Bei Bussen und Bahnen im Nahverkehr gibt es seit den frühen Morgenstunden in fast allen Bundesländern wegen Warnstreiks erhebliche Einschränkungen. Beim größten deutschen Nahverkehrsunternehmen, den Berliner Verkehrsbetrieben, wird laut Gewerkschaft bereits seit drei Uhr gestreikt. „Der Streik hat begonnen“, bestätigte Verdi-Verhandlungsführer Serat Canyurt der Nachrichtenagentur dpa in der Nacht. Für 48 Stunden sollen Busse, Tram- und U-Bahnen in den Depots bleiben. Erst zum Betriebsbeginn am Sonntagmorgen soll der Verkehr in Berlin wieder anlaufen.
In den allermeisten Regionen dürften an diesem Freitag durch den Ausstand kaum Busse, Tram- und U-Bahnen fahren. Vor allem Pendler und Kinder und Jugendliche auf dem Weg zur Schule müssen sich heute meist andere Möglichkeiten suchen, um rechtzeitig ans Ziel zu kommen. Einige Nahverkehrsunternehmen haben bereits Notfahrpläne angekündigt.
Im hessischen Nahverkehr haben die Beschäftigten ebenfalls ihre Arbeit niedergelegt. Das bestätigte ein Verdi-Sprecher am Morgen. Demnach sind circa 5200 Beschäftigte in den Städten Frankfurt, Wiesbaden, Gießen, Marburg, Offenbach und Kassel zum Streik aufgerufen.
An diesem Freitag und am Samstag bleiben auch in Bayern viele Busse, Trams und U-Bahnen stehen. In 13 Städten hat der von Verdi ausgerufene zweitägige Warnstreik begonnen. Betroffen sind unter anderem die fünf größten bayerischen Städte München, Nürnberg, Augsburg, Regensburg und Ingolstadt.
Zudem wird Nordrhein-Westfalens Nahverkehr bestreikt. Der Arbeitskampf sei wie geplant angelaufen, sagte der Branchenkoordinator von Verdi NRW, Lukas Frew. „Es ist überall losgegangen.“ Erneut werden mehr als 30 kommunale Verkehrsunternehmen bestreikt, die den größten Teil von NRW abdecken. Die Liste der Städte, die von den Arbeitsniederlegungen betroffen sind, ist lang. Unter ihnen sind Bonn, Köln, Düsseldorf, Essen und Münster.
Auch in den fünf größten Städten Sachsens stehen heute Busse und Bahnen weitgehend still. Verdi hat die Mitarbeiter der kommunalen Verkehrsbetriebe in Leipzig, Dresden, Chemnitz, Zwickau und Plauen zum ganztägigen Ausstand aufgerufen. In Leipzig gilt der Aufruf zusätzlich für Samstag.
Niedersachsen und Deutsche Bahn nicht betroffen
In Niedersachsen gilt dagegen noch bis Ende März eine Friedenspflicht, Arbeitskämpfe im ÖPNV sind dort bis dahin nicht möglich. Die Deutsche Bahn und damit auch die S-Bahnen sind ebenfalls nicht von dem Ausstand betroffen, da sich die Tarifrunde nicht auf den Konzern bezieht. Zudem haben sich Bahn und Lokführergewerkschaft GDL in der Nacht zum Freitag auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt. Mancherorts will die DB ihr S-Bahn-Angebot wegen der Warnstreiks ausweiten.
Ob es auch in Baden-Württemberg zu neuen Warnstreiks im öffentlichen Nahverkehr kommen wird, hatte Verdi bisher offengelassen. Laut Pressemitteilung wird sich das am Montag entscheiden.
Zweite bundesweite Aktion im ÖPNV diesen Monat
In den meisten Regionen dauern die Warnstreiks laut den Verdi-Ankündigungen bis in die Nacht auf Sonntag. Mancherorts wurde schon am Donnerstag die Arbeit niedergelegt, auch am Sonntag könnten noch einige Nahverkehrsunternehmen von Ausständen betroffen sein.
So wurden zum Beispiel in Bremen Warnstreiks bis in die Nacht auf Montag angekündigt, in Mecklenburg-Vorpommern dagegen nur am Freitag. In einem Landkreis in Sachsen-Anhalt wiederum von Donnerstag bis einschließlich Sonntag, also vier Tage lang.
Die Warnstreiks sind die zweite groß angelegte Aktion in der laufenden ÖPNV-Tarifrunde. Bei der ersten Aktion Anfang Februar kam der öffentliche Personennahverkehr in großen Teilen des Landes nahezu komplett zum Erliegen.
Lösung des Tarifkonflikts bisher nicht in Sicht
In den Tarifverhandlungen, die in allen 16 Bundesländern meist mit den kommunalen Arbeitgeberverbänden geführt werden, fordert Verdi insbesondere deutlich bessere Arbeitsbedingungen – etwa durch kürzere Wochenarbeitszeit und Schichtzeiten, längere Ruhezeiten, aber auch durch höhere Zuschläge für Arbeit in der Nacht und am Wochenende. In Bayern, Brandenburg, dem Saarland, Thüringen und bei der Hamburger Hochbahn wird zusätzlich über höhere Löhne und Gehälter verhandelt.
Nach Ansicht von Verdi kamen die Gespräche zuletzt kaum voran. Auch die Arbeitgeber beklagten zuletzt fehlende Fortschritte bei den Verhandlungen. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), das größte ÖPNV-Unternehmen in Deutschland, kritisierten beispielsweise, dass Verdi bisher nicht klargemacht habe, welche Forderungen man am wichtigsten findet.
Wann es zwischen den Arbeitgebern und der Gewerkschaft zu Tarifeinigungen kommen könnte, ist derzeit völlig offen. Die Verhandlungen verlaufen regional sehr unterschiedlich – kurz vor einem Abschluss schienen sie zuletzt aber nirgends zu sein.

