Suisse Secrets:Suisse Secrets enthüllen heikle Konten bei Schweizer Großbank

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Suisse Secrets: Die Schweiz gilt als einer der intransparentesten Finanzplätze weltweit.

Die Schweiz gilt als einer der intransparentesten Finanzplätze weltweit.

(Foto: imago images/Future Image, PantherMedia/Imago; Collage: Sarah Unterhitzenberger)

Der SZ wurden geheime Daten zu über 30 000 teils fragwürdigen Kunden zugespielt, sie erlauben Einblicke ins Innerste der Credit Suisse. 48 Medienhäuser aus aller Welt haben sie ausgewertet.

Von Hannes Munzinger, Frederik Obermaier, Bastian Obermayer und Ralf Wiegand

Die zweitgrößte Bank der Schweiz, die Credit Suisse, hat über viele Jahre hinweg korrupte Autokraten, mutmaßliche Kriegsverbrecher sowie Menschenhändler, Drogendealer und andere Kriminelle als Kunden akzeptiert. Das belegen Daten aus dem Geldinstitut, die der Süddeutschen Zeitung von einer anonymen Quelle zugespielt wurden. Die Unterlagen geben Aufschluss über die Konten von mehr als 30 000 Kunden aus aller Welt und weisen auf mutmaßliche Versäumnisse der Bank bei der Überprüfung ihrer Kunden hin. Die Credit Suisse weist die Vorwürfe zurück. Ein Großteil der Konten sei zudem längst geschlossen worden.

Den Suisse-Secrets-Daten zufolge konnten Kriminelle bei der Credit Suisse Konten eröffnen beziehungsweise ihre Konten auch dann behalten, wenn die Bank längst hätte wissen können, dass sie es mit Straftätern zu tun hat. Dabei müssen Banken solche Personen genauso wie Staats- oder Regierungschefs, Minister, Geheimdienstler oder Unternehmer mit fragwürdigen Geschäftspraktiken besonders sorgfältig prüfen - und Behörden melden, falls ihnen Vermögen ungeklärter Herkunft auffällt, das aus Straftaten stammen oder solchen dienen könnte. So soll zum Beispiel Geldwäsche vermieden werden.

Die Daten der Suisse Secrets reichen von den 1940er-Jahren bis weit ins vergangene Jahrzehnt, mehr als zwei Drittel der vorliegenden Konten wurden nach dem Jahr 2000 eröffnet, etliche von ihnen gibt es nach SZ-Recherchen bis heute. Ein auf den Philippinen verurteilter Menschenhändler und ein ägyptischer Mörder finden sich ebenso in den Daten wie mutmaßlich in krumme Geschäfte verwickelte Kardinäle und der 2008 wegen Bestechung verurteilte frühere Siemens-Manager Eduard Seidel.

Der ehemalige Nigeria-Chef des Münchner Weltkonzerns hatte zeitweise sechs Konten bei der Credit Suisse. Auf einem davon ist laut den Daten im Jahr 2006 als Höchststand ein Vermögen im Wert von mehr als 54 Millionen Schweizer Franken eingetragen - eine Summe, die mit seinem Siemens-Gehalt schwer zu erklären ist. Auf Anfrage stritt der Ex-Manager Fehlverhalten ab, ohne zu erklären, woher die Millionen stammen.

Die Credit Suisse wollte konkrete Fragen zu diesem Fall und auch zu den anderen fragwürdigen Konten nicht beantworten, versicherte aber, "höchste Verhaltensstandards" zu befolgen: "Die Credit Suisse hält bei der Ausübung ihrer Geschäftstätigkeit die geltenden globalen und lokalen Gesetze und Bestimmungen ein."

