Nach der erneuten VerschiebungBahn tauscht Projektleiter von Stuttgart 21 aus

Lesezeit: 2 Min.

Ein Blick auf die Baustelle.
Ein Blick auf die Baustelle. Bernd Weißbrod/dpa

Nun soll ein Experte für Digitalisierung das Projekt zu Ende bringen. Das ist klassische Personalpolitik à la Bahn-Chefin Evelyn Palla.

Von Roland Muschel und Vivien Timmler, Stuttgart/Berlin

Die immensen Probleme bei Stuttgart 21 muss jemand anderes lösen. Die Deutsche Bahn hat bekannt gegeben, dass der bisherige Projektleiter Olaf Drescher die Baustelle nicht zu Ende bringen wird; er gehe in den Ruhestand. Stattdessen soll der langjährige Bahn-Manager und frühere Digitalisierungsvorstand bei der DB Infrago, Klaus Müller, seinen Job übernehmen.

Der nunmehr sechste Wechsel an der Spitze des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm, wie der offizielle Name ist, gilt als Folge der erneuten Verschiebung der Inbetriebnahme des neuen, unterirdischen Bahnhofs. Eigentlich war zuletzt für Ende 2026 eine Teil-Inbetriebnahme geplant. Doch kurz nach ihrem Amtsantritt im Oktober 2025 hatte die neue Bahn-Chefin Evelyn Palla den Termin abgesagt. Es gebe noch immer Probleme bei der Digitalisierung des Bahnknotens. Der neue Eröffnungstermin? Ungewiss.

Seitdem untersucht eine 15-köpfige Konzernrevision, was genau intern bei der Bahn, aber auch beim Dienstleister Hitachi falsch gelaufen ist. Bis zum Sommer soll sie Ergebnisse vorlegen. Der Wechsel an der Projektspitze ist somit keine Empfehlung der Revision, sondern eine Entscheidung von Palla.

Und die passt ins Bild. Schon als Chefin der Bahn-Tochter DB Regio hatte die 52-Jährige sich regelmäßig von Führungskräften getrennt, die nicht die geforderten Leistungen brachten. „Es ist wichtig, konsequent zu handeln, auch bei Personalfragen. Es kommt vor, dass Personen an einem bestimmten Punkt nicht mehr die richtigen sind, um Verantwortung zu tragen“, sagte Palla im Januar der Süddeutschen Zeitung.

„Ohne Olaf Drescher wäre vieles schlechter gelaufen.“

Angesichts all der Verschiebungen und der steigenden Kosten zweifeln einige im Konzern schon länger an Drescher. Stuttgart 21 sollte einst 4,5 Milliarden Euro kosten und 2019 eröffnet werden, nun ist man bei mehr als elf Milliarden Euro und einer Eröffnung frühestens 2027. Drescher wurde 2018 zunächst technischer Geschäftsführer des Projekts, von Mitte 2020 an war er dann gesamtverantwortlich. In Stuttgart sehen gleichwohl manche noch größere Versäumnisse bei seinem Vorgänger, Manfred Leger.

Während die Abschiedszeilen für Drescher seitens der Bahn eher sparsam ausfallen, findet Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) durchaus wertschätzende Worte. „Er hat sein Berufsleben der Schiene gewidmet“, sagt Hermann. Die Zusammenarbeit sei „professionell und fair“ gewesen. „Es ist natürlich schwer, einem langjährigen Lenker von Stuttgart 21 kurz nach der Verschiebung des Projekts ins Ungewisse ein Lob zum Abschied auszusprechen“, so Hermann, der nicht gerade als glühender Fan von Stuttgart 21 gilt. „Aber ich bin sicher: Ohne Olaf Drescher wäre vieles schlechter gelaufen.“

Der Bahn scheint nun ein einigermaßen sortierter Übergang zu gelingen. Nachfolger Klaus Müller rückte schon zu Jahresbeginn in die Geschäftsführung des Projekts Stuttgart-Ulm auf. Er besitze „langjährige Erfahrung in Großprojekten, komplexen Fahrplan- und Bauabläufen sowie in der organisationsweiten Implementierung digitaler Lösungen“, teilt die Bahn mit.

Der Wechsel zum jetzigen Zeitpunkt wirft dennoch Fragen zur Zukunft des Projekts auf. Dreschers Vertrag wäre formal Anfang 2027 ausgelaufen, Drescher ist dann 67. Für die letzten Meter hätte man ihn theoretisch noch mal verlängern können, heißt es. Doch wann der neue Tiefbahnhof eröffnet werden soll, ist völlig offen. Und so bleibt die Frage: Wie viele letzte Meter werden es am Ende sein?

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Stuttgart 21
:Der toxische Bahnhof

Seit Jahren ist da dieses gigantische Loch mitten in Stuttgart. Der neue Bahnhof, den viele hier sowieso nie wollten, ist zur Lachnummer verkommen. Zeit, mal runterzusteigen in die Baustelle des Grauens. Aber Vorsicht, es könnte Ihnen gefallen.

SZ PlusVon Max Ferstl, Roland Muschel (Text) und Johannes Simon (Fotos)

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: