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Surfen im Flugzeug:Lufthansa führt Wlan auf Europaflügen ein

Luftfahrtindustrie konferiert in Hamburg

Passagiere sitzen im Flugzeug vor ihren Bildschirmen. Schon bald sollen sie über den Wolken auch im Internet surfen können.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Die Telekom will ein europaweites Netz aufbauen, Lufthansa-Kunden sollen von 2016 an auf europaweiten Flügen im Internet surfen können - mit hoher Bandbreite:

Von Caspar Busse und Benedikt Müller

Tim Höttges, 53, kennt das Problem: Sobald man sich an Bord eines Flugzeugs befindet, müssen alle elektronischen Geräte ausgeschaltet werden. Eben noch konnte man in der Wartehalle E-Mails schreiben. "Dann ist man plötzlich offline", sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom am Montag. Auf Interkontinentalflügen bietet etwa Lufthansa inzwischen zwar in ausgewählten Maschinen einen Internetzugang an, auf Mittel- und Kurzstreckenverbindungen jedoch noch nicht.

Diese Lücke will Höttges nun in Zusammenarbeit mit der größten europäischen Fluggesellschaft Lufthansa und dem britischen Satellitenbetreiber Inmarsat schließen - und ein Geschäft daraus machen. Gemeinsam soll ein System, das European Aviation Network heißt, aufgebaut werden, das Passagieren während des Fluges eine ähnliche Internet-Qualität bietet wie am Boden, teilten die drei Firmen in Frankfurt mit. Das Datenvolumen soll nicht nur für E-Mails, sondern auch für Streaming über den Wolken genügen. Möglich machen dies drei Satelliten, die Inmarsat in den vergangenen Monaten im All stationiert hat, um auch die entlegensten Plätze des Planeten mit Breitband-Internet versorgen zu können.

Der Name Inmarsat verrät, dass der britische Partner seine Ursprünge in der Seefahrttechnik hat. 1979 als zwischenstaatliche Organisation gegründet, hat er ein flächendeckendes Satellitennetz aufgebaut. Ging es am Anfang noch um Telefon und Fax auf hoher See, konzentriert sich das Unternehmen inzwischen auf Mobilfunk und Internet via Satellit. 1999 wurde Inmarsat privatisiert, inzwischen ist die Firma in der zweiten britischen Börsenliga gelistet, dem FTSE 250-Index.

Lufthansa will von Frühsommer 2016 an ihre ersten Europamaschinen mit dem satellitengestützten Wlan ausstatten. Es könnten zwei Maschinen pro Woche umgerüstet werden, sagte Konzernchef Carsten Spohr. Bei einer Flotte von derzeit 180 A320-Maschinen würde das also knapp zwei Jahre dauern. Wie viel Geld die Fluggäste für den Internetzugang auf Europaflügen zahlen sollen, lässt Lufthansa noch offen. Die Kosten seien von mehreren Faktoren abhängig, unter anderem von der Buchungsklasse. Stammkunden oder Geschäftskunden sollen offenbar Vorzugskonditionen erhalten.

Passagiere wollen surfen - und sind bereit zu zahlen

Der Lufthansa-Chef betonte, wie wichtig ein stabiler und schneller Internetzugang an Bord für die Passagiere sei. Laut einer Umfrage wollten 85 Prozent aller Kunden im Flugzeug online sein, 66 Prozent machten sogar die Auswahl der Fluglinie auch davon abhängig. Auf Interkontinentalflügen ist das Wlan über den Wolken bei Lufthansa bereits verfügbar - freilich gegen eine hohe Gebühr. Das Angebot werde sehr gut angenommen, heißt es. Höttges sagte, die Zahl der Nutzer könnte in diesem Jahr bei 800 000 liegen, das durchschnittliche Datenvolumen wachse rasant.

Deshalb will die Telekom zusätzlich ein europaweites Netz von 300 Basisstationen nach dem Funkstandard LTE aufbauen. Deren Signale sollen mit denen der Inmarsat-Satelliten kombiniert werden. Einen dreistelligen Millionenbetrag will der Konzern in die Technik investieren. Mit der Kombination aus schnellem Mobilfunk vom Boden und Breitband-Internet aus dem All stehe den Fluggästen eine Weltneuheit zur Verfügung, sagte Inmarsat-Chef Andrew Sukawaty. Von 2017 an will Lufthansa diese LTE-Hybridlösung im Rahmen von Testflügen ausprobieren. Später könnte das Netz auch für weitere Airlines geöffnet werden, teilten die Unternehmen mit.

Für Lufthansa ist das Wlan in der Luft ein weiterer Schritt ihrer Qualitätsoffensive, die Konzernchef Spohr angekündigt hat. Im Europageschäft leidet der Konzern unter dem Preiswettbewerb mit Billiganbietern wie Ryanair. Die irische Fluggesellschaft tüftelt zurzeit an einem kostenlosen Unterhaltungsangebot, das sich die Passagiere auf ihr Mobilgerät laden können. Mit ihren Wlan-Plänen will Lufthansa nun zumindest mithalten. Der britische Billigriese Easyjet plant vorerst kein Internetangebot an Bord. Einzig die stark wachsende Fluggesellschaft Norwegian bietet auf den meisten Europaflügen bereits Wlan an. Der deutsche Mitbewerber Air Berlin hat bislang fünf seiner Flugzeuge mit Internettechnik aufgerüstet.

Die ehrgeizigen Pläne der Unternehmen zeigen, dass Wlan allmählich zum Standard in Verkehrsmitteln wird. Angetrieben durch die Fernbuskonkurrenz will auch die Deutsche Bahn sämtliche Züge mit Internetzugängen ausstatten, in den ICE-Fahrzeugen soll die Technik zuverlässiger werden. Die Passagiere können von diesem Wettbewerb nur profitieren.

© SZ vom 22.09.2015/infu
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