Studie über soziale Durchlässigkeit Reich vererbt sich

Heutige Spitzenverdiener in Florenz stammen aus Familien, die bereits im 15. Jahrhundert superreich waren. Eine Studie zeigt, wie wenige Wohlstand bewahren. Trotz Krisen, Revolutionen und Umverteilungspolitik.

Von Ulrike Sauer, Rom

Wer viel hat, der hat ewig. In Florenz jedenfalls sind die großen Steuerzahler hochgeboren. Sie entstammen Familien, die schon vor sechs Jahrhunderten zu den Superreichen der Stadt gehörten. Eine ähnliche Starre herrscht auch am unteren Ende der sozialen Leiter. Diese Erkenntnis gewannen Ökonomen der italienischen Zentralbank: Sie verglichen die Einkommen und Vermögen der Florentiner im Jahr 1427 mit denen gleichnamiger Einwohner der toskanischen Stadt im Jahr 2011. 20 Generationen kamen in der Zwischenzeit zur Welt. Ihr Rang aber änderte sich selten. Offene Gesellschaft? Von wegen. In Florenz ist die soziale Mobilität blockiert - seit sechs Jahrhunderten.

Die Studie der Wirtschaftswissenschaftler Guglielmo Barone und Sauro Mocetti hinterfragt damit auch die Theorien der Inter-Generationen-Mobilität, also des sozialen Auf-und Abstiegs von Erben. Die gängige Lehre geht davon aus, dass sich zwar der Status direkt aufeinanderfolgender Generationen nicht unbedingt ändert, aber: "Fast alle Einkommensvor- und -nachteile der Vorfahren verschwinden im Laufe von drei Generationen", schrieb der US-Nobelpreisträger und Ökonom Gary Becker 1986.

Die Italiener widerlegen das nun empirisch. "Die Familien der Spitzenverdiener in Florenz standen bereits vor sechs Jahrhunderten ganz oben auf der sozioökonomischen Leiter", stellen Barone und Mocetti fest.

Möglich machten ihre Langzeituntersuchung außerordentlich viele Daten. Die beiden Forscher griffen auf die digitalisierte Liste der Florentiner Steuerzahler aus dem Jahr 1427 zurück. Zu verdanken hat man die lückenlose Aufstellung über die Einkommens- und Vermögensverhältnisse und die Berufe von damals 10 000 Familien einer akuten Finanzkrise. Die Stadtrepublik Florenz stand, vom Krieg gegen Mailand geschwächt, im frühen 15. Jahrhundert kurz vor der Pleite. Die Regierung ließ eine Steuererhebung durchführen, um den Bürgern Geld für die Stadtkasse abzuknöpfen. Nebenbei: Auch daran hat sich über die Jahrhunderte wenig geändert - siehe die Erfahrungen in der Eurokrise.

Ihre Vorfahren waren Mitglieder in der Gilde der Schuh-, Wolle-, und Seidenhändler

1427 waren Michelangelo und Leonardo da Vinci noch nicht geboren. In Florenz befand sich Brunelleschis weltbekannte Kuppel noch im Bau, und die Medici-Sippe trieb tatkräftig ihren Aufstieg zu einer der einflussreichsten Dynastien des Kontinents voran. Von den 1900 Florentiner Nachnamen aus der Frührenaissance sind im Register des Finanzamts 584 Jahre später noch 900 übrig geblieben. 52 000 Steuerzahler trugen 2011 diese Namen.

Nun lässt sich streiten, ob man dem Fortbestand des Reichtums in Familien über ihre Nachnamen nachspüren kann. Die Zentralbank-Ökonomen weisen darauf hin, dass die Verbreitung von Nachnamen in Italien gewöhnlich sehr stark regional geprägt ist und sie in der Regel linear weitergegeben werden. Zwar ist nicht zu beweisen, dass alle Namensvetter tatsächlich verwandt sind. Aber es sei sehr wahrscheinlich, schreiben die Autoren. Aus Gründen des Datenschutzes mussten sie die untersuchten Familiennamen anonymisieren.

Zwar ist die Medici-Dynastie, das führende Geschlecht der Renaissance, ausgestorben, doch generell überdauerte der sozio-ökonomische Status der Florentiner tief greifende Umwälzungen und dramatische Brüche. 2011 sind die fünf Spitzenverdiener der Stadt Nachfahren von Mitgliedern der Gilde der Schuh-, Wolle- und Seidenhändler und der Juristen, die bereits im 15. Jahrhundert die höchsten Einkommen erzielten. "Wir fanden Hinweise auf die Existenz eines gläsernen Bodens, der die Nachfahren der Oberschicht vor dem Absturz schützt", schreiben die Ökonomen. Die Studie zeigt zudem: Nicht nur eine Mini-Elite, auch die Nachfahren des oberen Drittels der Beitragszahler im Jahr 1427 sind heute reicher als der Durchschnitt. Mit Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit scheint es in Florenz also nicht weit her zu sein. Ein Sonderfall? Barone und Mocetti vermuten, dass ihre Erkenntnisse sich auch auf andere westeuropäische Gesellschaften mit ähnlich langer Entwicklung übertragen lassen. Das Pro-Kopf-Einkommen in der Toskana liegt nur knapp über dem EU-Durchschnitt und die Inter-Generationen-Mobilität in der Region ist mit jener der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs vergleichbar. Im Übrigen kam der Historiker Gregory Clark zu ähnlichen Ergebnissen, als er dem Reichtum der Schweden bis ins 17. Jahrhundert nachging. Zwar bezog sich seine Untersuchung auf eine kürzere Zeitspanne, in der es zudem weniger politische Umwälzungen gab als in Florenz. Dafür weist Schweden aber eine höhere soziale Durchlässigkeit als Italien auf und verfolgt eine gezielte Umverteilungspolitik. Auch sie scheint nicht verhindern zu können, dass sich der Wohlstand über Generationen hält.

Von den populären Thesen des französischen Ökonomen Thomas Piketty grenzen sich die Italiener ab. In seinem Werk "Das Kapital im 21. Jahrhundert" vertritt Piketty die These, dass eine wachsende Ungleichheit wesentlich zum Kapitalismus gehört. Er glaubt, dass die Reichen immer reicher werden. Barone und Mocetti sagen: Die selben Reichen bleiben reich.