Süddeutsche Zeitung

Stresstest:Sicher ist sicher

Europäische Versicherer müssen ab sofort eine neue Kennziffer für die finanzielle Stabilität veröffentlichen. Die Anbieter nutzen das Instrument sehr unterschiedlich. Kunden müssen den Gebrauch noch lernen.

Nach mehr als 15 Jahren Arbeit von EU-Beamten, Aufsichtsbehörden, Parlamenten und Versicherern ist es seit Montag so weit. Zum ersten Mal können die Kunden der Versicherungswirtschaft direkt von der größeren Transparenz profitieren, die Regierungen, Kommission und Aufsichtsexperten mit der Einführung der neuen Regeln Solvency II zugesagt hatten. Bis zum 22. Mai mussten alle Versicherer in der EU die ersten Berichte über ihre finanzielle Situation und die so genannte Solvenz veröffentlichen. Damit bezeichnet die Branche das Verhältnis von vorhandenen Eigenmitteln zu dem erforderlichen Risikokapital. Aber der Wert der so gewonnenen Daten für die Kunden ist umstritten.

Was messen die nun veröffentlichten Zahlen?

Die Versicherer müssen ab jetzt jährlich Daten über ihre Finanzstärke offenlegen, die weit über die in Geschäftsberichten genannten Zahlen hinausgehen. Die Zahlen zeigen, wie viel Risikokapital ein Versicherungsunternehmen für die von ihm getragenen Risiken braucht und wie hoch seine Eigenmittel sind. Das ergibt eine Prozentzahl: Wer eine Quote von 200 Prozent hat, hält doppelt so viel Eigenmittel wie erforderlich für die Risikobedeckung. Diese Zahl nennt man Solvenzquote. Die jetzt veröffentlichten Werte beziehen sich auf den Stichtag 31. Dezember 2016.

Warum müssen die Versicherer Zahlen über ihre Finanzstärke veröffentlichen?

Das gehört zum 2016 eingeführten neuen Regelwerk für die Aufsicht über Versicherungsunternehmen. Solvency II soll in der gesamten EU einheitliche Bedingungen herstellen, um den europäischen Binnenmarkt zu fördern. Gleichzeitig hat die EU den Versicherern ein grundsätzlich anderes System für die Bemessung des erforderlichen Eigenkapitals verordnet.

Wie wird der Kapitalbedarf gemessen?

Er richtet sich jetzt nach den tatsächlich übernommenen Risiken in der eigentlichen Versicherung und bei den Kapitalanlagen. Wer als Versicherer 100 Millionen Euro Umsatz mit der vergleichsweise risikoarmen Versicherung von Autos macht, muss dafür weniger Kapital vorhalten als für 100 Millionen Euro Umsatz aus der Versicherung von Chemiefabriken. Dasselbe gilt für die Kapitalanlagen: Versicherer müssen sich Investments in Aktien oder Hedgefonds auch leisten können - denn sie brauchen für diese Anlagen mehr Kapital als für Investitionen in Staatsanleihen.

Warum müssen die Gesellschaften Risikokapital in bestimmter Höhe vorhalten?

Damit sie bei Großschäden oder in Kapitalmarktkrisen auch ohne Staatshilfe überleben können. Der theoretische Grundgedanke ist, dass sie ein Ereignis, das alle 200 Jahre eintritt, mit dem vorhandenen Kapital aushalten müssen.

Warum geben manche Gesellschaften zwei verschiedene Solvenzquoten an?

Dabei handelt es sich zum einen um den Wert ohne die Nutzung von Übergangsmaßnahmen, zum anderen um den Wert mit Übergangsmaßnahmen. Diese Übergangsmaßnahmen sind ein Zugeständnis der EU an die Versicherungslobby, die sich vor allem um die Lebensversicherer Sorgen macht. Angesichts der Niedrigzinsen hätten viele von ihnen ohne Sonderregeln ernste Probleme bekommen. Jetzt dürfen sie 16 Jahre lang mit weniger scharfen Regeln rechnen als die Firmen, die ohne Übergangsmaßnahmen auskommen. Ohne Übergangsmaßnahmen wäre eine Reihe von Gesellschaften pleite oder müsste von ihren Eignern frisches Kapital erhalten. Ein Beispiel ist der kleine Lebensversicherer Familienfürsorge, der zur HUK-Coburg gehört: Er kommt ohne Übergangsmaßnahmen nur auf 56 Prozent des benötigten Kapitals, mit ihnen aber auf 261 Prozent - das reicht aus.

Wo sind die Zahlen zu finden?

Jede Gesellschaft muss einen Bericht zur Solvenz- und Finanzlage veröffentlichen, der meistens auf der Webseite steht. Nach dem englischen "Solvency and Financial Conditions Report" heißen die Berichte SFCR-Reports, mit dem Suchbegriff sind sie in der Regel zu finden. Allerdings verstecken manche Gesellschaften die wichtigen Zahlen darin in einem Wust von Daten, die meisten Berichte sind mehr als 100 Seiten lang. Offenbar wollen sie Nutzer der Berichte abschrecken. Andere weisen in kurzen Zusammenfassungen auf die wichtigsten Daten hin, sie sind benutzerfreundlicher.

Manche Versicherer veröffentlichen sehr viele SFCR-Berichte. Warum?

