Wenn man in Deutschland binnen einer Woche einen Facharzttermin bekäme, wenn die Rente sicher, die Bahn pünktlich und die Straßen frisch geteert wären, dann könnte man vielleicht sagen: Völlig in Ordnung, dass der Staat seinen Bürgerinnen und Bürgern für ein solch funktionierendes Gemeinwesen einiges an Steuern, Sozialversicherungsbeiträgen und Gebühren abverlangt.
Nun liegen die Dinge aber ja bekanntlich ein wenig anders. Auf den Arzttermin wartet man nicht selten Monate, die Rente ist alles, nur nicht sicher, die Straßen sind löchrig und die Bahn ist die Bahn. Entsprechend pikant ist der Befund, den die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Mittwoch in Paris präsentiert hat: Obwohl von einem funktionierenden Gemeinwesen mancherorts gerade nicht viel zu sehen ist, belastet kein Mitglied des Industrieländerklubs seine Beschäftigten und deren Arbeitgeber so stark mit Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen wie Deutschland. Einzige Ausnahme ist Belgien.
Um eben jene Abgabenlast auf die Löhne und Gehälter einheitlich erfassen zu können, betrachten die OECD-Experten zunächst, wie viel ein durchschnittlicher Arbeitnehmer sein Unternehmen im jeweiligen Land pro Jahr kostet. Diese Aufwendungen der Firma vergleichen sie mit dem, was der oder die Beschäftigte am Ende netto ausbezahlt bekommt. Die Differenz zwischen beiden Werten im Verhältnis zu den Gesamtkosten des Unternehmens ergeben den sogenannten Steuerkeil.
Unter den 38 zumeist westlich orientierten Mitgliedsstaaten der OECD ist Belgien der einzige, bei dem dieser Steuerkeil für einen kinderlosen Single mit 52,5 Prozent oberhalb der 50-Prozent-Marke liegt. Anders ausgedrückt: Mehr als die Hälfte dessen, was ein belgischer Arbeitgeber für einen Beschäftigten ausgibt, landet in den Kassen des Staats. Deutschland rangiert mit 49,3 Prozent auf Platz zwei, dahinter folgen Frankreich und Österreich mit jeweils gut 47 Prozent. Sie alle liegen weit über dem OECD-Durchschnitt von 35,1 Prozent, den nicht nur Länder wie Chile und Kolumbien nach unten ziehen, sondern auch Mitglieder, die sich eher mit Deutschland vergleichen lassen: die Schweiz, Neuseeland und Südkorea etwa. Sie alle weisen einen Steuerkeil von unter 25 Prozent auf.
Etwas besser steht Deutschland da, wenn man statt des Singles eine Einverdienerfamilie mit zwei Kindern betrachtet. Hier rangiert die Bundesrepublik mit einem Quotienten von knapp 34,9 Prozent auf Platz 13, deutlich hinter dem Spitzenreiter Niederlande mit gut 47, aber immer noch weit über dem OECD-Schnitt von 26,2 Prozent. Die Bundesrepublik gehört damit zu denjenigen Ländern, die Familien gegenüber Singles abgabenmäßig besonders deutlich bevorteilen. Die Stichworte lauten unter anderem: Kindergeld, Kinderfreibetrag, Ehegattensplitting, beitragsfreie Mitversicherung. Nur in fünf Ländern ist die „Fiskalpräferenz für Familien“, wie die OECD das nennt, noch stärker ausgeprägt, darunter in Polen, Luxemburg und der Slowakei.
Das ist die gute Nachricht für Familien in Deutschland. Die schlechte: Die Steuer- und Beitragslast ist im vergangenen Jahr auch für Eltern gestiegen. Und: Der Abstand zu den Alleinlebenden ohne Kinder ist nicht etwa gewachsen, sondern geschrumpft.
Eigentlich will die Koalition, dass die Beschäftigten mehr arbeiten
Zurückzuführen ist die höhere Abgabenbelastung unter anderem auf die gestiegenen Beitragssätze zur Kranken- und Pflegeversicherung sowie den Wegfall der steuerfreien Inflationsausgleichsprämie von bis zu 3000 Euro, die Arbeitgeber ihren Beschäftigten nach dem russischen Überfall auf die Ukraine bis Ende 2024 zahlen konnten. Zudem stieg für viele Arbeitnehmer der Durchschnittssteuersatz, weil der Einkommensteuertarif nicht ausreichend an die Lohn- und Inflationsentwicklung angepasst wurde. Im Schnitt verdienten die Bundesbürger im vergangenen Jahr 66 700 Euro brutto, fast 3200 Euro mehr als 2024. Allerdings wird dieser Wert durch hohe Spitzengehälter nach oben verzerrt.
Auffallend ist, dass die Steuer- und Abgabenlast eines Arbeitnehmers mit 100 Prozent des Durchschnittslohns prozentual gesehen praktisch genauso hoch ist wie die seines Kollegen, der 167 Prozent jenes Durchschnittslohns verdient. Gründe sind unter anderem die Beitragsbemessungsgrenzen in der Sozialversicherung, die die Belastungen für Spitzenverdiener kappen, sowie der früh einsetzende Spitzensatz im Einkommensteuertarif. Und noch etwas fällt ins Auge: Während Deutschland bei der Belastung von Löhnen und Gehältern mit Steuern im internationalen Vergleich nur im Mittelfeld liegt, ist die Belastung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Beiträgen mehr als doppelt so hoch wie im OECD-Durchschnitt.
Hohe Kosten für die Unternehmen, geringes Netto für die Beschäftigten: Von der Anreizwirkung her ist das das glatte Gegenteil dessen, was Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und seinen Mitkoalitionären vorschwebt. Sie wollen die Bundesbürger wegen des Fachkräftemangels und zur Stabilisierung der sozialen Sicherungssysteme bekanntlich dafür gewinnen, insgesamt wieder mehr zu arbeiten. Wie die OECD-Studie zeigt, ist der Weg dorthin aber weiter und steiniger als in fast allen anderen Industrieländern.
