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Streamingdienste:Kampf um die Glotze

Das Fernsehgerät als Lagerfeuer, vor dem sich alle versammeln, ist lange tot. Immer mehr Spartensender buhlen ums Publikum.

Von Caspar Busse

Das Fernsehgerät als Lagerfeuer, um das sich Familie oder Freunde am Abend versammeln, um gemeinsam zu glotzen - das ist schon sehr lange vorbei. Inzwischen geht die Aufsplitterung des Medienmarktes ungebremst weiter. Immer mehr Streamingdienste buhlen um die Aufmerksamkeit der Zuschauer und investieren in teure Programme. Neben Netflix und Amazon Prime sind das erst vor einigen Monaten gestartete Disney+ und die Sport-Plattform Dazn, aber auch der Bezahlsender Sky. Dazu kommen eigene Angebote der Privatsender, Pro Sieben Sat 1 hat Joyn ins Leben gerufen, die RTL-Gruppe ist mit TV-Now dabei, die öffentlich-rechtlichen Sender versuchen, ihre Mediatheken attraktiv zu machen. Gerade jüngere Zuschauer schauen, wann, was und wo sie wollen, auf Tablets, Mobiltelefonen oder Computern.

Während des coronabedingten Lockdowns stieg die Mediennutzung sehr deutlich an, die Menschen waren zuhause und hatten Zeit. Streamingdienste, aber vor allem auch die linearen Fernsehsender profitierten davon. Inzwischen hat sich die Situation wieder normalisiert. Die Beratungsfirma Deloitte stellte in einer Studie im Sommer fest, dass die Zuwächse bei Mediatheken und Videostreaming durchaus von Dauer sind. Aber: "Das bemerkenswert starke Comeback des linearen Fernsehens während der Einschränkungen hat sich nicht als nachhaltig erwiesen."

Für die Sender ist ohnehin einiges anders: Nachrichten haben in der Corona-Pandemie deutlich an Stellenwert gewonnen. Sportereignisse haben sich verschoben oder fielen aus, vor allem die Olympischen Spiele in Tokio und die Fußball-Europameisterschaft, beides wären Quotenbringer vor allem für die öffentlich-rechtlichen Sender gewesen. Im September waren bei allen Zuschauern ab drei Jahren das ZDF mit einem Marktanteil von 13,6 Prozent und Das Erste mit 10,7 Prozent führend, vor den Privatsendern RTL, Sat 1, Vox und Pro Sieben. Nimmt man die Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren, für die sich die Werbeindustrie besonders interessiert, führt RTL vor Pro Sieben. Daneben gibt es eine steigende Zahl von Spartensendern, die auf Marktanteile zwischen gerade über Null und zwei Prozent kommen. Das Angebot ist inzwischen unübersichtlich: Dazu gehört etwa der bislang unabhängige Spielfilmsender Tele 5, aber auch Nachrichten- und Dokumentationskanäle, öffentlich-rechtliche Angebote wie Arte, ZDF Neo oder One. Inzwischen gibt es sozusagen an jeder Ecke ein Feuerchen.

© SZ vom 14.10.2020
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