Studie Was ist dran am Mythos "Hotel Mama"?

Zimmer gesucht: Die WG ist unter Studenten zur Wohnform Nummer eins aufgestiegen.

(Foto: Felix Kästle/dpa)

Viele Jugendliche wohnen auch nach der Ausbildung noch bei den Eltern - nicht nur aus ökonomischen Gründen. Doch in der EU gibt es große Unterschiede.

Von Louis Groß

Mit 30 Jahren noch bei den Eltern wohnen - in einigen europäischen Ländern ist das nicht ungewöhnlich. Das zeigt ein kürzlich veröffentlichter Datensatz des EU-Statistikamts Eurostat. Es hat erfasst, wann Jugendliche in Europa im Durchschnitt von zu Hause ausziehen. Interessant ist dabei nicht nur, dass sich Männer mit dem Auszug schwerer tun - auch zwischen den Ländern sind die Unterschiede groß. Vor allem in Südeuropa ist "Hotel Mama" schwer angesagt.

In Deutschland lebende junge Erwachsene verlassen das Elternhaus mit 23,7 Jahren - früh im europäischen Vergleich, denn im EU-Durchschnitt ziehen Jugendliche erst mit 26 Jahren in eine eigene Wohnung. Angeführt wird die Liste der Nesthocker von den Kroaten mit fast 32 Jahren (siehe Grafik). Die Slowakei, Malta und Italien folgen dicht dahinter. Auch in Spanien und Griechenland werden die Menschen laut der EU-Statistik erst im 30. Lebensjahr flügge.

Doch mit Bequemlichkeit hat das nicht unbedingt etwas zu tun. "In südeuropäischen Ländern wie Spanien oder Italien ist eine hohe Jugendarbeitslosigkeit notorisch", sagt Dirk Konietzka, Professor für Soziologie an der TU Braunschweig. Ohne eigene finanzielle Mittel sei es schwer, von zu Hause auszuziehen. Konietzka sieht aber noch andere Ursachen. In Nordeuropa habe Eigenständigkeit einen hohen kulturellen Wert, der Auszug markiere einen wichtigen Schritt im Erwachsenwerden. "Im Süden dagegen steht der Wert der Familie im Vordergrund". So ziehen der Statistik zufolge Jugendliche in Schweden mit rund 19 Jahren, in Finnland oder Dänemark mit Anfang 20 aus.

Michael Voigtländer vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sieht auch einen Zusammenhang zwischen dem Auszugsalter und den nationalen Immobilienmärkten. "In Ländern, in denen die Jugendlichen noch lange bei ihren Eltern wohnen, ist die Wohneigentumsquote recht hoch", sagt er. Das heißt, die Jugendlichen brauchen viel Geld um auszuziehen, da es wenige Möglichkeiten gibt, eine Wohnung zu mieten. Verstärkt werde dies noch durch die Schwierigkeit, ein Hypothekendarlehen zu bekommen. Banken seien seit der Finanzkrise zunehmend zurückhaltend bei der Vergabe von Krediten. Dies könne dazu führen, "dass das Auszugsalter tendenziell steigt", sagt IW-Experte Voigtländer.

Frauen gehen in jüngeren Jahren eine Partnerschaft ein als Männer

Ebenfalls auffallend ist in den Daten von Eurostat, dass junge Frauen im europäischen Durchschnitt zwei Jahre früher das Haus der Eltern verlassen als männliche Jugendliche. Der Soziologe Konietzka begründet dies so: "Frauen durchlaufen die Schritte ins Erwachsenenalter generell zwei bis drei Jahre früher als Männer", sagt er. Auch Beziehungsmuster spielten da eine Rolle. Frauen in Europa gingen in der Regel in jüngeren Jahren eine Partnerschaft ein als Männer - und sie seien dann auch meist jünger, wenn sie mit einem Partner in eine gemeinsame Wohnung ziehen. Auch das spiegle sich in der Statistik wider.

Seit 2002 hat sich das durchschnittliche Auszugsalter europäischer Jugendlicher übrigens kaum verändert. Dass sich "Hotel Mama" immer größerer Beliebtheit erfreut, ist also ein Mythos.

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