem das Wohnen weniger kostet und es sich besser lebt", sagt er. Der Schlüssel dazu liege in der digitalen Vernetzung. Auf einer Wiese im Osten der italienischen Wirtschaftsmetropole will er Milano 4 You errichten. Im Oktober geht es los.

In Italiens erstem integralen Smart District sollen 3000 Menschen einziehen, Mailänder, die bereit sind für einen Epochen-sprung in den eigenen vier Wänden. "Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Toiletten in die Wohnungen. Das veränderte das Leben grundlegend", sagt Turi. Heute revolutioniere das digitale Netz das Wohnen. Was nütze schon eine intelligente Waschmaschine, wenn im Altbau die erforderliche Infrastruktur fehle, sagt er.

Geplant sind zunächst 900 Wohnungen in Milano 4 You. Hinzu kommen Geschäfts- und Büroräume, Einrichtungen für Soziales und Freizeitaktivitäten - insgesamt 90 000 Quadratmeter bebaute Fläche. Von sich aus nimmt Turi das Schlagwort Smart City nicht in den Mund. "Wir möchten uns nicht an eine Mode dranhängen", sagt er. Der Ausdruck werde mittlerweile ja sogar für schlaue LED-Ampeln verwendet. Sein Vorhaben aber kommt einer intelligenten Stadt, die wesentliche Teile ihrer Infrastruktur über Datenflüsse koordiniert und sich selbst konstant verbessert, ein gutes Stück näher.

Superschnelle Kommunikationstechnik - aber auch viel Grün: Das neue Wohnviertel in Mailand will beides vereinen.

(Foto: Milano4u)

Smart sein heißt für Turi, 51, eine Antwort auf die gewandelte Nachfrage nach Immobilien zu geben. Milano 4 You soll einer jungen Generation, den Millennials, die andere Wünsche haben als ihre Eltern, die neue Anforderungen an ihr Zuhause stellen und deren finanziellen Möglichkeiten aber begrenzt sind, eine attraktive Bleibe bieten. Es ginge darum, in einer Zeit, in der die Einkünfte für junge Leute sinken und alles weniger kostet, ein demokratisches Produkt anzubieten. "Wir müssen uns an eine deflationäre Welt gewöhnen", sagt der Unternehmensberater. Der Quadratmeterpreis fürs smarte Wohnen in Mailand soll nicht über 2000 bis 3000 Euro liegen.

Die Initiative des Quereinsteigers ist verblüffend. Seit neun Jahren hat die Immobilienkrise Italien fest im Griff. In den Augen Turis steckt jedoch das Produkt in der Krise, nicht der Markt. An Nachfrage mangelt es nicht in Mailand, das gerade eine neue Glanzzeit erlebt. Die 1,4-Millionen-Stadt lockt Investoren und Zehntausende neuer Einwohner an. In den kommenden drei Jahren rechnet man mit weiteren 150 000 Zuzüglern. Was der Branche fehle, seien radikale Innovationen. Mit seinem 200-Millionen-Euro-Projekt Milano 4 You verheißt Turi einen Paradigmenwandel: "Unser Modell rückt den Menschen in den Mittelpunkt", sagt er. "Das Augenmerk verschiebt sich: weg vom Behälter hin zum Inhalt, zu Dienstleistungen für die Person."

Die Hightech-Leute konnten nicht fassen, dass sie vom Start weg mitreden durften

Der Berater hat mit drei Teilhabern die Projektfirma R. E. D. gegründet und treibt das Bauvorhaben nun mit Technologiepartnern wie Samsung, IBM und der Technischen Hochschule Mailand voran. Was ihn am Immobiliengeschäft fasziniert? Die Auseinandersetzung mit innovativen Köpfen. "Es ändert sich heute alles. Wer sagt denn, dass Häuser nur von Bauunternehmern gebaut werden können?" Google mache es vor.

Verkehr, Sicherheit, Umwelt - wie verändert die Digitalisierung das Leben in den Städten? SZ-Serie Folge 18 und Schluss. Illustration: Sead Mujic

(Foto: )

Turis Konzept fußt auf zwei grundlegenden Elementen: einer kostenlosen Energieversorgung und der Vernetzung des Viertels. Auf einschlägige Erfahrungen könne man nicht zurückgreifen. "Wir befinden uns in der Stunde null", sagt er.

Völlig neu am Experiment in Segrate am Mailänder Stadtrand ist die Methodik. Ein multidisziplinäres Team aus Architekten, IT- und Energiespezialisten arbeitet erstmals an einem integrierten City-Projekt auf der grünen Wiese. Von der ersten Minute an planten sie gemeinsam das urbane Design, die digitale Plattform und die Energieinfrastruktur. Die internationalen Partner, die Turi an Bord holte, waren begeistert. Die Hightech-Leute konnten nicht fassen, dass sie in Milano 4 You vom Start weg mitreden durften. "Wir werden gewöhnlich erst hinterher gerufen", sagen sie. Für echte Innovationen ist es dann meist zu spät. Das erlebt man in den neuen Glamour-Hochhäusern Mailands, von Star-Architekten entworfen und Symbol für die Renaissance der Stadt. Hier doktern die Spezialisten nun an Planungsmängeln herum. Im Bankenturm der Unicredit an der Porta Nuova ist es im Sommer so heiß, dass das T-Shirt zum Dresscode für Banker erklärt wurde. Trotzdem lässt die Klimaanlage des Wolkenkratzers ab und zu Mailands Stromversorgung zusammenbrechen. Im coolen Büroviertel Citylife wird bereits vor dem Bezug an der digitalen Nachrüstung gebastelt.

