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SZ-Serie:Dauerbrenner

Die Familie Raithel stieg Mitte der Neunzigerjahre bei dem traditionsreichen Unternehmen Kahla ein und setzt seither auf Porzellan aus Deutschland.

Von Elisabeth Dostert, Kahla

Imke Freiberg drückt weiße Tortenspitze in die blassgraue Porzellanmasse. Das gestanzte Papier hinterlässt zarte, unvollkommene Spuren. Auf dem Boden liegen fertiggebrannte Wandteller, bemalt mit Kinderbildern in Zwiebelmusterblau. "Mit Blau Saks bin ich aufgewachsen", sagt Freiberg. Das Geschirr mit dem Strohblumenmuster stand in vielen ostdeutschen Haushalten. "Sonntags kam das Zwiebelmuster auf den Tisch. An sehr feierlichen Tagen nahm die Großmutter auch mal das gute Hutschenreuther her." Tortenspitze, Wandteller, das gute Geschirr - Worte aus anderen Zeiten, wie vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Album der Großeltern.

Freiberg sucht nach einer Verbindung zwischen Alt und Neu, zwischen Tradition und Innovation. Alte Farben, alte Formen, alte Bilder auf neuem Porzellan. Die 40-Jährige hat an der Hochschule für Kunst und Design in Halle studiert und im Bereich Keramik ihr Diplom gemacht. Es ist Sommer, seit ein paar Wochen nimmt sie in der Porzellanfabrik in Kahla an einem Workshop teil. In dem Saal, in dem Freiberg und die anderen Designer sitzen, wurden früher Deckel gegossen. Manchmal läuft jemand hinüber zu den Öfen, um seine Werkstücke zu brennen oder sich von den Mitarbeitern Rat zu holen. "Vieles hier erinnert an früher", sagt Freiberg. Alte Schilder, alte Anlagen. "Kahla, das ist doch auch so ein Beispiel für eine gelungene Transformation." Das stimmt.

Das Porzellanwerk hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gewandelt. Die jüngste Transformation war vielleicht die schmerzhafteste und gewaltigste - als das VEB Porzellankombinat Kahla mit Tausenden Beschäftigten nach der Wiedervereinigung wie eine Schüssel in viele Scherben zerbrach. Es gab Einschnitte davor. Mehrfach hat die Fabrik den Eigentümer gewechselt, sie hat sich in politische Systeme eingeordnet, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten - Demokratien, Diktaturen, Sozialismus. Musterbetrieb der Nationalsozialisten, Isolatoren-Produzent für die Kriegswirtschaft, Volkseigener Betrieb.

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Schon allein die Tatsache, dass es immer noch Porzellan der Marke Kahla gibt, mag ein Grund sein zum Feiern. Das haben sie 2014 getan. 170 Jahre Kahla, 20 Jahre Privatisierung. Fallen, aufstehen. Immer wieder. 1994 übernahm der erfahrene Porzellan-Manager Günther Raithel die Firma. Seit zehn Jahren führt sein Sohn Holger, ein studierter Physiker, die Geschäfte. Raithel sucht die Wurzeln tief in der Vergangenheit - jenseits der beiden Weltkriege, jenseits von Teilung und Wiedervereinigung. In einem Zeitraum von 170 Jahren wirken gut vier Jahrzehnte Sozialismus kürzer. Aber in jeder Geschichte gibt es Jahre, die schwerer wiegen.

Die erste Privatisierung nach der Wende scheiterte. Florian Hoffmann, der 1991 von der Treuhand den Zuschlag erhalten hatte, meldet im August 1993 Gesamtvollstreckung an. Ein halbes Jahr später übernimmt der ehemalige Rosenthal-Vorstand Günther Raithel zunächst 51 Prozent an der neuen Kahla/Thüringen Porzellan GmbH, im Jahr 2000 dann auch die noch bei der Thüringer Industriebeteiligungsgesellschaft verbliebenen 49 Prozent. Zum Jubiläum haben die Raithels die Geschichte auf 100 Wandtellern festgehalten, sie hängen im Firmenmuseum. Es ist eine sehr lange Reihe.

