Streit bei Infineon:Hilfreiche Meuterei

Der Aufstand des britischen Hermes-Fonds gegen Infineon hat nicht allein mit Renditehunger zu tun. Es geht um gute Corporate Governance.

Paul Katzenberger

Noch sind die Querelen um den früheren Continental-Chef Karl-Thomas Neumann in bester Erinnerung, da bahnt sich bei Infineon ein neuer Eklat um eine Spitzenpersonalie an: Der britische Aktionärsvertreter Hermes will den früheren Siemens-Vorstand Klaus Wucherer nicht als neuen Aufsichtsratschef hinnehmen und schickt mit Willi Bechthold einen eigenen Kandidaten ins Rennen.

Infineon, Foto: AP

Reinraum bei Infineon: Der Chiphersteller sollte sich auch personell aus den Armen von Siemens endgültig befreien.

(Foto: Foto: AP)

Im Gegensatz zum Machtkampf bei Continental, bei dem es um den persönlichen Einfluss der Großaktionärin Maria-Elisabeth Schaeffler ging, ist der Vorstoß von Hermes bei Infineon aber vor allem konstruktiv. Denn den Briten geht es nicht um die reine Macht oder gar eine Zerschlagung des Unternehmens, auf die etwa der englische Hedgefonds TCI unter Chris Hohn vor knapp zwei Jahren bei der Deutschen Börse abzielte, sondern vielmehr um eine gute Corporate Governance.

Diese liegt bei Infineon schon lange im Argen - schließlich ist der Münchner Konzern als "Intrigantenstadl" verschrien. Dafür trägt der bisherige Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley eine gehörige Portion Verantwortung - unter seiner Ägide mussten die früheren Infineon-Vorstandschefs Ulrich Schumacher, Wolfgang Ziebart und Rüdiger Günther allesamt vorzeitig ihren Hut nehmen. Dass Kley sich nun für Wucherer starkmacht, lässt daher den Verdacht aufkommen, dass der Klüngel bei Infineon noch immer ein Biotop hat.

Denn wie Kley stammt auch Wucherer aus der alten Siemens-Seilschaft, die bei Infineon noch immer das Sagen hat. Für den Chiphersteller wurde das in der Wirtschaftskrise fast zum Verhängnis: Persönliche Animositäten zwischen den Akteuren banden viel Energie - Sachfragen rückten nur allzu oft in den Hintergrund und Infineon an den Rand einer Insolvenz. Die damalige Entwicklung belegt, wie fatal eine schlechte Corporate Governance eben auch für die Erträge ist.

Zuletzt ging es bei dem Chiphersteller zwar wieder aufwärts, doch in dem zyklischen Geschäft mit Halbleitern muss der Konzern erst noch beweisen, ob er nachhaltig wirtschaften kann. Als Chefkontrolleur wäre Wucherer dafür der falsche Mann, schließlich gehörte er zur Führungsspitze von Siemens, als der Konzern von massiven Korruptionsfällen erschüttert wurde. Zwar konnte ihm persönlich nichts nachgewiesen werden, dennoch war er an den Vorgängen zu nah dran, um bei Infineon nun glaubwürdig zu wirken.

Hermes-Kandidat Willi Bechthold brächte bei seiner Bestellung hingegen einen Vertrauensbonus mit. Denn es wäre allein schon ein positives Signal, dass der Aufsichtsratsvorsitz von außen bestellt würde. Als Finanzvorstand von ZF Friedrichshafen und früherer Präsident des Branchenverbandes Bitkom ist seine Kompetenz für den Job zudem unstreitig.

Mit ihrer Meuterei könnten die Aktionäre der Corporate Governance in Deutschland also einen guten Dienst erweisen.

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