Süßigkeiten:Deutsche essen 31 Kilo Süßigkeiten im Jahr

Verschiedene bunte Süßigkeiten Straßenmarkt in S Arenal Mallorca Balearen Spanien Europa *** Va

Wenn's so lecker aus sieht, kann man direkt auf Instagram damit angeben: Süßigkeiten auf einem Straßenmarkt in Mallorca.

(Foto: Harry Laub/imago)
  • Trotz zunehmender Kritik an zuckerhaltigen Produkten essen die Deutschen mehr Süßigkeiten.
  • Die Nachfrage nach Eis, Schokolade und Pralinen ist stabil, bei Frucht- und Weingummi steigt sie sogar.
  • Gleichzeitig gibt es immer mehr Diabetiker im Land - und auch die Zahl der Übergewichtigen steigt.

Von Michael Kläsgen und Benedikt Müller, Köln

Immer mehr Kinder und Erwachsene sind übergewichtig, die Lust auf Schokolade, Knabbereien oder Eis ist hierzulande dennoch ungebrochen: Jeder Deutsche hat 2019 knapp 31 Kilogramm Naschereien verspeist - knapp ein Prozent mehr als im Vorjahr. Das berichtet der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) am Dienstag in Köln. Demnach gibt jeder Bundesbürger im Durchschnitt gut 100 Euro jährlich für Süßigkeiten aus. Zucker steht zwar in der Kritik, aber offenbar will kaum ein Verbraucher darauf verzichten.

"Der Konsument möchte keinen Verzicht", sagt BDSI-Vorsitzender Bastian Fassin. Nur auf Märkten wie Hustenbonbons oder Kaugummi lägen zuckerfreie Produkte derzeit vorne, sagt Fassin. Ansonsten seien Süßwaren nun mal Genussmittel: "Der Konsument isst am Ende die zuckerhaltigen Schokoladen, weil sie besser schmecken."

Hersteller bestätigen das, Haribo beispielsweise: Holger Lackhoff, Geschäftsführer Marketing im deutschsprachigen Raum, sagt: "Haribo ist ganz klar ein Zuckerprodukt zum Genießen." Er entschuldigt sich fast dafür, dass Haribo mit weniger zuckerhaltigen Produkten experimentiert hat: "Wir haben unsere Kunden irritiert. Sie wollen aber nicht ständig daran erinnert werden, dass der Kauf einer Süßware nicht unbedingt eine rationale Entscheidung ist."

Der US-Konzern Mondelēz International (Milka, Toblerone, Oreo) befindet in der selbst erstellten "ersten globalen Konsumentenstudie" unter dem Titel "So snacken die Deutschen", Snacks würden zum Wohlbefinden beitragen. Und mehr noch: "Sie übernehmen zunehmend die Rolle der klassischen Mahlzeiten."

Hiesige Supermärkte und Discounter nehmen fast jeden zehnten Euro mit Süßwaren und Knabber-Artikeln ein, berichtet der Handelsverband Deutschland (HDE). HDE-Geschäftsführer Stefan Genth zufolge gingen viele Konsumenten zwar bewusster einkaufen. So seien etwa vegetarische, vegane oder zuckerreduzierte Süßwaren zunehmend beliebt. Geschäft bricht den Händlern aber nicht weg. Der Umsatz mit Süßem stieg laut HDE 2019 um gut drei Prozent.

Genth erwartet, dass sich der Konsum von "normalen Süßwaren" hin zu gesünderen und nachhaltigeren Snacks verschieben werde. So hätten im vergangenen Jahr vor allem salzige Snacks und Nussmischungen das Wachstum gebracht. Allerdings sei auch die Nachfrage nach Eis, Schokolade oder Pralinen stabil geblieben. Frucht- und Weingummi hätten sich gar positiv abgesetzt.

Braucht es eine Ampel-Kennzeichnung oder den sogenannten Nutri-Score auf Verpackungen, um die Menschen auf hohe Zucker- oder Fettanteile hinzuweisen? Der internationale Süßwarenverband Sweets Global Network bezweifelt das. Er hat eigens eine Online-Umfrage in Auftrag gegeben, um dem etwas entgegenzusetzen. In mehreren europäischen Staaten ließ der Verband jeweils Hunderte Menschen fragen, ob beispielsweise eine rote Lebensmittelampel oder ein schlechter Score den Süßwareneinkauf beeinflussen würde. Das Ergebnis: Gut die Hälfte der Befragten in Deutschland hätte mit "wahrscheinlich nicht" geantwortet, heißt es von Sweets Global, elf Prozent hätten derlei Kennzeichnungen gar kein Gewicht beigemessen. Allerdings sind solche Umfragen mit Vorsicht zu genießen.

Nach einer Umfrage, die der Bundesverband der Verbraucherzentralen in Auftrag gegeben hat, sieht die Sache anders aus. Demnach wollen 83 Prozent der Befragten, dass Lebensmittel, die sich an Kinder richten, bestimmte Anteile an Zucker, Fett oder Salz nicht überschreiten. Frühstücksflocken für Kinder enthalten beispielsweise teils fast doppelt so viel Zucker wie die Produkte für Erwachsene. Fehlernährung und Krankheiten können die Folge sein.

Den Nutri-Score braucht nur einzuführen, wer will

Laut dem Robert-Koch-Institut sind 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland übergewichtig, ein Drittel davon sogar fettleibig. Der Anteil übergewichtiger Kinder und Jugendlicher hat sich demnach gegenüber den Achtziger- und Neunzigerjahren um 50 Prozent erhöht. Die Zahl der Diabeteserkrankungen steigt seit Jahren beständig. 2040 sollen zwölf Millionen Menschen von der Krankheit betroffen sein.

Diabetes-Verbände sehen die Schuld dafür bei der Bundesregierung. Im Koalitionsvertrag sei 2018 eine nationale Diabetesstrategie beschlossen worden, die nun zu scheitern drohe. "Grund ist der Widerstand von Politikern des Ernährungsausschusses gegenüber einem Passus im Entwurf zu Ernährungsfragen, der vor allem dem Schutz der Kinder dient", klagt die Deutsche Diabetes Gesellschaft.

Beim Zucker setzt Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) auf die freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie. Den Nutri-Score braucht nur einzuführen, wer will. Francesco Branca, Ernährungsspezialist der Weltgesundheitsorganisation (WHO), sagt, ihm sei kein einziger Fall bekannt, in dem freiwillige Vereinbarungen mit der Industrie Wirkung gezeigt hätten, wenn die Regierung keine Druckmittel einsetze. Die WHO empfiehlt eine Zuckersteuer. Wenn der Preis raufgehe, gehe der Verbrauch runter. Doch die Bundesregierung lehnt eine solche Steuer, anders als 50 Länder, die sie einführten, ab.

"Die Industrie bekämpft jede Art von Regulierung", sagt Anne Markwardt, Lebensmittelexpertin des Verbraucherschutzverbandes. Sie findet die Art der Zuckersteuer in Großbritannien interessant. Dort müssten Hersteller von Softdrinks zahlen, wenn sie Grenzwerte überschreiten. So etwas würde die hiesige Industrie hart treffen. Deutschland ist eine Süßwaren-Hochburg - nicht nur wegen der Konsumenten, auch weil die Hersteller so einflussreich sind.

© SZ vom 29.01.2020/vit
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