Als Holger Raithel Anfang der Neunzigerjahre zum ersten Mal mit seinem Vater nach Kahla reist, fragt er ihn, warum er sich diesen Moloch antut. Das Betriebsgelände war gigantisch: 60 000 Quadratmeter Hallenfläche, teils über mehrere Stockwerke. "Die Hallen haben wunderbare Oberlichter, aber beim ersten Mal sind sie mir gar nicht aufgefallen, sie waren schwarz vor Dreck." Mitten durch das Gelände führen die Gleise nach Russland. Das tun sie immer noch, zwischen den Schienen wächst Gras. Überall ist Vergangenheit. Aus dem Fenster des Besprechungsraums kann Raithel auf die alte Schlosserei schauen, sie liegt heute hinter einem Zaun. "Allein da arbeiteten mal 80 Menschen." Von insgesamt 2000, die das Kombinat allein in Kahla beschäftigte.

Porzellanhersteller Kahla

In der Produktionsstätte der thüringischen Kahla Porzellan GmbH sortiert ein Mitarbeiter Schalen und Teller nach dem Brand.

(Foto: Martin Schutt/dpa)

"Es war kein Markt mehr da und keine Marke", erzählt Raithel, "aber mein Vater glaubte fest daran, dass es möglich ist, mit den Menschen am Standort Kahla in Deutschland erfolgreich zu sein. Das entscheidende Asset hier waren vom ersten Tag an die Mitarbeiter." Das sozialistische System hatte alte Strukturen konserviert. Als Raithel in Thüringen neu anfängt, steckt die westdeutsche Porzellanindustrie schon voll im Umbruch. Steigende Lohnkosten in Deutschland und Billigimporte aus Asien machen ihr zu schaffen, Werke schließen.

Günther Raithel will es in Kahla wissen. "Mein Vater rückte ja nicht mit einem Stab schlauer Menschen an, er hat das Unternehmen mit ihnen neu aufgebaut." Rund 300 waren es damals und so viele sind es noch immer. 2014 setzte Kahla gut 30 Millionen Euro um. "Seit 1996 machen wir Gewinn", sagt Holger Raithel. Rund zehn Millionen Teile stellen sie jährlich her.

Gestalterisch gelingt Kahla der Durchbruch 1998. Da kommt die Serie "Update" der Designerin Barbara Schmidt, die seit 1991 für Kahla arbeitet. Ihre Entwürfe brechen mit der alten Tischkultur. Sechsteilige oder zwölfteilige Service passen nicht mehr in die Zeit. Teller, Tassen, Schüsseln, die Teller passen als Deckel auf die Schüsseln. "Die Revolution bestand darin, eine Kaffeekanne wegzulassen, die früher das Design eines ganzen Service bestimmte", sagt Raithel. Das "Update" ist eine Aktualisierung der ganzen Firma.

"Wir wollen uns mit Design und Materialkombinationen von der Konkurrenz abgrenzen", sagt Raithel: "Wenn wir ein Produkt machen, das andersartig ist, muss ich keine Angst vor billigen Importen aus China haben." Das versuchen sie noch immer. Für die Serie Five Senses rückte Schmidt 2004 die Tasse aus der Mitte der Untertasse, damit mehr Platz bleibt für Zucker und Keks. "Über Magic Grip haben wir zehn Jahre philosophiert", sagt Raithel. Es gab viele Fehlversuche. Das Geschirr mit der dünnen Silikonbeschichtung rutscht und klappert nicht.

"Die haben sich was getraut", sagt Designerin Freiberg. Sie traut sich was und Friedrich Gerdes, 31, traut sich was. Vier Produkte hat der Designer aus Münster während des Workshops entwickelt. Eine stapelbare Etagere, ein Dosenset, eine Vase und eine Serie von Tellern. Auf dem Rand weisen kleine Reliefs - ein Salatblatt, Reiskörner oder eine Nudel aus Porzellan - auf die Bestimmung hin. Noch immer sei die Marke im Osten weitaus bekannter als im Westen, sagt Raithel. "Aber den Satz, das hier ist für den Westen und das für den Osten, gab es hier nie. Idealerweise machen wir Produkte für die Welt."

© SZ vom 21.09.2015
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