bedeckt München 22°

Studien von Foodwatch und Oxfam zu Welthunger:Gegenargumente ausgeblendet

Doch nicht immer sind es Bauern, die solche Finanzgeschäfte abschließen. Vielfach sind es Händler unter sich, die Wetten abschließen. Für die NGOs ist klar, dass genau diese Wetten die Preise treiben. "Die Studien haben weitestgehend Daten ausgeblendet, die dagegen sprechen", kontert Pies. Die Spekulationsgeschäfte könnten den aktuellen Preis nur dann antreiben, wenn es zu Lagerbildung komme. "Aber das ist nicht zu beobachten", sagt der Wirtschaftsprofessor.

Welthunger-Index 2011

Wo die Not am größten ist

In seinen Augen handelte es sich bei dem Preisanstieg zwischen 2006 und 2008 nicht um eine Blase, sondern um eine reale Knappheit. Wegen Ernteausfällen und der Produktion von Biosprit statt von Nahrungsmitteln sei der Preis sowohl auf dem Terminmarkt als auch auf dem aktuellen Markt gleichzeitig angestiegen. "Es ist ein deutliches Signal, dass wir zu wenig Nahrungsmittel haben. Dieses zentrale Problem müssen wir lösen - nur hilft die Debatte über die Spekulation dabei nicht".

Er führt noch ein weiteres Argument an, warum die Finanzprodukte nicht für den Preisanstieg verantwortlich sein könnten: Es seien im fraglichen Zeitraum nicht alle Rohstoffpreise gestiegen, die vom Indexhandel erfasst werden. Die Preise für Baumwolle oder Rinder etwa seien zwischen 2006 und 2008 gesunken. Ein anderes Beispiel ist Reis: Er wird vom Indexhandel nicht erfasst, hat aber von 2006 bis 2008 trotzdem eine Preissteigerung um 168 Prozent hingelegt.

Beim Stöbern in den wissenschaftlichen Unterlagen ist der Wirtschaftsethiker darauf gestoßen, dass eine ähnliche Debatte wie heute schon vor mehr als 100 Jahren geführt wurde. Damals griff die Regulierung hart durch: An der Berliner Börse durfte am 1. Januar 1897 nicht mehr auf Weizen spekuliert werden. "Die Wirkung war desaströs", beschreibt Pies.

Der Weizenpreis ging rasant auf und ab, doch durch die Regulierung konnten sich die Bauern nicht mehr mit Finanzprodukten gegen die Kursbewegungen absichern. "Es wurde zum Glücksspiel, an welchem Tag man die Ernte einfuhr und verkaufte", so Pies. Die Korrektur kam postwendend: Drei Jahre später wurden die verbotenen Termingeschäfte wieder erlaubt.

In seinen Augen ist das ein gutes Beispiel, um zu zeigen, dass Spekulation wirtschaftlich sinnvoll und zugleich moralisch erwünscht sei. Sie erlaube den Produzenten ihre Risiken abzusichern und den Investoren etwas daran zu verdienen, wenn sie diese Risiken übernehmen.

Doch in der Hungerdebatte sei die Spekulation das falsche Thema. "Das ist ein Nebenkriegsschauplatz. Die NGOs verschwenden ihr moralisches Engagement", sagt der Wirtschaftsethiker. Der Hunger in der Welt sei schließlich keine Lappalie: Es gehe um Leben oder Tod.