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Streik der Piloten:Lufthansa geht in die Offensive

Streik der Piloten im Frankfurter Flughafen. Lufthansa-Chef Spohr will sie nun mit harten Zahlen überzeugen.

(Foto: AFP)

Die Piloten streiken, aber längst nicht alle. Lufthansa-Chef Spohr setzt jetzt darauf, dass er noch mehr von ihnen vom Arbeitskampf abbringen kann - mit harten Zahlen.

Carsten Spohr ist erst seit ein paar Monaten Chef der Lufthansa. Doch er hat schnell gelernt, unter anderem das: "Als Vorstandsvorsitzender wird man schnell blass", wie er am Dienstagabend trotzdem gut gelaunt verkündete.

Spohr sah zwar eher sommerlich gebräunt aus, hätte aber allen Grund zu erblassen. Denn in der Auseinandersetzung mit den Piloten und ihrer Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) ist auch nach dem dritten Streik innerhalb von zehn Tagen keine Einigung in Sicht. Im Hintergrund schwelt zudem der Konflikt um die geplanten neuen Billigtöchter des Konzerns, durch die sich die Lufthansa-Piloten bedroht fühlen. Und auch bei Austrian Airlines, seit 2009 Teil der Gruppe, tut sich womöglich bald Dramatisches: Einigt sich die Geschäftsleitung nicht in letzter Minute doch noch mit dem Betriebsrat Bord, so könnte der Aufsichtsrat schon am Donnerstag erste Schritte beschließen, eine neue Firma zu gründen und Austrian in der bisherigen Form abzuwickeln.

Die Fluggesellschaft hat es zu einiger Finesse gebracht

Wie verhärtet die Fronten aber auch mit den deutschen Piloten sind, bekamen am Mittwoch vor allem die Lufthansa-Passagiere in München zu spüren. Lufthansa musste dort nach den letzten Angaben rund 140 Flüge streichen. Allerdings hat die Fluggesellschaft es mittlerweile zu einiger Finesse gebracht, an Streiktagen zu retten, was zu retten ist. Immerhin schaffte sie es dank Piloten aus dem Management und solchen, die sich trotz des Streikaufrufes zum Dienst gemeldet haben, etwa 50 Prozent der eigentlich geplanten Flüge zu realisieren.

Lufthansa hat zudem Zehntausende SMS und E-Mails an Kunden verschickt, die sich registriert haben, um diese über Umbuchungen zu informieren. Viele wurden bereits auf frühere Flüge über die Drehkreuze in Frankfurt, Zürich (Swiss) und Wien (Austrian) umgeleitet. Am Mittwoch pendelte eine Boeing 747-400 den ganzen Tag zwischen Frankfurt und München, um möglichst vielen Passagieren Anschlüsse in Frankfurt zu ermöglichen. Laut Lufthansa sollten in München aber sowieso alle Langstreckenverbindungen stattfinden. Spohr lobte denn auch die Lufthansa-Einsatzzentrale, die Auswirkungen der Streiks begrenzt zu haben.

Spohr zufolge hat der Lufthansa-Vorstand dennoch beschlossen, den Verhandlungsansatz in den Gesprächen mit der Vereinigung Cockpit zu ändern. Bislang wollte Verhandlungsführerin und Personalvorstand Bettina Volkens gemeinsam mit den Piloten in moderierten Gesprächen die Modalitäten klären, wie man den Streit um die Übergangsversorgung auflösen könnte.

Nun geht Lufthansa aber doch in die Offensive. Vor allem deswegen, weil Spohr glaubt, dass viele Piloten nicht wüssten, wie wenig sie von den Änderungen tatsächlich betroffen seien. Am Montag will das Unternehmen deswegen detailliert darlegen, wie das neue Konzept aussehen soll. Grundsätzlich will Lufthansa das Mindestalter für die Frührente von 55 auf 60 Jahre hochlegen, im Durchschnitt sollen die Piloten mit 61 Jahren aufhören, derzeit liegt der Schnitt bei knapp 59 Jahren. Doch die Änderungen sollen gestaffelt eingeführt werden und diejenigen, die schon kurz vor der Pensionierung stehen, am wenigsten treffen. Jüngeren Piloten, die sowieso noch Jahrzehnte weiterfliegen werden, soll hingegen mehr zugemutet werden.

Ohne Einigung sind die Perspektiven mau

Spohr stellt sich vor, dass die Besatzungen nächste Woche in einer Matrix ablesen können, wer in welchem Dienstjahr wie sehr betroffen ist. Er hofft darauf, dass viele Piloten dadurch zu zweifeln beginnen, ob die Streiks wirklich gerechtfertigt sind. Ohne Einigung sind die Perspektiven auch klar definiert: Lufthansa wird nicht wachsen, sondern vielleicht sogar schrumpfen. Damit müssten Co-Piloten 20 Jahre und länger warten, bis sie einmal Kapitän werden und entsprechend mehr verdienen.

Bei der Konzerntochter Austrian geht es um viel drastischere Veränderungen. Der Aufsichtsrat mit Lufthansa-Vorstand Harry Hohmeister an der Spitze kommt am Donnerstag zusammen, um über die Zukunft des Unternehmens zu entscheiden. Austrian und der Betriebsrat Bord verhandeln dem Vernehmen nach gerade einen neuen Tarifvertrag, der das Verhältnis auf eine neue Grundlage stellen soll. Offiziell bestätigt dies aber niemand.

Am Donnerstag wird der Europäische Gerichtshof wahrscheinlich entscheiden, dass der alte (von Austrian gekündigte) Tarifvertrag weiter gilt. Der Betriebsrat hält auch den 2012 umgesetzten Übergang von Flotte und Mitarbeitern zur Regionaltochter Tyrolean für nicht rechtens. Müssten die alten Bedingungen bei Austrian wieder eingeführt werden, wäre diese existenziell gefährdet, denn Lufthansa will kein Geld nachschießen. Deswegen versuchen Unternehmen und Betriebsrat, sich außergerichtlich zu einigen. Falls dies nicht gelingt, könnte der Aufsichtsrat Pläne beschließen, die heutige Austrian mitsamt Tyrolean dichtzumachen und durch eine Neugründung zu ersetzen. Lufthansa hatte Austrian 2009 übernommen. Im vergangenen Jahr hatte die Tochtergesellschaft erstmals seit 2007 wieder einen kleinen operativen Gewinn ausgewiesen.