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Südkorea:Sturz der Bosse

Immer mehr Chefs von großen Familienkonzernen müssen ihre Posten räumen. Dahinter steckt die Strategie der koreanischen Regierung. Sie will sich endlich aus der Verflechtung von Politik und den mächtigen Chaebols befreien.

Die Bosse südkoreanischer Chaebol fallen wie Dominosteine. Am Mittwoch schickten die Aktionäre von Korean Air den Vorstandschef Cho Yang-ho gegen seinen Willen in Rente. Gegen Cho und seine Familie, die in eine lange Reihe von Skandalen verwickelt sind, laufen mehrere Untersuchungen. Am Donnerstag musste Park Sam-koo, Chef von Asiana, der zweitgrößten koreanischen Airline, seine Ämter aufgeben; die Fluggesellschaft hatte versucht, ihre Bücher zu schönen. Am Freitag stürzte die Jahresversammlung von Hanjin Heavy, der Hanjin-Schiffswerft, ihren Konzern-Präsidenten Cho Nam-ho.

Im Herbst 2016 erzwangen die Südkoreaner mit Demonstrationen Ermittlungen gegen ihre damalige Präsidentin Park Geun-hye, die Tochter des früheren Militärdiktators Park Chung-hee. Frau Park war 2013 mit dem Versprechen angetreten, "die Wirtschaft zu demokratisieren". In Wirklichkeit kungelte sie mit den Chaebol, wie Koreas große Familienkonzerne genannt werden. Dem Lotte-Chaebol verschaffte sie zum Beispiel Duty-Free-Lizenzen, dem Samsung-Erben Lee Jae-yong half sie, sich die Macht über Südkoreas größten Chaebol zu sichern. Dafür schanzten Lotte, Samsung und andere Chaebol Parks Freundin Choi Soon-sil Dollarmillionen zu. Für diese und weitere Vergehen erhielt die Präsidentin 24 Jahre Gefängnis; mehrere ihrer Helfer, Beamte und Politiker, sitzen ebenfalls hinter Gittern. Der Filz zwischen Chaebol und Politik ist eingerissen. Die Liberalen sehen darin eine Öffnung der südkoreanischen Demokratie, die Konservativen, zu denen Park gehört, schmähen die Vorfälle als Rachefeldzug. Cho Nam-ho, der gestürzte Chef von Hanjin Heavy, ist der Bruder von Cho Yang-ho, dem gestrauchelten Vorsitzenden von Korean Air. Deren Vater Cho Choong-hoon hatte kurz nach Kriegsende und der Befreiung von den japanischen Kolonisatoren 1946 eine Firma gegründet: "Hanjin". Einer seiner größten Kunden war das US-Militär, das den Süden damals besetzt hatte. Cho führte für die Amerikaner Transporte durch und diente ihnen als Fixer. Hyundai begann ganz ähnlich: mit einem einzigen alten Lkw. Bis zu Park Chung-hees Militärputsch 1961 blieben diese späteren Chaebol kleine Familienfirmen, meist Händler und Transporteure.

Nach seinem Putsch rief Park die Bosse solcher Familienbetriebe zusammen, um mit ihnen Südkoreas Wirtschaft zu modernisieren: als Planwirtschaft auf der Makro-Ebene und als freier Markt an der Basis. Die Unternehmer sollten in Exportindustrien investieren, von denen sie bis dahin keine Ahnung hatten: den Schiffsbau zuerst, später die Herstellung von Automobilen, dann die Elektronik. Park gewährte ihnen dafür großzügige staatliche Investitionen und garantierte ihnen den Binnenmarkt. Zudem unterdrückte er alle Gewerkschaftsaktivitäten und sah weg, wenn sie Gesetze und Menschenrechte verletzten oder die Umwelt schädigten. Die Firmenpatriarchen gingen auf Parks Deal ein. Sie expandierten in immer neue Branchen, binnen dreier Jahrzehnte machten sie Südkorea zur industriellen Großmacht. Das Land verdankt seinen raschen Aufstieg zu Wohlstand somit durchaus dem Filz zwischen Politik und Chaebol, den es heute als Anachronismus zu zerreißen sucht.

Schon frühere südkoreanische Regierungen haben versucht, die Macht der Chaebol-Familien zu begrenzen. Dazu wollten sie die Konglomerate zerschlagen. Doch sie schreckten jedes Mal zurück, weil sie fürchteten, die für Korea lebenswichtige Exportindustrie in eine Krise stürzen. Die Chaebol-Familien wähnten sich deshalb unantastbar. Bis heute. Im Vorjahr ergab eine Studie, sie würden, obwohl sie nur noch ganz wenige Prozent ihrer Konglomerate besitzen, "systematisch die Gesetze umgehen und bei Besetzungen des Managements die Kontrolle durch das Aktionariat aushebeln". Dabei haben die Clans mit Fehlbesetzungen, meist durch unqualifizierte Familienmitglieder, und Skandalen ihren Firmen immer wieder geschadet.

Die Chos, Chungs und Shins zerlegten ihre Konglomerate schließlich selber. Allerdings nicht, um die Macht ihrer Clans zu schmälern, sondern weil sich die Kinder der Gründer im Gerangel um deren Erbe zerstritten hatten. Deshalb gibt es seither mehrere Hanjin-, Hyundai- und Lotte-Chaebol. Wenn nun binnen weniger Tage die Bosse zweier Hanjin-Konglomerate Cho Yang-ho von jenem Hanjin, das Korean Air kontrolliert, und Cho Nam-ho von Hanjin-Heavy von ihren Aktionären gestürzt wurden, zeigt das, wie rasant sich Südkorea wandelt.

Die staatliche Pensionskasse Südkoreas gehört zu den größten Aktionären vieler Chaebol. Als die geschasste Präsidentin Park Geun-hye dem Samsung-Erben Lee Jae-yong 2015 half, sich die Macht über Samsung zu sichern, tat sie das, indem sie die Pensionskasse dazu brachte, seinen Umbau zu unterstützen, obwohl das ihren Einlegern, also allen Südkoreanern, Verluste brachte. Vorige Woche nun war es ausgerechnet diese Pensionskasse des Staates, die die entscheidenden Stimmen abgab, um Cho von Korean Airs Hanjin und zwei Tage später Cho von Hanjin-Heavy zu stürzen.