Laut den internen Bankdaten waren zahlreiche Staats- und Regierungschefs, Minister und Geheimdienstchefs, ebenso wie Oligarchen und Kardinäle Kunden der Credit Suisse. So tauchen unter anderem der jordanische König Abdullah II., der ehemalige irakische Vizepremier Ayad Allawi, der algerische Autokrat Abdelaziz Bouteflika sowie der armenische Ex-Präsident Armen Sarkissjan in den Unterlagen auf. Sarkissjan trat im Januar von seinem Amt als Staatspräsident zurück, kurz nachdem die Süddeutsche Zeitung ihm eine Anfrage zu seinen Konten bei der Credit Suisse geschickt hatte. Der Politiker erklärte, alle Konten geschlossen zu haben, bevor er verpflichtet gewesen sei, sein Vermögen zu deklarieren - inzwischen befasst sich eine nationale Antikorruptionsbehörde damit.

Die Süddeutsche Zeitung hat die Credit-Suisse-Daten zusammen mit dem Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) und 46 Medienpartnern aus aller Welt, darunter dem britischen Guardian, Le Monde in Frankreich und der New York Times ausgewertet. In Deutschland waren NDR und WDR an der Recherche beteiligt. Die Ergebnisse werden unter dem Titel "Suisse Secrets" veröffentlicht. Die Credit Suisse sprach von einer "konzertierten Aktion mit der Absicht, den Schweizer Finanzplatz [...] in Verruf zu bringen".

An der Recherche beteiligte sich kein Medium aus der Schweiz, da es das dortige Bankengesetz ermöglichen könnte, Journalisten wegen Recherchen von geleakten Bankdaten strafrechtlich zu verfolgen. Kritiker werten dies als massive Einschränkung der Pressefreiheit. "Es würde gegen die internationalen Menschenrechtsvorschriften verstoßen, wenn man Journalisten strafrechtlich verfolgt oder bestraft, weil diese Bankinformationen veröffentlichen, die von öffentlichem Interesse sind", erklärte Irene Khan, die UN-Sonderberichterstatterin für Meinungsfreiheit. Sie hat eine Untersuchung eingeleitet.

Die Schweiz gilt als einer der intransparentesten Finanzplätze weltweit. Jegliche Weitergabe von Kontoinformationen steht unter Strafe. Zwar wurde das Bankgeheimnis in den vergangenen Jahren aufgeweicht, da die Schweiz mit etlichen Ländern Informationen über Kontoinhaber austauscht - mit einigen der ärmsten und korruptesten Ländern jedoch nicht. So stammen eine Vielzahl der Kunden in den Suisse-Secrets-Daten aus Venezuela, Ägypten, der Ukraine und Tadschikistan - allesamt Staaten, in denen Mitglieder der politischen Führung immer wieder im Verdacht standen, bestechlich zu sein.

"Ich glaube, dass das Schweizer Bankgeheimnis unmoralisch ist", erklärte die Quelle der Suisse-Secrets-Daten, die der SZ nicht bekannt ist, in einem Statement. "Der Vorwand, die finanzielle Privatsphäre zu schützen, ist lediglich ein Feigenblatt, um die schändliche Rolle der Schweizer Banken als Kollaborateure von Steuerhinterziehern zu verschleiern."

Die Credit Suisse war in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Dutzende Skandale verwickelt und hat in diesem Zeitraum mehr als zehn Milliarden US-Dollar an Strafzahlungen geleistet. Derzeit muss sich das Institut erstmals in der Schweiz vor Gericht dafür verantworten, weil es einem bulgarischen Drogenkartell bei der Geldwäsche behilflich gewesen sein soll. Die Credit Suisse bestreitet den Vorwurf.

In den USA geht nach SZ-Information derweil der Finanzausschuss des Senats dem Verdacht nach, die Bank könne US-Bürgern beim Steuerhinterziehen geholfen haben. Bereits 2014 war das Institut dafür mit einer Rekordstrafe von 2,6 Milliarden US-Dollar belegt worden. Mitte Januar musste Verwaltungsratspräsident António Horta-Osório zurücktreten, weil er wiederholt gegen Corona-Quarantäne-Regularien verstoßen haben soll. Kurz darauf gab die Bank eine Gewinnwarnung heraus.

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