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Energiekosten:Warum Strom derzeit so teuer ist

Stromtrasse

Die Energieversorger können den Strom derzeit sehr günstig einkaufen.

(Foto: dpa)
  • Viele Stromanbieter erhöhen in diesem Jahr ihre Preise, teilweise verlangen sie mehr als je zuvor von ihren Kunden.
  • Dabei sind die Preise an den Strombörsen, wo die Firmen ihren Strom einkaufen, derzeit extrem niedrig.
  • Verbraucherschützer fordern deshalb, dass die Kunden davon auch profitieren müssten. Unternehmen verweisen aber auf ihre Ausgaben und den komplizierten Strommarkt.

Es gibt sie tatsächlich: Stromanbieter, die in diesem Jahr die Preise nicht erhöht haben. Die "Städtischen Werke Überlandwerke Coburg" (SÜC) etwa: Das fränkische Versorgungsunternehmen berechnet seinen Privatkunden 2020 denselben Strompreis wie vergangenes Jahr. Man habe unter anderem durch Digitalisierung Kosten gespart, sagt Stefan Hafner von der SÜC. Außerdem habe man "Strom günstiger eingekauft als geplant. So konnten wir kostensteigernde Faktoren ausgleichen". Der Preis sei daher gleich geblieben.

Die SÜC gehören damit zu einer Minderheit in Deutschland. Fast 85 Prozent der mehr als 800 Grundversorger haben nach Angaben des Vergleichsportals Verivox in diesem Jahr die Preise für Strom angehoben. Die Mehrzahl davon zum Jahresanfang, aber auch im April und Mai wird Strom laut Verivox noch einmal bei rund 50 Energieversorgern teurer. Dadurch sei der durchschnittliche Strompreis für Endkunden im April auf 30,23 Cent pro Kilowattstunde (kWh) gestiegen, sagt ein Verivox-Sprecher: "Das ist ein neuer Rekordwert. So hoch war der Preis noch nie."

Dabei ist an den Strombörsen derzeit genau das Gegenteil der Fall. Dort haben sich die Großhandelspreise für Strom verglichen mit dem Jahresanfang zum Teil halbiert. Gemessen am Durchschnitt des vergangenen Jahres liegen die Preise in diesem Jahr um fast ein Drittel niedriger. Hintergrund ist unter anderem der gesunkene Stromverbrauch wegen der Corona-Pandemie. Die Kunden allerdings spüren davon nichts. Dabei müssten die Firmen sie gerade in der Krise bei der Stromrechnung entlasten, kritisieren Verbraucherschützer: "Die fallenden Großhandelspreise für Strom müssen endlich beim Verbraucher ankommen", monierte etwa Klaus Müller, der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, bereits Ende März.

Die Energiefirmen weisen die Kritik zurück. Starke Veränderungen bei den Börsenpreisen wie durch die Corona-Krise wirkten sich "nicht unmittelbar auf den Strompreis für Endkunden aus", heißt es beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Der Grund: Die Firmen kauften den größten Teil ihres Stroms im Voraus am Terminmarkt ein - "in Teilmengen Schritt für Schritt". Mit anderen Worten: Den Strom, den die Kunden derzeit beziehen, haben die Unternehmen bereits in der Vergangenheit bezahlt, zu verschiedenen Zeitpunkten und unterschiedlichen Preisen. Gleichzeitig kaufen sie jetzt den Strom für das Jahr 2021 oder gar 2022.

Auch die Terminmarktpreise jedoch sind deutlich günstiger als vor der Krise. "Davon profitieren wir natürlich", sagt Stefan Hafner vom Coburger Versorger SÜC: "Das ist aber nur einer von vielen Zeitpunkten, zu denen wir Strom kaufen." Bis zu 40 Käufe tätige man im Jahr. Das senke das Risiko, zu einem Zeitpunkt, an dem der Preis hoch ist, große Mengen teuer einkaufen zu müssen. Eine solche Einkaufsstrategie der Versorger, heißt es beim BDEW, "glättet die schwankende Entwicklung an den Energiebörsen für die Endkunden". Ein starker Preisverfall schlage daher nicht eins zu eins auf den Endpreis durch. Dasselbe gelte umgekehrt bei Preiserhöhungen.

Verbraucherschützer zweifeln das jedoch an. "In der Regel geben die Stromfirmen höhere Beschaffungspreise schnell an die Verbraucher weiter", sagt Udo Sieverding, Energieexperte bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Sinken die Beschaffungskosten dagegen, komme die Preissenkung nur zögerlich bei den Kunden an - oder gar nicht. Das zeigt auch eine Untersuchung der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz aus dem vergangenen Jahr. Demnach gingen von 2011 bis 2016 die Großhandelspreise für Strom deutlich zurück. "Davon merkten die Kunden der örtlichen Stromversorger jedoch in den Folgejahren kaum etwas", sagt Hans Weinreuter, Energieexperte bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Mit dem Anstieg der Beschaffungskosten, der danach folgte, begründeten die Unternehmen dagegen die Preiserhöhungen der letzten beiden Jahre. "Wenn es darum geht, Preissteigerungen weiterzugeben, sind die Firmen deutlich schneller dabei", sagt Weinreuter.

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Unternehmen haben Kosten für Beschaffung, Personal und Marketing

Der Versorgerverband BDEW verweist dagegen darauf, dass die Beschaffungskosten nur ein Viertel des Strompreises ausmachten. Mehr als die Hälfte entfielen auf Steuern, Abgaben und Umlagen. Diese seien seit 2010 deutlich gestiegen. Das schränke den Spielraum für Preissenkungen ein.

Tatsächlich könnten die Unternehmen nur einen geringen Teil des Strompreises selbst beeinflussen, räumt auch Udo Sieverding ein. "Dieser Teil ist jedoch nicht unbedeutend", sagt der Experte. Ähnlich wie in Rheinland-Pfalz zeigt auch eine Untersuchung der nordrhein-westfälischen Verbraucherschützer: Gerade die "Unternehmensspanne", die aus den Kosten für Beschaffung, Vertrieb und der Gewinnmarge besteht, kann einen guten Teil der Preisunterschiede der Versorger erklären. "Unternehmen, die klug Strom einkaufen, günstige Vertriebskosten und geringe Gewinnmargen haben, können den Kunden auch niedrige Strompreise anbieten", sagt Sieverding. Bei den untersuchten Firmen mache das für einen Drei-Personen-Haushalt bis zu knapp 100 Euro im Jahr aus.

Versorger, die jetzt am Strommarkt günstig einkaufen, könnten daher künftig durchaus die Preise senken, meint auch Experte Hans Weinreuter: "Die Erfahrung lehrt aber, dass sich viele Firmen in solchen Fällen lieber bei der Gewinnmarge einen kräftigen Zuschlag gönnen."

© SZ vom 14.04.2020/vd
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