World of Sweets:Bärendreck und Süßes aus dem 3-D-Drucker

Markus Heide , Gründer und Geschäftsführer World of sweets

Regale voll mit Süßigkeiten aus aller Welt. Und mitten drin: Markus Heide, Geschäftsführer der Firma World of Sweets in Henstedt-Ulzburg.

(Foto: Michael Ruff/World of Sweets)

Elch-Gummis mit Eierlikörgeschmack oder Bud-Spencer-Chips: Markus Heide betreibt vor den Toren Hamburgs Deutschlands größten Online-Handel für Süßwaren. Das Geschäft boomt - gerade wegen Corona.

Von Steffen Uhlmann

Der Weg von Hamburg ins Schlaraffenland führt nicht durch einen Berg von süßem Reisbrei, sondern 25 Kilometer lang Richtung Norden auf der Autobahn A7, die die Hansestadt mit Flensburg und Kiel verbindet. Dort, inmitten des Hamburger Speckgürtels, hat sich die Kommune Henstedt-Ulzburg (Landkreis Segeberg) am Rande der Autobahn ein Gewerbegebiet eingerichtet, das wesentlich mit zum wirtschaftlichen Aufschwung der Gemeinde beigetragen hat.

In Henstedt-Ulzburg leben nun schon mehr als 28 000 Menschen, mehr als 3000 Betriebe sitzen hier, die mehr als 6000 Mitarbeiter beschäftigen. An dem Ort befindet sich auch das "Schlaraffenland", das unter dem Namen "World of Sweets" firmiert. Allerdings ist die "süße Welt" in einer eher nüchternen, 4000 Quadratmeter großen Halle untergekommen, in der auf langen bis unter die Decke reichenden Regalreihen Kartons über Kartons lagern. "Auf den Inhalt kommt es auch bei uns an", sagt Gründer und Chef Markus Heide, 52. "Riechen Sie das etwa nicht?"

Auch die Schokolade Bambina aus der ehemaligen DDR gibt es hier

Schon, nur sind die feinen Gerüche, die durch die weitläufige Halle wabern, nicht eindeutig identifizierbar. Wie auch bei bis zu 10 000 unterschiedlichen Produkten, die hier in den Kartonagen verpackt sind - vom klassischen Fruchtgummi aller Art, und das bisweilen auch aus dem 3-D-Drucker, über ebenso klassischen Lakritz und Schokolade bis hin zu Bonbons aller Geschmacksrichtungen. Nicht zu reden von den Keksen, den salzigen Snacks, den exotischen Süßigkeiten oder etwa dem Brausepulver aus einer scheinbar längst vergessenen Welt.

"Von wegen vergessen", sagt Heide. "Bei uns können Sie fast alles an Süßem oder Salzigem finden, was hierzulande und auch anderswo noch aufzustöbern ist - siehe die Schokolade Bambina hier, ein Renner aus der längst untergegangenen DDR." Aber auch das findet sich in den Kartons: Twix mit Spekulatius, Elch-Gummis mit Eierlikörgeschmack, Bud-Spencer-Chips, Geschmacksrichtung Baked Beans, oder nach Waldmeister schmeckende Krokodile. Und unzählige andere Kalorien- und Zuckerbomben.

Angefangen hat für Heide alles mal mit Lakritz. Das aus der Süßholzwurzel gewonnene Naschwerk, das es von süß mild bis extra salzig und in Hunderten Varianten gibt, verkaufte sein Schwiegervater in seiner Apotheke im benachbarten Norderstedt. Für ihn ein gutes Nebengeschäft, weil das vor allem unter Norddeutschen geschätzte "schwarze Gold" in diesen lakritzophilen Gegenden noch immer als Heilmittel gegen Erkältungs- und Lungenkrankheiten gilt. "Ungefähr 30 Sorten hatte mein Schwiegervater im Angebot", sagt Heide, der 2003 in das Lakritzgeschäft einstieg und dann sogleich begann, einen Online-Vertrieb aufzubauen.

Der Händler ist bereits viermal in größere Hallen umgezogen

Der IT-Spezialist, der jahrelang als Projektmanager bei einer Bertelsmann-Tochter gearbeitet hatte, brachte genügend technologisches Know-how dafür mit, vor allem aber auch die Überzeugung, dass sich für den im Süden abschätzig genannten "Bärendreck" online genügend Liebhaber finden würden. So nahm er sich vor, per Internet vor allem den Absatz gen Süden anzukurbeln. Binnen kurzer Zeit stieg er zu einem der größten Lakritz-Vertreiber zwischen Nordsee und Alpen auf.

