Strava :Die App gegen den Schweinehund

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Cyclassics Hamburg

Radrennen in Hamburg: Unter Profisportlern und Amateuren, die es ernst meinen, ist die App Strava weit verbreitet.

(Foto: Jörn Pollex/Getty Images)

Michael Horvath, Gründer von Strava, über alte Träume und neue Ziele für Sportler und Sportmuffel.

Von Helmut Martin-Jung

Manchmal, sagt Michael Horvath, ist nicht die Idee schlecht, sondern die Zeit. Horvath, ehemaliger Wirtschaftsprofessor an der Uni Stanford und erfolgreicher Firmengründer, weiß, wovon er da redet. Als Student an der Uni Harvard war er Mitglied im Ruderteam, und zu gerne hätte er eine Möglichkeit gehabt, die Teammitglieder von einst online miteinander zu verbinden. Doch das war in den Anfangszeiten des World Wide Web kaum möglich.

Die Idee aber ließ ihn und seinen Uni-Kumpel Mark Gainey nicht los. Und als sich Jahre später die Bedingungen geändert hatten, machten sie es tatsächlich. Sie gründeten eine Firma, die Sportler vernetzt: Strava. Wer einigermaßen ernsthaft läuft oder Rad fährt, hat die App vermutlich auf seinem Smartphone. Mehr als zwei Milliarden Trainingseinheiten sind bisher damit protokolliert und geteilt worden, gut 41 Millionen Nutzer aus 195 Ländern der Erde zeichnen heute pro Woche 15 Millionen Trainings auf.

"Wir fokussieren uns auf Daten, nicht auf Hardware", sagt Horvath, ein drahtiger 52-Jähriger, begeisterter Sportler, wie übrigens die meisten in der Firma. Ihr Hauptsitz ist in San Francisco, insgesamt arbeiten etwa 200 Menschen bei Strava, das europäische Büro ist im britischen Bristol. "Hardware", sagt Horvath, "das ist eine ganz andere Welt". Für Strava sei es nur wichtig, die Daten aus der jeweiligen Hardware auszulesen. Hardware, das kann alles Mögliche sein, eine Sportuhr, ein Brustgurt oder auch ein Smartphone.

Mehr als 40 Sportarten kann der Nutzer mit Strava mittlerweile aufzeichnen und erhält dabei eine ganze Menge an Datenpunkten. Welchen Streckenabschnitt man etwa mit dem Rennrad wie schnell gefahren ist, wie weit die Herzfrequenz dabei nach oben ging, wie das Streckenprofil war und vieles mehr. Auf Strecken, die man öfters fährt, werden auch Streckenabschnitte miteinander verglichen. Wer will, kann das alles öffentlich hochladen und bekommt dann womöglich auch Reaktionen von anderen Strava-Nutzern.

"Wenn Sie Angst haben, dass Ihr Fahrrad während der Fahrt kaputtgeht, fahren Sie nicht."

Ähnlich wie bei anderen sozialen Netzwerken kann man seine Daten aber auch nur in geschlossenen Gruppen veröffentlichen oder auch ganz privat halten. Wer nicht will, dass andere erfahren, welche Route man täglich nimmt, kann sogenannte Privacy-Zonen einrichten. Das Unternehmen hatte eine weltweite Heatmap veröffentlicht, also eine Karte, in der man sehen kann, wo wie intensiv trainiert wird. Dadurch waren auch geheime US-Militärbasen in Syrien bekannt geworden.

Horvath ist durchaus klar, dass man sich hier keine Fehler erlauben darf, denn "das Wichtigste ist Vertrauen", sagt er, "wenn Sie Angst haben, dass Ihr Fahrrad während der Fahrt kaputtgeht, dann fahren Sie nicht." Strava beschäftige ein ganzes Team, das sich mit nichts anderem befasse als der Sicherheit der Daten. Strava wächst derzeit vor allem außerhalb der USA, besonders stark bei Frauen und bei Läufern. Während die ambitionierten Sportler Strava dazu verwenden, ihre Leistung zu optimieren, steht bei den reinen Hobbysportlern eher die Motivation im Vordergrund. Wie also bringt man jemanden dazu, weniger auf der Couch und dafür mehr auf dem Fahrradsattel zu sitzen oder eine Runde zu laufen?

Geld verdient Strava auf zwei Arten: zum einen durch eine kostenpflichtige Profi-Version, die noch mehr Auswertungsmöglichkeiten bietet als die kostenlose Grundversion. Zum anderen mit dem Verkauf von Daten. Bei Strava Metro etwa können Städte die erfassten Daten für die Verkehrsplanung nutzen. Für die Forschung können Daten interessant sein, wann sich zum Beispiel Marathonläufer verletzen. Schuhhersteller können Daten darüber bekommen, wie ihre Produkte wirklich genutzt werden. Nicht jeder bekomme aber die (ohnehin anonymisierten) Daten. Einmal wollte etwa eine Werbefirma wissen, wo sie am besten Plakate platzieren könnte - das lehnte Strava ab, sagt Horvath.

Dafür kooperierte das Unternehmen bei einem Projekt der auf Sportforschung spezialisierten University of Tottenham, die es inzwischen aber nicht mehr gibt. Es ging darum zu erforschen, wie es Frauen während der Menstruation mit Sport halten. 72 Prozent der befragten Frauen gaben damals an, Sport helfe gegen den Schmerz. Die Gemeinschaft der Strava-Nutzer mache bei solchen Projekten sehr gerne mit, ist Horvaths Erfahrung.

Die Zukunft von Strava sieht er im Ausbau der sozialen Funktionen. Diese seien es vor allem, die jemanden bei der Stange hielten. Und das sei schließlich gut für die Menschheit. "Wir machen die Menschen nicht unbedingt stärker oder schneller", sagt Horvath, "aber sie machen regelmäßiger Sport".

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