Produkttest:Stress in der Spülmaschine

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Puh, alles sauber geworden. Nicht immer klappt das so gut, je nachdem, wie voll die Spülmaschine ist – und welchen Tab man verwendet. (Foto: imago images)

Ein Hersteller streitet mit Stiftung Warentest darüber, wie man seine Reinigungstabs am besten testet. Das alles ist so skurril wie amüsant – und irgendwie sehr deutsch.

Von Nils Wischmeyer, Köln

Die Frage nach dem richtigen Spülmaschinentab ist eine Wissenschaft für sich. Während einige auf Produkte nicht bekannter Marken schwören, steht die Marke „Finish“ für teure Premiumprodukte mit allerlei Hightech im gepressten Pulver. Nicht weniger als „ultimative Reinigung“ ist ihr Ziel. Das verspricht viel. Leider aber schneiden die Spülmaschinentabs von Finish bei Tests der Stiftung Warentest regelmäßig mit „mangelhaft“ ab, während die Billigprodukte brillieren. Bessere Leistung für einen günstigeren Preis: Da fällt die Wahl für viele Kunden wohl nicht schwer.

Die Firma Reckitt, die die Finish-Tabs produziert, ist davon mächtig genervt. Und weil es an ihren Produkten wohl nicht liegen kann – ihrer Auffassung nach –, hat sie vor einiger Zeit eine Schuldige ausgemacht: die Test-Spülmaschine. Diese sei alt und die Tests mit ihr irreführend. Deshalb hat eine Reckitt-Tochter die Stiftung Warentest auf Unterlassung verklagt.

Nie wieder dürfe diese Spülmaschine bei den Tests mit Finish-Produkten benutzt werden, fordern die Anwälte in ihrer Klageschrift. Dutzende Seiten Papier, die die SZ einsehen konnte, haben die Anwälte von Reckitt und der Stiftung Warentest wegen dieses Streits über Monate ausgetauscht. 2025 treffen sie sich vor Gericht. Doch der Streit ist viel mehr als nur ein Scharmützel unter Anwälten. Er ist ein Schlüsselloch in eine sonst verborgene Welt, in der es um Eigelb, Teereste und die irgendwie sehr deutsche Frage geht: Wie testet man einen Spülmaschinentab korrekt? Eine absurde Frage, könnte man meinen. Doch für Reckitt geht es um viel, mindestens um den guten Ruf der eigenen Tabs. Deswegen also der Streit.

Die Stiftung Warentest will sich nicht in ihre Tests reinreden lassen

Um in diesen Streit abzutauchen, sind drei Buchstaben und eine Zahl wichtig: GSL 2. Das ist die Spülmaschine des Herstellers Miele, mit der die Stiftung Warentest testet, ob ein Spülmaschinentab denn das tut, was er soll – das Geschirr reinigen. Das will Reckitt verhindern und argumentiert, die Maschine sei alt und verbrauche viel mehr Wasser als eine moderne. Ihr „moderner“ Tab mit wenig Chemie schneide schlecht ab, weil das viele Wasser den eigenen Tab verwässere. Das sei unfair, die Tester müssten sich eine andere Maschine besorgen.

Das stößt bei der Stiftung Warentest naturgemäß auf Ablehnung. Schließlich will man sich die Testregeln nicht diktieren lassen und hat diese ja auch nicht einfach aus der Luft gegriffen. Nein, eine so deutsche Institution wie die Stiftung Warentest hat vor fast zehn Jahren Experten, Hersteller und den „Industrieverband Körperpflege und Waschmittel“ (IKW) befragt: Was müssen wir beachten? Zum Entzücken der Tester hatte der mächtige Verband, in dem alle namhaften Hersteller Mitglied sind, bereits 2015 ein Papier mit einem langatmigen Namen erstellt: „Empfehlungen zur Qualitätsbewertung (EQ) der Reinigungsleistung von Maschinengeschirrspülmitteln“ heißt es.

