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SZ-Diskussionsreihe:Beethovens Utopie

Experten aus verschiedenen Bereichen diskutieren über die Veränderungen in der Arbeitswelt. Der Wandel berge Risiken, lade aber auch zum Träumen ein - so wie Beethoven es vor 225 Jahren bereits getan hat.

Leben wir in einer revolutionären Zeit? Für Digitalexperte Thomas Hess ist die Antwort klar: In der ersten industriellen Revolution im 19. Jahrhundert wurde "die menschliche Hand" ersetzt, heute sei es der "menschliche Geist". Ein wichtiger Unterschied: Die Welt verändere sich schneller als damals.

Es sind klare Worte, die das Publikum an diesem Abend zu hören bekommt. Die Veranstaltung ist der zweite Teil der Gesprächsreihe "Wärme und Wallung" des Münchener Kammerorchesters und der Süddeutschen Zeitung. Das Thema des Abends sind die Veränderungen in der Arbeitswelt. Fast wie zum Trotz deutet am Veranstaltungsort nichts auf einen radikalen Wandel hin: Goldverzierte Säulen stützen eine hohe Decke, die mit Obstbäumen und weißen Schwänen bemalt ist. Hier im Gartensaal des Münchner Prinzregententheaters wollen die Veranstalter Verbindungen zwischen Politik, Kunst und Musik schaffen.

"Ist unsere Gesellschaft dabei zu überhitzen?", fragt SZ-Redakteur Stefan Kornelius zu Beginn die Gäste. Neben ihm sitzen die Arbeitssoziologin Sabine Pfeiffer, der Wirtschaftsinformatiker Thomas Hess und Dirigent Clemens Schuldt. Die Experten sind sich einig: Die Beschleunigung werde in den nächsten Jahren weiter zunehmen. "Agilität, Outsourcing, Plattform-Ökonomie" - die Arbeitswelt habe sich in den letzten Jahren enorm verändert, sagt Thomas Hess. Roboter und künstliche Intelligenz könnten viele Jobs übernehmen. Arbeitnehmer und Unternehmen hätten sich diesen Entwicklungen anzupassen. "Wir müssen heute immer schneller, immer komplexere Entscheidungen treffen", sagt Hess.

Dirigent Clemens Schuldt ist froh, dass seine Arbeit in naher Zukunft nicht durch Roboter ersetzt werden kann. Es gebe zwar schon ein realitätsnahes Hologramm des Komponisten Leonard Bernstein, aber das sei nur eine Spielerei. Allerdings spüre auch er einen wachsenden Druck. Ihm als Künstler täten regelmäßige Auszeiten "wahnsinnig gut".

Arbeitssoziologin Sabine Pfeiffer ruft dazu auf, den Wandel aktiv mitzugestalten. Auch wenn die Arbeit in Zukunft weniger werden sollte, entstünden gleichzeitig neue Möglichkeiten. Entscheidend sei es, schon heute damit zu beginnen, Geld und Arbeitszeiten gerechter zu verteilen. Neue Entwicklungen böten die Chance, alte hierarchische Strukturen aufzubrechen.

Dirigent Clemens Schuldt schlägt zum Schluss den Bogen zur Musik. Vor 225 Jahren habe Ludwig van Beethoven von einer Welt geträumt, in der es keine Hierarchien mehr gebe. In einem kürzlich wiederentdeckten Brief habe er sich gefragt, wann der Moment gekommen sei, "wo es nur Menschen geben wird". Beethoven war wenig optimistisch: Bis zu diesem glücklichen Zeitpunkt, schreibt er, "werden wohl noch Jahrhunderte vorübergehen".

© SZ vom 25.01.2020
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