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Steuern in Griechenland:Die neue Botschaft des Staats: Fürchtet euch!

Auch Efrosini hat eine Zeit lang an der Lagarde-Liste gearbeitet. Aber jetzt ist sie im Außendienst. Jetzt sind die Kleinen dran. Das ist die Politik von Giorgos Pitsilis. Der 41-Jährige ist Generalsekretär für öffentliche Einnahmen. Pitsilis hat eine Botschaft für jene im Land, die meinen, sie könnten weitermachen wie früher: Fürchtet euch! Jeden Tag schwärmen 350 Prüfer aus. Pitsilis will 30 000 Kontrollen bis zum Ende der Tourismussaison schaffen.

Pitsilis hat sein Büro ganz oben im Nebengebäude des Finanzministeriums, am Rande des Syntagma-Platzes. Wenn er vom Balkon aus nach links schaut, sieht er das prächtige Parlamentsgebäude. Wenn er nach rechts guckt, blickt er auf die Akropolis. Er ist oft hier draußen, weil er eine große Schwäche hat: Zigaretten. Über Griechenland sagt man, Steuerhinterziehung sei ein Problem weniger Reicher. Das stimmte in dieser Einfachheit nie. Bei den Reichen war es nur besonders empörend, wenn sie ihre Millionen auf Nummernkonten ins Ausland schafften. In Griechenland hat sich eine Kultur des Steuerhinterziehens entwickelt.

Der Mann weiß, wie Steuerhinterzieher ticken

In den Anfangsjahren der Krise sah es so aus: Von den knapp sechs Millionen Bürgern, die 2011 eine Steuererklärung machten, gab die Hälfte Jahreseinkünfte von weniger als 12 000 Euro an. Ihr Anteil am Steueraufkommen lag bei nur einem Prozent. Das geht aus einer Studie der Denkfabrik Dianeosis hervor. Dagegen hätten 400 000 Steuerzahler - zumeist Mittelschichtler, aber auch Reiche und Superreiche - fast 70 Prozent der Steuerlast getragen.

Pitsilis weiß, wie Steuerhinterzieher ticken, er versteht, was passiert, wenn sich Selbstgerechtigkeit und Gier mischen. Bevor er vor acht Monaten Einnahmen-Generalsekretär wurde, stand er auf der anderen Seite des Systems. Er war Partner einer Steuerkanzlei.

Jetzt hat er 13 000 Männer und Frauen - den Zoll eingerechnet - unter sich. Er will aufräumen. Er bräuchte 3000 Leute mehr. Aber der Staat muss sparen.

Die griechische Wirtschaft ist eine von ganz wenigen großen Firmen und ganz vielen sehr kleinen. Im Vergleich zum Durchschnitt in der EU hat Griechenland einen doppelt so hohen Anteil an Selbständigen. Dass Angestellte ihr Gehalt vom Chef bar ausbezahlt bekommen, ist nichts Ungewöhnliches. Das Firmenkapital ist oft das, was der Chef im Portemonnaie hat. Das macht Griechenland anfällig für Steuerhinterziehung und Schattenwirtschaft. Und die sind in Griechenland viel stärker ausgeprägt als in anderen EU-Ländern. Bis zu 40 Milliarden Euro sollen Schätzungen zufolge 2015 schwarz umgesetzt worden sein. Der Mehrwertsteuersatz liegt jetzt bei 24 Prozent. Im Zuge der Krise wurde er immer wieder erhöht, Ausnahmen wurden nach und nach abgeschafft. Tabak, Alkohol Heizöl und Internet - alles ist teurer geworden.

Die Rente ist elf Mal gekürzt worden

Auf der anderen Seite schrumpfen die Einkünfte der Leute. Die Arbeitslosenquote liegt bei knapp 24 Prozent. Die Rente ist elf Mal in Folge gekürzt worden. Wenn heute Jobs entstehen, dann auf Mini-Lohn-Niveau von 400 Euro, weit unter dem Mindestlohn. Die konservative Zeitung Kathimerini brachte kürzlich einen Kommentar mit der Überschrift: "Der Realität ins Auge sehen". Die Realität sei nun einmal, dass Griechenland den "Nullpunkt" erreicht habe. Nichts mehr zu holen.

Die Regierung hatte im Herbst die damalige Mindeststrafe für nicht ausgestellte Rechnungen von 500 Euro abgeschafft. Dies führte prompt dazu, dass die Fälle von Steuerbetrug rasant zunahmen. "Die Inhaber der Läden haben unsere Kontrolleure nicht mehr erstgenommen", erzählt Pitsilis. Er wühlte sich durch die Gesetze, bis er zu wissen glaubte, was zu tun ist. Für 48 Stunden können Kontrolleure in schwereren Fällen Geschäfte von einem auf den anderen Tag dichtmachen. Das hatte sich vorher niemand getraut.

Die ersten Geschäfte mussten Anfang August schließen. Ein Spirituosengeschäft in Athen und eine Fischtaverne in Thessaloniki. Auf Rhodos wollten die Türsteher eines Tanzclubs die Steuerfahnder nicht reinlassen. "Haut ab." Half nichts. Die Party war vorbei.

In Trapeza, einem Küstendorf auf dem Peloponnes, waren Steuerprüfer neulich als Badegäste getarnt. Sie jagten am Strand sogar den Rechnungen hinterher, die der Wind von den Tischen geblasen hatte. In 40 Fällen hätten seine Prüfer in diesem Jahr Geschäfte dichtgemacht. Je höher die Wellen danach in den Medien schlagen, desto besser. Alle sollen mitbekommen, dass in Griechenland eine neue Zeit angebrochen ist. "Es geht darum, ein Exempel zu statuieren", sagt Pitsilis. "Wenn in der Vergangenheit jeder ehrlich die Steuern deklariert hätte, hätten wir dann heute so hohe Steuern?"