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Strategiewechsel:Adieu Diesel

Volkswagen-Chef Matthias Müller kündigt den Ausstieg aus der Technologie an - irgendwann.

Von Thomas Fromm, Hannover

Als Matthias Müller in der vergangenen Woche seine neue Strategie für den VW-Konzern vorstellte, da war von Diesel kaum noch die Rede. Aus dem Hersteller von Benzin- und Dieselfahrzeugen soll in den nächsten Jahren schrittweise ein Elektroautobauer werden - auch wenn man dafür noch viele Milliarden investieren muss. Jetzt verkündete der VW-Chef die Abkehr vom Diesel auch offiziell: Es stelle sich die Frage, "ob wir ab einem gewissen Zeitpunkt noch viel Geld für die Weiterentwicklung des Diesels in die Hand nehmen sollen", sagte der Manager dem Handelsblatt. Es ist, wenn man so will, die Wolfsburger Energiewende, und dass sie ausgerechnet jetzt kommt, ist kein Zufall. Der Konzern ist seit September in seiner Dieselaffäre gefangen; in an die elf Millionen Dieselfahrzeugen weltweit steckt eine betrügerische Software, die jahrelang dafür sorgte, dass bei Abgasmessungen kräftig manipuliert wurde. Seitdem ist der Dieselmotor, einst ein Hauptpfeiler des Autokonzerns, weltweit diskreditiert. In den USA, wo der Schwindel aufflog, haben die Wolfsburger längst ihre Dieselautos vom Markt geholt, und in der Diesel-Hochburg Deutschland, wo mehr als ein Drittel der zugelassenen Autos mit einem Selbstzünder fahren, sind die Kunden wegen des Massenbetrugs nicht nur skeptisch und verunsichert, sondern auch: ziemlich sauer.

Seit Jahren setzten gerade die deutschen Hersteller auf ihre Dieselmotoren, und dafür gab es neben der steuerlichen Vorteile einen weiteren handfesten Grund: Da Diesel weniger Kraftstoff verbrauchen als herkömmliche Benziner, stoßen sie weniger Emissionen des klimaschädlichen CO₂ aus. Als zuletzt die CO₂-Grenzwerte weltweit immer strenger wurden, setzten Hersteller wie VW noch stärker auf Diesel. Er sollte helfen, den Flottenausstoß von CO₂ über die gesamte Flotte zu senken. Die Idee verfing - bis "Dieselgate" die Träume der Ingenieure beerdigte.

Verschärfte Prüfmethoden und strengere Grenzwerte bei den nicht minder giftigen Diesel-Stickoxiden haben in der Branche ein Umdenken ausgelöst: Lohnt es sich noch, immer wieder neue, sauberere Diesel zu bauen? "Die Abgasreinigung beim Diesel wird enorm aufwendig und teuer", musste nun auch Müller einräumen. Und auch die Steuervorteile des Diesels seien in Zukunft fraglich. Der Diesel wird in den nächsten Jahren unattraktiver, und damit ist klar: Er wird nicht von heute auf morgen von den Straßen verschwinden. Aber er ist ein Auslaufmodell auf Zeit.

File photo illustration of Volkswagen TDI diesel engines shot at a second-hand car parts business in Jelah

Der Dieselmotor wird nicht von heute auf morgen verschwinden. Aber er ist ein Auslaufmodell auf Zeit.

(Foto: Dado Ruvic/Reuters)

VW steht mit diesem Problem nicht alleine da: Alle großen Hersteller sind - gerade in Europa - vom Diesel abhängig. Die VW-Tochter Audi verkauft über 80 Prozent ihrer Oberklasse-Modelle mit Selbstzünder; BMW hat in Deutschland sogar einen Anteil von 70 Prozent; bei Mercedes liegt er knapp darunter. Schon jetzt rechnen die Strategen in den Vorstandsetagen durch: Noch sparsamere Dieselmotoren rentieren sich noch in den ganz teuren Oberklasse-Autos. Da, wo die Gewinnmargen hoch sind. Aber nicht mehr im Mittelfeld.

Natürlich hätte die Sache auch ganz anders laufen können: Wenn die Auto-Hersteller schon früher damit begonnen hätten, ihre Milliarden statt in immer neue Dieselgenerationen gleich in alternative Antriebe zu pumpen. Vom Diesel zum E-Auto: Jetzt geht es darum, die große Energiewende zu finanzieren. Es wäre billiger gekommen, man hätte sie schon früher eingeleitet.

© SZ vom 22.06.2016
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