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Strom:Streit an der Grenze

THEMENBILD, Blick auf die Staumauer des Mooserboden Speichers. Die beiden Stauseen Mooserboden und W

Stausee Mooserboden: Österreich profitierte bislang vom Stromaustausch mit Deutschland - dem will Berlin nun einen Riegel vorschieben.

(Foto: imago/Eibner)

Berlin will auf Europas Energiemarkt wieder Kontrollen einführen - auch zu Österreich.

Die Spannung an Europas Grenzen ist im Strommarkt schon seit Monaten spürbar. Die rasanten Fortschritte der Energiewende in Deutschland bringen die Gemüter der Regierungen in Polen und Tschechien in Wallung. Weil in Deutschland noch große Stromtrassen fehlen, fließt überschüssiger Ökostrom an guten Wind- und Sonnentagen über die Grenzen - und flutet die Stromnetze der europäischen Nachbarn.

Das sorgte vor allem in Warschau und Prag für Kopfzerbrechen. Polen und Tschechien warnten immer wieder vor Blackouts. Doch auch in Deutschland wuchsen deshalb die Sorgen. Denn weil die Überschüsse jenseits der Grenzen über den gemeinsamen Strommarkt mit Österreich wieder zurückschwappen, löst das Problem auch hierzulande hohe Kosten aus. Kraftwerke müssen in Süddeutschland rauf- und runtergefahren werden, um das Netz irgendwie stabil zu halten. Es geht um Eingriffe der deutschen Netzbetreiber, die für deutsche Stromkunden mit hohen Kosten verbunden sind.

Die Kosten für ein stabiles Netz fielen vor allem auf deutscher Seite an

Seit Mittwoch hat der internationale Stromstreit ernste Folgen. Denn zwischen Deutschland und Österreich werden auch an den Stromgrenzen wieder Kontrollen eingeführt. Der seit 2002 bestehende gemeinsame unbeschränkte Energiemarkt zwischen beiden Ländern könnte bald Geschichte sein. Die europäische Energieregulierungsbehörde Acer empfahl die Einführung zweier Preiszonen - und damit die Errichtung eines künstlichen Zauns. In Deutschland war der Unmut über die gemeinsame Preiszone in den vergangenen Monaten gewachsen. Denn Österreich profitierte von günstigem deutschen Solarstrom - und sparte so bis zu 300 Millionen Euro pro Jahr. Die Kosten aber, die anfielen, um das Netz im grenzenlosen Verkehr stabil zu halten, fielen vor allem auf deutscher Seite an. Eine Situation, die offenkundig weder Bundesnetzagentur noch Bundeswirtschaftsministerium so weiterführen wollten. Zumal das Handelsvolumen zwischen den Ländern immer größer wird. Berechnungen machen klar, dass bei weiterem Wachstum der erneuerbaren Energien auch die Ausgleichskosten für ein stabiles Netz steigen würden. Ein Drittel des deutschen Kraftwerksparks könnte in Zukunft demnach von den so genannten Redispatch-Maßnahmen betroffen sein. Zu zahlen wäre das Rauf- und Runterfahren der Anlagen von den deutschen Stromkunden. Ein "Engpassmanagement", mit dem die Durchleitung dann teurer wird, wenn viel Strom zwischen beiden Ländern transportiert wird, soll das nun lösen.

Vor allem für Österreich könnten die Folgen neuer Grenzen unangenehm sein. Wirtschaftsverbände fürchten bereits höhere Strompreise von mehreren hundert Millionen Euro pro Jahr. Auch die EU-Kommission hat Bauchschmerzen, und der Stromverband BNE warnt vor Einschränkungen des Handels.

Ganz anders die Bundesnetzagentur. "Wir begrüßen die Empfehlung von Acer", sagte ihr Chef Jochen Homann am Mittwoch. Kein Wunder, denn schon im Mai hatte die Bonner Behörde durchblicken lassen, was der Verbund mit Österreich deutschen Kunden so aufbürdet. Seinerzeit hatte sie eine Prognose über die so genannte "Winterreserve" abgegeben, auf Jahre hin. Das sind Kraftwerke, die für den Notfall im Winter bereitgehalten werden, falls Sonne und Wind versagen. Zu zahlen haben diese Notreserve die Stromkunden - in Deutschland. Doch während die Netzagentur für den nächsten und übernächsten Winter mit mehr als 6500 Megawatt Reserve kalkuliert, sind es am Ende des Jahrzehnts nur noch 1600 Megawatt - nicht einmal ein Viertel. Der Grund: Engpassmanagement mit Österreich.