Im Smart District in Segrate verfolgt man einen anderen Ansatz: Das Energiekonzept und die digitale Infrastruktur sind wichtiger als die Gebäudehülle. "Die Immobilie muss sich der Technologie anpassen", sagt Turi. Diese Umkehr der Verhältnisse elektrisiert die Projektteilnehmer. Sie sehen in Milano 4 You das Schaufenster für Lösungen der jüngsten Generation.

Die Erwartungen sind hochgeschraubt. Wenn das intelligente Viertel 2020 fertiggestellt ist, steht und fällt die Einlösung der Versprechen mit der Leistungsfähigkeit der digitalen Plattform. Über Glasfaserkabel, die direkt in die Wohnung münden, wird die Siedlung vernetzt. Daten kommen mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von einem bis zehn Gigabit pro Sekunde ins Haus - eine ideale Basis für das Internet der Dinge. Und Voraussetzung für die Erfassung, Zusammenführung und Auswertung der Daten der Bewohner. Sie soll die Effizienz, Nachhaltigkeit und Sicherheit der Immobilien erhöhen. Die Vermessung des Viertels folgt keiner neugierigen Sammelwut, sondern einem finanziellen Kalkül. "Die Datenaufbereitung dient dazu, mehr Dienstleistungen zu niedrigeren Kosten anzubieten", sagt Turi.

Eine Plattform soll das Buchen von Babysitter oder Nachhilfe möglich machen

Dass Daten der Treibstoff im digitalen Zeitalter sind, gilt auch in Milano 4 You. Der Unterschied: Anstelle von börsengetriebenen Internetkonzernen wie Google, Facebook und Amazon profitieren hier die 3000 Bewohner von ihrer regen Informationsproduktion. Dem US-Monopol-Ansatz stellt Turi ein demokratisches Modell entgegen. Im smarten Mailänder Viertel verdienen morgen die Erzeuger selbst an ihren Daten. Die Vernetzung öffnet zugleich die Tür zu einer Verbesserung der Lebensqualität. Ein Stichwort ist Connected Health, vernetzte Gesundheit. So werden die Bewohner der Seniorenresidenz in Milano 4 You direkt mit den Ärzten im Mailänder Krankenhaus San Raffaele verbunden sein, das als medizinischer Partner sein Know-how einbringt. Die digitale Fernüberwachung und -diagnose gebe Personen wie seiner 80-jährigen Mutter mehr Sicherheit, sagt Turi. Außerdem ermögliche die Digitalisierung eine Senkung der staatlichen Gesundheitsausgaben, die zu einem großen Teil von Kontrolluntersuchungen verursacht werden. "Wir werden den Sozialstaat effizienter machen", verspricht der Bauherr. Er redet mit Versicherungen wie der Allianz, um auch sie ins Boot zu holen. "Mein Ziel ist es, ein Paket von Dienstleistungen zu günstigen Konditionen anzubieten", sagt Turi. Ein Team für die Social Community des Viertels entwickelt eine Plattform, über die das Buchen von Babysitter oder Nachhilfe, der Einkauf von Lebensmitteln oder gemeinsame Freizeitaktivitäten organisiert werden können.

In Mailand reagiert man auf den raschen gesellschaftlichen Wandel. Die junge Generation sieht anders fern, sie bewegt sich anders fort und sie arbeitet anders als ihre Eltern. Auch die Einstellung zu Besitz und Mobilität ändert sich. Hat es da Sinn, sich eine Wohnung aus den Siebzigerjahren zu kaufen? "Wer würde sich heute schon einen Lada zulegen?", spottet Turi. Der Vergleich ist mit Bedacht gewählt. In Segrate begann vor mehr als 40 Jahren der Aufstieg des Selfmade-Unternehmers Silvio Berlusconi, der hier sein Retortenviertel Milano 2 hochzog. Er hatte für jeden Haushalt vier Garagen vorgesehen. "Das kann sich eine Familie heute überhaupt nicht leisten", sagt Turi. Die jungen Mailänder seien aufs Carsharing umgestiegen. Für Milano 4 entwirft ein Forschungsinstitut aus Bozen das Mobilitätskonzept fürs E-Car- und E-Bike-Sharing. Auch die Nutzung der Flotten will Turi in sein smartes Rundumpaket aufnehmen. Marco Sagnelli, der Architekt von Milano 4 You, sagt: "Heute sucht man nicht ein Haus zum Wohnen, sondern ein Umfeld zum Leben."