Streit um Energietrassen Strommasten oder Erdkabel

Diese Aussicht wünscht sich keiner für seinen Vorgarten: Hochspannungstrassen.

Tausende Kilometer Stromleitungen müssen im ganzen Land verlegt werden. Allerdings will kaum jemand die zugehörigen Strommasten in seinem Vorgarten. Eine Alternative wären unterirdische Kabel. Doch auch die haben Gegner.

Von Markus Balser und Marlene Weiß

Aus seinem Garten in Reuschenberg bei Neuss sieht Willi Traut eine Menge Metall. Da ist die alte 220-Kilovolt-Leitung, die fast durch seinen Garten führt. 80 Meter von seinem Haus entfernt kommt noch ein Mast, mindestens 70 Meter hoch, über den Strom in drei verschiedenen Spannungen läuft. 41 Leiterseile zählt der Rentner darauf, und jetzt soll eine neue 380-Kilovolt-Leitung und irgendwann noch eine Gleichstrom-Autobahn dazukommen. Endgültig zu viel, befand Traut, und mobilisierte seine Nachbarn. Erbittert wehrt sich seither eine Bürgerinitiative gegen die Pläne. Wenn schon Stromleitungen, dann bitte unterirdisch, findet Traut.

Wie Traut geht es vielen im Land. Die neue Debatte um den Ausbau der Stromtrassen ruft immer mehr Kritiker auf den Plan. Bürgerinitiativen gegen "Monstermasten" werden gegründet. Der Ruf nach Alternativen wird lauter angesichts Tausender Kilometer Leitungen, die gebaut werden sollen, um den Strom von den Windrädern im Norden abzutransportieren. Denn es gibt andere Möglichkeiten.

Knappe hundert Kilometer nördlich von Neuss liegt jene Gemeinde, die Netzgegner wie Willi Traut neidisch macht: Raesfeld im Kreis Borken, 11 000 Einwohner. Auch an Raesfeld soll eine Riesentrasse vorbeiführen - sehen wird man sie nicht. Die Gleichstrom-Autobahn wird hier unter der Erde liegen, ein bislang einmaliges Pilotprojekt in Deutschland. Gute drei Kilometer soll der unterirdische Abschnitt lang werden, einer von drei geplanten Testabschnitten auf der 130 Kilometer langen Trasse zwischen Meppen und Wesel. Im Sommer beginnt der Bau, erklärt Netzbetreiber Amprion. Zwei Meter tief werden sechs armdicke Kabel verlaufen.

Das Gesetz gibt den Genehmigungsbehörden die Chance, Erdkabel zu verlangen, wenn der Abstand zu Wohngebäuden weniger als 400 Meter beträgt. Erdkabel haben Vorteile: Sie sind vor Witterung geschützt und ihr elektrisches Feld bleibt in der Erde. Tatsächlich hätten Studien gezeigt, dass Leukämie bei Kindern etwas häufiger auftritt, wenn sie in der Nähe einer überirdischen Wechselstrom-Hochspannungsleitung wohnen, sagt Sarah Drießen, die am Uniklinikum Aachen die Wirkung elektromagnetischer Felder erforscht. "Aber in experimentellen Tierstudien konnte nie ein Zusammenhang nachgewiesen werden", sagt sie - es könnte also auch andere Ursachen geben. Und außerdem müsse man das Restrisiko vergleichen mit anderen, ungleich größeren, etwa im Straßenverkehr. "Letztlich muss sich die Gesellschaft fragen, welchen Preis sie zu zahlen bereit ist." Bei Gleichstrom-Leitungen ist keine erhöhte Krebsgefahr bekannt.

Hinzu kommt: Ohne Widerstände bleiben auch die Vergrabungspläne nicht. Landwirte, unter deren Feldern die Kabel verlaufen sollen, melden nicht selten Bedenken an. Viele fragen, ob sich die Abwärme der Leitung und die Bodenarbeiten auf den Ertrag auswirken. Noch sind die Folgen kaum erforscht. Zudem dürfen auf einer breiten Trasse über dem Kabel keine tiefwurzelnden Pflanzen mehr wachsen; Bäume müssen weichen.

Ein paar Kilometer sind unterirdisch machbar, 130 Kilometer nicht

Und ohnehin dürften Kabel unter der Erde die Ausnahme bleiben. Bei den Hochspannungsleitungen, die schon heute Wechselstrom durchs Land transportieren und kräftig ausgebaut werden müssen, kommt die Technik nur auf kurzen Distanzen infrage - sonst sind die Verluste zu hoch. Bei den geplanten Gleichstrom-Autobahnen sind längere unterirdische Strecken theoretisch möglich. Praktisch bleibt das Vergraben eine Herausforderung. Die Betriebssicherheit sinke, weil Schaltstellen unter der Erde als Fehlerquelle gelten, warnen Netzbetreiber. Für Reparaturen müssten Kabelstücke über viele Meter ausgegraben werden. Im Klartext: Ein paar Kilometer unter der Erde sind machbar, eine ganze Trasse von 130 Kilometern nicht.

Hinzu kommen die hohen Kosten: Bis zu 1,5 Millionen Euro kostet ein Kilometer Hochspannungsleitung an Masten. Der gleiche Abschnitt unter der Erde kommt auf das Vier- bis Siebenfache. Betreiber wie Amprion müssten den Aufschlag nicht selbst bezahlen - er würde über die Netzentgelte auf die Stromrechnungen aller Deutschen umgelegt. Und die Zeit beim Netzausbau drängt. Die Fertigstellung der großen Stromtrassen gilt als Voraussetzung für das Abschalten von Atomkraftwerken. Die "Thüringer Strombrücke", die Windstrom aus dem Nordosten Deutschlands nach Bayern transportiert, soll pünktlich 2015 am AKW Grafenrheinfeld ankommen. Es könne nur abgeschaltet werden, wenn neue Trassen sicherstellten, dass Bayern dann über genug Strom verfüge, sagt ein Amprion-Sprecher.

Willi Traut in Reuschenberg ist seit der Katastrophe von Fukushima auch gegen Atomkraft und für erneuerbare Energien - wenn nur die Masten nicht wären. Immerhin, Amprion hat eingelenkt: Jetzt soll die Trasse samt allen Leitungen etwas von seinem Haus abrücken. "Damit könnten wir leben, mit starkem Bauchgrimmen", sagt Traut. Ein Erdkabel wäre ihm lieber.