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Studie:Armut ist oft weiblich und in Rente

Die Zahl der Haushalte mit einem dauerhaft geringem Einkommen steigt - zugleich gibt es immer mehr Reiche, die langfristig bestens verdienen. Das zeigt eine Studie. Allerdings sind die Zahlen der Forscher umstritten.

Wer arm ist, bleibt es oft; auch Reichtum ist häufig von Dauer. Zu diesem Ergebnis kommt der Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. "Vor allem Armut hat in sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verfestigt", heißt es, "aber auch Reichtum wird immer dauerhafter."

Grundlage der Untersuchung sind die Daten des sogenannten sozio-ökonomischen Panels. Seit 1984 werden dafür Haushalte vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) befragt. Als dauerhaft arm gelten dem Verteilungsbericht nach Haushalte, die fünf Jahre lang ein verfügbares Einkommen - netto, inklusive aller Transferzahlungen - unterhalb der Armutsgrenze hatten. Als arm eingestuft wird, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Für einen Ein-Personen-Haushalt waren das 2015 (auf diesen Daten beruht der Bericht) etwas mehr als 12 000 Euro im Jahr. Wohneigentum wird in der Untersuchung berücksichtigt, indem die angenommene Miethöhe des Wohneigentums zum verfügbaren Haushaltseinkommen addiert wird.

Allerdings ist die Armutsdefinition des WSI umstritten: So wäre etwa in einem fiktiven Dorf mit einem Durchschnittseinkommen von einer Million Euro jemand mit einem 500 000-Euro-Gehalt schon relativ gesehen arm. Zudem werden in dem WSI-Bericht weder Schulden noch Vermögen jenseits von Wohneigentum berücksichtigt - aus "forschungspragmatischen Gründen", wie es heißt. Es gebe schlicht "keine Datenquelle, die im Zeitverlauf umfassend Daten über Einkommen als auch über Vermögen der Haushalte liefert".

Auf Grundlage der vorhandenen Daten zeigt sich: 1991 lebten gut elf Prozent aller Personen hierzulande in armen Haushalten, 2015 knapp 17 Prozent. Zurückzuführen sei der Anstieg vor allem auf die Zuwanderung, schreiben die Autoren, unter den in Deutschland Geborenen sei die Armutsquote zuletzt stabil geblieben.

Die Reichtumsquote wiederum lag 1991 bei 5,6 Prozent, 2015 bei knapp 7,5 Prozent. Höchste Einkommen und Vermögen würden eher "untererfasst"; als reich gilt schon, wer das Doppelte des mittleren Einkommens zur Verfügung hat.

Die Daten zeigen, dass Armut in Deutschland für einen wachsenden Anteil der Betroffenen zum Dauerzustand wird: So waren in Westdeutschland innerhalb der ersten fünf Jahre des betrachteten Zeitraums von 1991 bis 2015 nur 3,6 Prozent aller Personen dauerhaft arm. Zwischen 2001 und 2005 waren es bereits 5,3 Prozent und von 2011 bis 2015 5,5 Prozent. Beim Reichtum stieg die Quote ebenfalls, von anfangs 2,3 Prozent auf 3,4 Prozent. Im Osten verlief die Entwicklung ähnlich: Für die ersten fünf Jahre gibt es zu wenige Fallzahlen; von 2001 bis 2005 lag die Armutsquote bei knapp 4,4 Prozent. Von 2011 bis 2015 überholte sie das Westniveau, erreichte 6,4 Prozent. Dauerhaft reich waren im Osten nur 1,7 Prozent, im letzten Fünf-Jahres-Abschnitt 2,1 Prozent.

Dauerhafte Armut trifft bestimmte Gruppen: Überrepräsentiert sind Ostdeutsche, Rentner, Arbeitslose, Hauptschulabsolventen, Alleinerziehende, Migranten, Singles und Frauen. Die soziale Ungleichheit werde durch geringe soziale Mobilität verstärkt, warnt das WSI. Das heißt: Wenn der Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär möglich ist, hat soziale Ungleichheit weniger Brisanz als wenn die Strukturen starr sind. In Deutschland werde es immer schwieriger, von einer Schicht in die nächste aufzusteigen.

© SZ vom 06.11.2018

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