Die Begegnung hat ihren Reiz. Peer Steinbrück diskutiert auf der Frankfurter Buchmesse mit Paul Kirchhof. Der SPD-Kanzlerkandidat trifft den Verfassungsrechtler, den Angela Merkel 2005 zum Finanzminister machen wollte. Der scheiterte, weil Gerhard Schröder ihn im Wahlkampf als "Professor aus Heidelberg" verunglimpfte. Finanzminister wurde dann ausgerechnet jener Peer Steinbrück, der nun in Halle 4.2 neben ihm sitzt und auch noch ein völlig konträres Steuerkonzept vertritt. Genug Stoff also für Streit.
Doch es kommt anders. Das Thema ist Europa - und es zeigt sich schnell, dass da Zwei auf einer Wellenlänge funken. Kurz davor ist bekannt geworden, dass die Europäische Union den Friedensnobelpreis erhält. Kirchhof, der gerade das Buch "Deutschland im Schuldensog" veröffentlicht hat, sieht darin eine "Ermunterung für die europäische Idee", man mache es sich zu selten bewusst, welch hohes Gut es sei, seit fast 70 Jahren in Frieden zu leben.
Steinbrück knüpft daran an. Er habe das Privileg, zu einer Generation zu gehören, die nicht in einen Krieg verstrickt war, "vorher hat man sich in Europa 300 Jahre gegenseitig abgeschlachtet". Die Verpflichtung, dies täglich neu zu erhalten, das sei das eigentliche Signal dieses Nobelpreises.
Und schon ist der Kanzlerkandidat im Wahlkampf. Im fehlt bei Kanzlerin Merkel "die große Erzählung". Die europäische Idee sei zu sehr auf das Ökonomische reduziert worden, auf die gemeinsame Währung und den gemeinsamen Markt. Dabei sei Europa viel mehr: die Rechtsstaatlichkeit, die Meinungsfreiheit, die Trennung von Staat und Kirche, die kulturelle Vielfalt, "das ist doch fantastisch, das gibt es in anderen Teilen der Welt nicht", sagt Steinbrück. Er erinnert an die Zeit, als er noch einen Pass brauchte, um seine Verwandten in Dänemark zu besuchen.
Steinbrück erinnert daran, dass "Europa seinen Preis hat"
Erschreckend findet es der Kandidat, wie "alte Vorurteile und Ressentiments wieder aufgefrischt werden". Merkel in griechischen Zeitungen mit Hitler-Bärtchen. Bundesbürger, die meinten, die Griechen sollten ihre Inseln verkaufen, "aber die Akropolis nehmen wir nicht, weil die kaputt ist". Steinbrück erinnert daran, dass "Europa seinen Preis hat", manches in der Diskussion ist ihm "zu kleinkariert". Außerdem sei es nicht so, dass Deutschland schon Milliarden in den Süden transferiert habe, es handle sich nur um Garantien.
Den Ball fängt Kirchhof auf. "Griechenland spart dramatisch, aber das Volk hat nichts davon", sagt er. Das Geld fließe zu 100 Prozent in den Finanzmarkt, wenn aber 30 Prozent in Griechenland blieben, wäre die Bereitschaft der Bevölkerung zum Sparen höher. "Ich bin Herrn Kirchhof dankbar, dass er die Sparleistung der Griechen anspricht", sagt Steinbrück.
Kirchof ruft zur "Kultur der Mäßigung" auf
Rechne man sie auf Deutschland um, wären es mindestens 150 Milliarden Euro, "was glauben Sie, was da draußen auf den Straßen los wäre?" Es gehe auch darum, in Griechenland Wachstum zu fördern, um gegen die Jugendarbeitslosigkeit zu kämpfen. Die Bundesregierung habe zudem keine Antwort darauf gegeben, dass die Krise ja vor allem eine Krise der Banken sei.
Das ist wieder ein gutes Stichwort für Kirchhof, der zu einer "Kultur der Mäßigung" aufruft, vor allem auf den Finanzmärkten. Warum gehe es bei der Finanztransaktionssteuer nur um Promille, während jeder Bürger auf alles, was er kaufe, 19 Prozent Umsatzsteuer zahle? Bei einem Prozent Transaktionssteuer würden "viele aufgeregte Geschäfte wegfallen".
Steinbrücks Mundwinkel gehen bei diesen Worten nach oben. "Ich habe fast den Eindruck, dass Kirchhof und ich das nächste Buch über die Bändigung der Finanzmärkte zusammen schreiben können", sagt er. Sie verstehen sich, der Professor aus Heidelberg und der Kanzlerkandidat aus Hamburg.
