Süddeutsche Zeitung

Studie des Umweltbundesamts:Ökostrom-Kunden helfen Energiewende nicht

Millionen Deutsche entscheiden sich extra für das gute Gewissen aus der Steckdose - und sitzen einem Missverständnis auf: Der Energiewende im Land bringt das nur wenig. Das liegt am System der Ökostromförderung.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Was die Energiewende angeht, sind Millionen Deutsche echte Überzeugungstäter. Mittlerweile werden mehr als sieben Millionen Verbraucher mit grünem Strom versorgt, allein zwischen 2011 und 2012 stieg die so verkaufte Strommenge nach Zahlen der Bundesnetzagentur um ein Viertel an. Viele der Kunden handeln mit gutem Gewissen: Bei einer Umfrage des Ökostrom-Anbieters Grünstromwerk gaben drei Viertel der Befragten an, sie wollten damit den Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland fördern. Was für ein Missverständnis.

Das Umweltbundesamt ist in einer Studie dem Geschehen auf dem Ökostrom-Markt nachgegangen, sie liegt der Süddeutschen Zeitung vor. Die gute Nachricht: Wer Ökostrom bestellt, der bekommt auch tatsächlich Ökostrom geliefert - dafür sorgt ein 2013 eingeführtes System von Herkunftsnachweisen. Die schlechte Nachricht: Für die Energiewende bringt das so gut wie gar nichts. "Der überwiegende Anteil des als Ökostrom vermarkteten Stroms", so heißt es in der 218-seitigen Marktanalyse, "beruht auf dem Handel mit Herkunftsnachweisen und stammt aus dem europäischen Ausland." Mit anderen Worten: In Deutschland sprießen zwar Windräder und Solarparks, der deutsche Ökostrom aber kommt von anderswo.

Was krude klingt, hat einen relativ einfachen Hintergrund. Wer hierzulande etwa einen Windpark errichtet, kann sich vorher entscheiden, ob er dessen Ökostrom zu den fixen Tarifen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) verkauft oder direkt an Ökostrom-Kunden. Beides zugleich geht nicht. Wer aber die Förderung in Anspruch nimmt, darf seinen Strom nicht zusätzlich als Grünstrom verkaufen; der wird am Markt behandelt wie Strom aus einem Kohlekraftwerk.

Ökostrom kommt meist indirekt aus Skandinavien oder Österreich

Einen Herkunftsnachweis für Ökostrom gibt es deshalb hierzulande vor allem für ältere Wasserkraftwerke in Süddeutschland, die keine EEG-Förderung mehr erhalten oder nie bekommen haben. Von 136 Terawattstunden deutschem Ökostrom wurden deshalb 2012 nur 26 Terawattstunden als solcher gehandelt.

Denn vor die Wahl gestellt, ob sie die gesetzlich fixierte Vergütung nehmen oder ihren Strom an Ökohaushalte verticken, entscheiden sich die meisten Investoren für die sichere Variante. "In Deutschland bleibt das EEG das Hauptinstrument, um den Markt auszubauen, nicht der Verkauf von Ökostrom-Tarifen", heißt es auch beim Hamburger Ökostrom-Anbieter Lichtblick. "Entscheidend ist deshalb, wie sich die Unternehmen jenseits des Ökostroms für die Energiewende engagieren." Lichtblick etwa will dazu eine Armada von Mini-Kraftwerken in deutschen Häusern installieren, als Puffer für Flautenzeiten.

Was dagegen hierzulande als Ökostrom aus der Steckdose kommt, stammt meist indirekt aus Skandinavien oder Österreich. Dort wird mehr Wasserkraft erzeugt, als an Ökoenergie nachgefragt wird. Der Trick: Jede Kilowattstunde Wasserstrom erhält einen eigenen Herkunftsnachweis. Dieser Nachweis lässt sich getrennt vom eigentlichen Strom handeln. So manche Kilowattstunde Kohlestrom wird so plötzlich grün.

Öko-Zertifikate gibt es sehr günstig

In den Herkunftsländern der Zertifikate läuft es genau anders herum. Norwegen etwa gewann 2011 96 Prozent seines Stroms aus Wasserkraft. Im dortigen Energiemix aber machte der grüne Strom nur noch 23 Prozent aus - jedenfalls auf dem Papier. Der Rest war per Zertifikat verkauft worden, ohne dass der Strom physisch Norwegen verlassen hätte.

Weil es solche Nachweise etwa in Skandinavien reichlich gibt, "werden diese für Marktpreise zwischen 0,02 und 0,03 Cent je Kilowattstunde angeboten und ermöglichen so das Angebot von günstigem Ökostrom", heißt es in der Studie. Tatsächlich sind mittlerweile manche Ökostrom-Tarife günstiger als herkömmlicher Strom - mithilfe günstiger Zertifikate.

Verschiedene Ökostrom-Anbieter werben deshalb damit, sie investierten einen Teil ihrer Einnahmen in den Bau neuer Ökostrom-Anlagen. Also doch ein Beitrag zur Energiewende? Die Studie relativiert das. Diese neuen Anlagen seien ihrerseits in der Regel per EEG gefördert, hätten also so oder so wirtschaftlich errichtet werden können. "Bestenfalls" lasse sich nachweisen, "dass die Investition der Ökostrom-Anbieter den Zubau in Deutschland geringfügig beschleunigt".

Qualitätssicherung bei Ökostrom sei "notwendiger denn je"

Was freilich auch nichts daran ändert, dass die Ökostromer auch ihre Verdienste um den Strommarkt an sich haben: Die Öffnung des Marktes für den Wettbewerb haben die Pioniere unter ihnen seinerzeit mit erstritten. "Sie haben damit die Grundlagen für die heutige Energiewende geschaffen", sagt Thomas Holzmann, amtierender Präsident des Umweltbundesamtes. Nur kratzt die Diskrepanz zwischen grünem Anspruch und grauer Wirklichkeit eben auch am Image.

In der Branche ist das Problem längst angekommen. Zwar gibt es verschiedene Gütesiegel, die auch einen Öko-Mehrwert des Ökostroms voraussetzen. Die deutsche Energiewende konnten aber auch Labels wie "Ok-Power" oder "Grüner Strom" nur bedingt forcieren. Schon läuft eine Debatte über eine Verschärfung der Siegel oder über neue Kriterien, die sich nicht mehr allein an der Menge des grünen Stroms orientieren, sondern stärker am Engagement der Unternehmen für eine nachhaltige Energieversorgung.

Andere, etwa die Düsseldorfer Naturstrom, Greenpeace Energy und die Elektrizitätswerke Schönau, arbeiten an neuen Ökostrom-Angeboten. Mit denen ließe sich heimischer Grünstrom, etwa aus dem benachbarten Windpark, direkt ordern - er würde auch nicht mehr aus dem EEG gefördert. Angesichts der vielen Tarife und Anbieter, so schloss jüngst eine Studie des Hamburg Instituts zur Zukunft des Ökostrom-Marktes, sei Qualitätssicherung bei Ökostrom "notwendiger denn je". Verbraucher brauchten "jetzt erst recht eine Orientierung".

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SZ vom 17.03.2014/sks
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