Dieses Papier ist nicht weniger als ein 16-seitiger Masterplan zur Testung von Spülmaschinentabs, angefangen bei der empfohlenen Bestückung der Spülmaschine (oben Eigelb, unten Pasta) über die Wandstärke von Teetassen bis hin zum Fettgehalt von Milchresten. Ein auf Raumtemperatur erwärmtes Hackfleisch-Ei-Gemisch muss dem Papier zufolge mit 80 Millilitern synthetischem Wasser verrührt und mit einem Küchen-Mixstab zwei Minuten homogenisiert werden, bevor man es mit einer Gabel auf einem Porzellanteller auftragen darf. Aber Achtung: Am Rand soll ein daumengroßer Rand sauber bleiben. Neben solchen Anweisungen gibt es präzise Schaubilder, ab wann ein Teller sauber, schmutzig oder nur ein bisschen schmutzig ist. Geschirrspülen ist anscheinend eine Wissenschaft für sich.

Lange Zeit war die Miele GSL 2 Konsens

Zu eben jener Wissenschaft gehört auch die richtige Spülmaschine. Womit wir wieder am Anfang wären: bei der GSL 2, Kostenpunkt 5000 Euro, eine Laborspülmaschine. Sie hat kein Eco-Programm und keine Sensorik, um die Tests nicht zu verfälschen. Deshalb hat der Industrieverband IKW sie auch als Spülmaschine für solche Tests empfohlen. Und weil die mächtige Spülmaschinentab-Branche unter dieses Papier ihren Haken gesetzt hat, hat sich die Stiftung Warentest darauf berufen.

Dass nun ausgerechnet Reckitt die Empfehlung nicht mehr gefällt, kommt ein wenig ironisch daher. Immerhin hat den dazu passenden Arbeitskreis im IKW eine Vertreterin der Firma Reckitt geleitet. Begründet wird die Wende von Reckitt so: Damals sei die Spülmaschine gut gewesen, ja. Das sei aber Jahre her und die Miele GSL 2 heute nicht mehr Stand der Technik. Markus Köhler, der Reckitt in der Sache anwaltlich vertritt, sagt: „Man muss mit Maschinen testen, die die Menschen zu Hause haben.“

Wann eine Spülmaschine alt ist, das ist der Knackpunkt

Doch, wie alt ist denn so eine haushaltsübliche Maschine? Miele immerhin testet seine Spülmaschinen auf 20 Jahre Lebenszeit, andere namhafte Hersteller wie Siemens kalkulieren mit ähnlichen Laufzeiten. Und die Faustregel besagt: Eine Spülmaschine sollte 2000 Spülgänge schaffen, was einer Lebensdauer von ungefähr zwölf Jahren entspricht. Das könnte im Umkehrschluss bedeuten: Die Maschinen in deutschen Haushalten sind einige Jahre alt und verbrauchen daher auch mehr Wasser. Die GSL 2 wäre also gar nicht so untauglich.

Was neben der Stiftung Warentest, die die Maschine für tauglich hält, offenbar auch viele Hersteller so sehen. Wäre es anders, hätte Reckitt eine Änderung der IKW-Empfehlungen durchsetzen können. Im Verband gab es aber nicht genug Mitstreiter, die die Maschine ebenfalls so kritisch sehen, weshalb die alte Empfehlung von 2015 gilt und die Stiftung Warentest diese bisher nutzt. Im Fachbeirat der Stiftung Warentest war Reckitt nach Aussage der Stiftung der einzige Kritiker der Maschine.

Sowieso hält man die Klage bei der Stiftung für unnötig und will sich keinesfalls in die Tests reinreden lassen. Schon häufig hätten sie Beschwerden bekommen, weil Firmen schlecht abschneiden. „Aber wir ändern nicht für einzelne Anbieter die Spielregeln“, sagt Michael Nowak, Sprecher der Stiftung Warentest. Diese Unabhängigkeit der Stiftung Warentest sei auch von Gerichten bestätigt worden. Man könne ihnen nicht vorschreiben, wie sie zu recherchieren hätten.

Es dürfte also mindestens schwierig für Reckitt werden, die bewährte GSL 2 auf dem Klageweg loszuwerden. Trotzdem bleibt ein Hoffnungsschimmer. Denn schon 2021 und damit vor der Klage gab es einen intensiven Austausch zwischen Miele und den Herstellern von Spülmaschinentabs darüber, wie ein modernes Nachfolgemodell der GSL 2 aussehen könnte. Heraus kam die GSL 3, die die GSL 2 aus der so wichtigen Verbandsempfehlung verdrängen dürfte. Das könnte vielleicht auch die Stiftung Warentest umstimmen. Der Verkaufsstart ist für Oktober 2024 angesetzt.

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