Stromnetz Altmaier bereist die Orte des Widerstands

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in Brühl an der Baustelle einer neuen Stromtrasse.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)
  • Mehrere Tausend Kilometer neue Leitungen sollen gebaut werden, um Strom vom Norden in den Süden zu leiten. Doch erst ein Bruchteil wurde realisiert.
  • Oft verzögern Anwohnerproteste den Leitungsbau.
  • Ein Aktionsplan des Bundeswirtschaftsministeriums soll jetzt den Ausbau vorantreiben und für eine bessere Auslastung des bestehenden Netzes sorgen.
Von Michael Bauchmüller, Köln

Als es gar nicht mehr ging, musste die Baustelle erst einmal Pause machen. "Da haben wir etwas Kluges gemacht", sagt Andreas Cerbe, Netzvorstand des Kölner Versorgers Rhein-Energie. "Wir haben die Bagger gestoppt und neu geplant." Ein acht Kilometer langes Kabel wollte das Kölner Stadtwerk verlegen. Unter der Erde, aber nah an Wohnhäusern. Doch mit dem Widerstand hatte auch Cerbe nicht gerechnet. "Ein halbes Jahr hatten wir jeden Morgen um halb acht Krisenstab." Doch als die Trasse neu geplant war, legte sich der Widerstand. Sie ist jetzt neun Kilometer lang und nicht acht, macht einen Bogen um einige Viertel. Aber dafür transportiert sie auch Strom.

Es sind Geschichten wie diese, die Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) dieser Tage zu hören bekommt. Altmaier hat sich auf "Netzreise" begeben, zu Orten, an denen Stromnetze gebaut werden sollen, aber auf Widerstände stoßen. Zur "Chefsache" wolle er den Ausbau der Stromnetze machen, sagt der Minister. "Es ist eine Aufgabe, der sich die Bundespolitik bisher so nicht gestellt hat."

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Tatsächlich sind die Fortschritte bislang mau. Schon 2009 beschloss der Bund ein Energieleitungsausbaugesetz, es brachte Trassen von 1800 Kilometer Länge auf den Weg. Doch neun Jahre später sind erst 800 Kilometer gebaut, weitere 350 Kilometer genehmigt. Zwischen April und Juni wurden ganze 21 Kilometer fertig. 2013 kam ein weiteres Gesetz hinzu, es regelt vor allem den Ausbau der großen Stromleitungen von Nord nach Süd. Insgesamt 5900 Kilometer Leitungen sieht es vor, 2900 Kilometer davon als komplett neue Trassen, den Rest als Verstärkung bestehender Netze. Gebaut sind davon 150 Kilometer, im zweiten Quartal des Jahres ganze vier. "Die Stunde der Wahrheit ist gekommen", sagt Altmaier. "Wir haben nicht mehr viel Zeit."

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Mit einem "Aktionsplan Stromnetz" will er dem Fortschritt nun Beine machen. Denn zunehmend erweisen sich die Stromnetze auch als Engpass für den Ausbau erneuerbarer Energien. Das wiederum macht nicht nur teure Eingriffe in das Stromnetz nötig. Auch der einheitliche Strommarkt in Deutschland steht infrage, wenn Elektrizität im Norden stets im Überfluss vorhanden, aber im Süden oft Mangelware ist. Bisher konnte Berlin diesen einheitlichen Markt verteidigen, doch die EU macht Druck.

Um die Engpässe zu beheben, will Altmaier nun das bestehende Netz besser auslasten. Technische Möglichkeiten gibt es, etwa durch spezielle Leitungen, die auch bei hohen Temperaturen noch viel Strom transportieren können. Oder durch klügeres Management: Bei niedrigen Außentemperaturen lässt sich mehr Strom durchleiten als bei hohen. Auch ließe sich der Stromfluss gezielter steuern als bisher.

Parallel dazu will er den Ausbau vorantreiben. Dazu sollen Bund, Länder und Netzbetreiber sich künftig häufiger darüber abstimmen, wo Projekte stehen oder haken. Dieses "Controlling" soll vor allem Behörden auf Trab bringen, die sich bisher wenig um die neuen Leitungen mühen. Auch eine Beschleunigung von Planungsverfahren will Altmaier prüfen - und unnötige Zusatzplanungen verhindern. Wo etwa eine neue große Stromtrasse entsteht, sollen künftig auch Leerrohre möglich sein. Die Kapazität ließe sich so leicht noch steigern.