Die Konzerne müssen für jede einzelne Gesellschaft einen Bericht erstellen und auch für die Konzern-Obergesellschaften. Die Zahlen können dabei innerhalb einer Gruppe erheblich voneinander abweichen. Das liegt daran, dass die Geschäftsfelder der Töchter verschieden sind. Wer vor allem Risikolebensversicherungen anbietet, braucht dafür weniger Kapital als ein Versicherer mit Kapitalpolicen, mit denen der Kunde für die Altersversorgung anspart.

Der Versicherungsverband GDV und die Finanzaufsicht Bafin argumentieren, die Zahlen seien überhaupt nicht vergleichbar. Haben sie Recht?

Die Zahlen sind da, um den Kunden bessere Entscheidungen beim Versicherungsabschluss zu ermöglichen. So haben es die Gesetzgeber auf EU-Ebene und in Deutschland gewollt. Deshalb werden Kunden, Vermittler und Konkurrenten natürlich die Werte der einzelnen Gesellschaften vergleichen. Aber GDV und Bafin haben damit Recht, dass es sich bei den jetzt veröffentlichten Daten um eine erste Momentaufnahme vom 31. Dezember 2016 handelt. Künftig werden die Berichte regelmäßig veröffentlicht, dann wird ihre Aussagekraft noch deutlich größer.

Sind gute Zahlen stets besser als niedrige?

Wenn ein Versicherer unter 100 Prozent liegt oder knapp darüber, hat er ein großes Problem. Allerdings: Sehr hohe Werte können ein Hinweis darauf sein, dass ein Versicherer überkapitalisiert ist, also zu viel Kapital gebunden hat, mit dem er keine Gewinne erzielen kann. Auch das ist für die Gesellschaft nicht gut.

Wer steht bislang gut da?

In der Lebensversicherung kann der Marktführer Allianz ebenso punkten wie die deutlich kleinere Alte Leipziger, sie kommen auf 379 Prozent beziehungsweise 289 Prozent. Die Ergo Leben, die sich in der Abwicklung befindet, meldet 100 Prozent - nimmt aber Übergangserleichterungen in Anspruch und kommt so auf 329 Prozent. Am unteren Ende finden sich die beiden DEVK-Lebensversicherer mit 85 Prozent und 96 Prozent vor sowie 488 Prozent und 225 Prozent nach Übergang. Die meisten deutschen Anbieter stehen deutlich besser da als Rivalen zum Beispiel in Großbritannien. Dort meldet die große Aviva 57 Prozent vor und 152 Prozent nach Übergangsmaßnahmen, die Legal & General sehr knappe 7 Prozent und 163 Prozent.

Und die privaten Krankenversicherer?

Sie haben jedenfalls in Deutschland wegen der hohen Alterungsrückstellungen in der Regel gute Werte. Die Quoten liegen fast immer über 300 Prozent, in vielen Fällen über 400 Prozent.

Was sagen die Verbraucherschützer?

Sie begrüßen die Veröffentlichung. Der Bund der Versicherten lässt sich nicht auf das Argument ein, dass die Werte der einzelnen Gesellschaften nicht vergleichbar seien, und will genau das tun. Dafür hat er sich mit dem bekannten Versicherungsanalysten Carsten Zielke und seiner Firma zusammengetan. "Die Vergleiche werden nicht perfekt sein", sagt Zielke. "Aber sie stellen den Versuch dar, den größten Gläubigern der Versicherungsindustrie, ihren Kunden, eine Vorstellung davon zu geben, wie es um ihr Geld steht."

Was sollten Versicherungskunden tun, wenn ihre Gesellschaft einen vergleichsweise schlechten Wert aufweist?

Gerade bei Lebensversicherern sollten sie nichts übereilen. Die Gesellschaft steht nicht unmittelbar vor der Pleite, außerdem gibt es in Deutschland ein Auffangsystem für schwächelnde Lebensversicherer. Wenn die Police schon viele Jahre läuft, ist die Kündigung meistens die schlechteste Lösung. Wer auf keinen Fall weitermachen will: Stilllegung, Beleihung oder Verkauf von Lebensversicherungsverträgen sind oft günstigere Alternativen. Es lohnt sich in diesem Fall, den Rat eines unabhängigen Versicherungsberaters einzuholen.

Wie wichtig ist die Solvenzquote für Kunden, die jetzt eine Versicherung abschließen wollen?

Sie kann eines der Entscheidungskriterien für oder gegen einen Versicherer sein. Es lohnt sich auf jeden Fall, diese Zahl zu kennen, wenn man sich auf einen Versicherer einlässt - nicht nur in der Lebensversicherung. Auch die Makler werden künftig noch genauer darauf achten, wie gut ein Versicherer kapitalisiert ist, den sie empfehlen. Denn geht etwas schief, haften sie, wenn sie gegen besseres Wissen eine schlecht ausgestattete Gesellschaft empfohlen haben.

Ist die Quote also ein guter Grund für den Abschluss?

Nein. Wenn das Angebot unpassend oder der Preis zu hoch ist, sollte die Solvenzquote nicht den Ausschlag geben. Ist sie außergewöhnlich schlecht, heißt es aber: Finger weg. Wer sich bei einem Versicherer mit einer Quote um 100 Prozent versichert, ist selbst schuld, wenn er nach dessen Pleite kein Geld sieht.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3516836
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 23.05.2017
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.