Für Heide Grund genug, sich schon 2004 von Lakritz-Shop in World of Sweets umzubenennen. "Meine Kunden fragten mehr und mehr auch andere Süßigkeiten bei mir nach", sagt er. "Vor allem solche, die es im deutschen Einzelhandel nur schwer oder überhaupt nicht mehr gab und gibt." Heides Ehrgeiz war geweckt. Persönlich wollte er sich seinen langgehegten Traum erfüllen, etwas eigenverantwortlich und unabhängig aufzubauen und so, wie er betont, "Herr über meine Zeit" zu werden und gleichzeitig "Spaß an den Dingen zu haben, mit denen ich mich beschäftige". Unternehmerisch nahm er sich vor, den Süßwaren-Shop im Internet aufzubauen.

Er hat sich diese Träume und Ziele längst erfüllt. Schon seit Jahren ist Heides Unternehmen in Deutschland die Nummer eins im Onlineversandhandel für Süßwaren. Und in Europa werde es nicht viele größere Online-Händler dieser Art geben, glaubt er. "Wenn überhaupt." Erreicht hat das Heide durch ständigen Ausbau seines Angebots und der Erweiterung der Kundschaft. Der Händler ist mit den Jahren viermal in größere Hallen umgezogen. "Das musste durch unser schnelles Wachstum auch sein."

Heide hat heute Produkte von mehr als 300 Herstellern aus ungefähr 30 Ländern in seinem Programm. Verkauft wird in Deutschland und in diversen europäischen wie bisweilen auch Übersee-Ländern an Endabnehmer, Großkunden, Wiederverkäufer und Einzelhändler, wobei private Einzelkunden mit etwa 60 Prozent die größte Zielgruppe sind. "Wir haben uns das Ziel gesetzt, den Kunden eine einzigartige Sortimentstiefe mit Marken-Klassikern, nostalgischen Produkten und immer mehr Marktneuheiten anzubieten", sagt Heide. "Wir versuchen einfach jeden Wunsch zu erfüllen, wie groß er auch sein mag." Entsprechend unterschiedlich im Wert sind die Sendungen, die seine fast 100 Mitarbeiter zusammenstellen - von fünf Euro bis sogar 50 000 Euro pro Lieferung.

Im vergangenen Jahr lieferte World of Sweets beinahe 475 000 Bestellungen aus, der Umsatz lag bei fast 27 Millionen Euro. Das war ein Plus von knapp 40 Prozent gegenüber dem Jahr zuvor. Und dieses Wachstum hält auch in diesem Jahr an, "weil die Menschen ihre Vorsätze, weniger zu naschen, in Corona-Zeiten, wohl bald über Bord geworfen haben", glaubt Heide. "Schon im Januar lag unser Umsatz um 100 Prozent höher als im Vergleichsmonat des Vorjahres."

Mit der Snack-Box "Homeoffice" will der Unternehmer neue Kunden gewinnen

Heides Unternehmen profitiert davon, dass die Süßwarenindustrie, die auch im Wirtschaftsraum Hamburg mit Unternehmen wie dem Wandsbeker Chokoladen-Werk von Nestlé oder Stollwerck in Norderstedt stark vertreten ist, in den vergangenen Jahren stabile Umsätze (gut 14 Milliarden Euro) generiert. Parallel nimmt das Online-Geschäft mit Privatkunden weiter zu und hat durch die Corona-Pandemie einen zusätzlichen Schub bekommen.

Heide rechnet damit, dass der Umsatz von World of Sweets in diesem Jahr auf 35 Millionen Euro steigen wird. Nicht zuletzt, weil man mit Neuheiten wie etwa der Snack-Box "Homeoffice" an den Markt gegangen ist. Heide ist optimistisch, dass er seine Stammkunden mit solchen Angeboten enger an das Unternehmen binden kann und zugleich neue Privat- und Geschäftskunden gewinnen wird. So hat der Firmenchef schon jetzt für 2022 einen Umsatz von 50 Millionen Euro fest eingeplant. Und dafür auch vorgesorgt. "Ich habe in der direkten Umgebung von uns eine weitere Lagerhalle gekauft", sagt er. "Mit Ausbau-Reserven, versteht sich."

© SZ/weka/mai/bica
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