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SZ-Führungstreffen: Banken:Von Tätern und Opfern

Vertrauen zurückgewinnen - aber wie? Banker bemühen sich beim SZ-Führungstreffen um eine Aufarbeitung der Finanzkrise.

Thomas Fromm

Es ist nicht einfach, über Täter und Opfer der Finanzkrise zu sprechen. Vor allem wenn diejenigen, die darüber diskutieren, selbst seit Jahren Banker sind - und wissen, wie es zu der Krise kam. Noch schwieriger aber ist es für die Finanzmanager, über ihre Verantwortung zu sprechen, wenn unmittelbar vor ihrer Runde die Bundeskanzlerin auf dem Podium steht und die Branche mit scharfen Worten rügt - und zur Mäßigung aufruft. Gerade eben knapp dem Untergang entkommen, riskierten viele in der Branche schon wieder eine "ziemlich dicke Lippe", sagte Angela Merkel (CDU).

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Die Banken stehen seit der Krise am Pranger.

(Foto: Foto: dpa)

Wer genau wieder zu jenen Bankern mit der "dicken Lippe" gehört, wurde am Freitag nicht abschließend geklärt - wohl aber, wer nicht dazugehört. Den "Schuh mit der dicken Lippe" würde sie sich "jetzt nicht anziehen", sagt Ingrid Hengster, Deutschland-Chefin der Royal Bank of Scotland (RBS). Die Österreicherin mag die Begriffe "Täter" und "Opfer" nicht - gerade weil sie polarisierten und der Branche eine kollektive Schuld an der Krise unterstellten. Bei der Bank, die mit Steuermilliarden gestützt werden muss, habe man sich seit Ausbruch der Krise "jedes Geschäftsfeld angeschaut" und bei den "Renditevorgaben andere Ziele ausgegeben". Hengster meint: "Das Vertrauen hat gelitten, aber wir müssen jetzt zeigen, dass wir unsere Lektion gelernt haben."

Verschiebung der Prioritäten

Vertrauen zurückholen - aber wie? Der Weg in die Zukunft führt über die Vergangenheit - nur wer analysiert, was schiefgelaufen ist, kann etwas verändern, sagt Theodor Weimer, Chef der Münchner Unicredit-Tochter Hypo-Vereinsbank (HVB) (Interview). Wer diesen Ansatz verfolgt, sieht auch die Täter-Opfer-Rollen differenziert. Man sei Täter und Opfer, glaubt Weimer. "Weil wir besser als jeder andere hätten verstehen müssen, wie Kapitalmärkte und ihre Risiken funktionieren." Weimer, ein früherer Investmentbanker bei Goldman Sachs, plädiert heute für eine Verschiebung der Prioritäten bei Banken: "Es geht der HVB gut, weil wir Kunden haben", sagt er. Anders als den "Hochrisiko-Spielern, die kein Brot- und Buttergeschäft haben".

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Einer, der besonders oft über die Vertrauensfrage nachgedacht haben wird, ist Alexander Dibelius, Leiter des Geschäftsbereichs Investment Banking bei Goldman Sachs in Europa und für viele der Inbegriff des internationalen Investmentbankers. Ja, natürlich seien Banken, die mit riskanten Produkten zuerst die Finanzkrise ausgelöst haben und dann fast in ihr umkamen, sowohl Opfer als auch Täter der Krise. Dass sich die Finanzindustrie aber im Laufe der Jahre immer weiter von der Gesellschaft entfernt hat, dass sie irgendwann begann, zum Selbstzweck zu werden - dafür gebe es viele Ursachen. Dibelius spricht von einem "Paralleluniversium" zur Realwirtschaft. Wenn es stimmt, dass es in der Wirtschaft seit langer Zeit schon zwei Universen gegeben hat, dann ist die Frage erlaubt, wer das zweite aufgebaut hat.

Politik des billigen Geldes

Die "Verantwortung der Banken" wolle er "nicht relativieren", sagt Dibelius. Das System der großen Verbriefungen von (faulen) Krediten, der explosiven Wertpapiermischungen, mit denen die Finanzartisten global jonglierten, all das sei nicht nur eine Erfindung von Bankern gewesen. Dies sei "im politischen Raum so gewollt" gewesen. Da sei der politische Wille in den USA gewesen, auch armen Bevölkerungsschichten Immobilienkäufe zu ermöglichen, und da war die Politik des billigen Geldes, mit der all das finanziert wurde. Als das System kollabierte, kollabierte auch das Wertpapiersystem.

Dass es auch im Jahre zwei nach Ausbruch der Finanzkrise noch immer Themen und Thesen gibt, mit denen Investmentbanker wie Alexander Dibelius provozieren können, zeigt die Debatte um Millionengehälter für Banker. Der Goldman-Sachs-Manager ist ein Anhänger des Leistungsprinzips - und der Regeln von Angebot und Nachfrage. Ja, auch er sei dafür, dass "Polizisten mehr verdienen sollten". Aber es falle ihm schwer, "dass wir in einem Wettbewerbssystem Löhne artifiziell setzen". Im Klartext: Modelle, wonach sich die großen Investmentbanken zusammensetzen könnten und nach Regelungen suchen, lehnt er ab. "Nein, das wäre kein freier Markt mehr", so Dibelius.

Einer, der fest zur Garde der Finanzmanager gehört, aber irgendwie nicht wirklich dazu gehören möchte, ist Torsten Oletzky, Chef des Düsseldorfer Versicherungskonzerns Ergo. Er gibt zu: "Ich bin zusammengezuckt, als Bundeskanzlerin Merkel heute morgen sagte, im Finanzsektor werde wieder eine dicke Lippe riskiert", sagt Oletzky. Versicherungen und Banken - gemeinhin werden sie in einem Atemzug genannt. Zu Unrecht, so Oletzy, denn Versicherer seien weitaus weniger hart von der Krise betroffen als Banken. "Wir hatten von Anfang an ein anderes Geschäftsmodell als die Banken, und diejenigen, die dabei geblieben sind, hat es nicht so getroffen wie die Banken", sagt er. Einen Versicherer gibt es allerdings, den es knüppeldick traf: den US-Konzern AIG. Der allerdings war - anders etwa als seine deutschen Wettbewerber Ergo oder die Allianz - am Markt für riskante Finanzgeschäfte engagiert.

© SZ vom 21./22.11.2009/tjon/mel
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