Steigende Mieten Rutsche in die Altersarmut

Die eigenen vier Wände können sich viele nicht leisten. Viele werden - erst recht als Rentner - einen Großteil ihres Einkommens für die Miete ausgeben müssen. Forscher sehen deshalb die Gefahr, "sich arm zu wohnen".

Von Constanze von Bullion, Berlin

Aufgrund steigender Mieten können sich viele ein Leben in der Innenstadt nicht mehr leisten, sie werden in Wohnsiedlungen an den Stadtrand gedrängt.

(Foto: imago)

Wer heute über 50 Jahre alt ist, nicht zu den Spitzenverdienern gehört, womöglich lange studiert hat und keine Eigentumswohnung besitzt, dem droht Armut im Alter - zumindest, wenn er in einer Großstadt wie Berlin oder München leben will. Das ist ein Ergebnis einer Studie des Pestel-Instituts in Hannover, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

"Sind die über 55-Jährigen eigentlich noch zu retten?", fragte bei der Präsentation der Leiter des Instituts, Matthias Günther. Das klang provokativ, war aber durchaus ernst gemeint. Gerade Alleinstehenden oder Menschen mit unterbrochener Berufsbiografie drohe ohne Wohneigentum im Rentenalter Armut. Schon eine kleine Eigentumswohnung könne das verhindern, sagte Günther. "Es geht nicht darum, Wohneigentum aufzubauen, um es großartig weiterzuvererben. Es geht darum, den Rentenschock zu vermeiden." Realistisch sei das für viele aber nur mit staatlicher Hilfe und jenseits begehrter Metropolen.

Nach den Berechnungen des Pestel-Instituts werden 40 Prozent der heute 45- bis 55-Jährigen weniger als 800 Euro Rente pro Monat zur Verfügung haben. "Mit der Rente sackt für diese Menschen das Geld, das sie monatlich zur Verfügung haben, rapide nach unten. Gleichzeitig sind Miete, Heiz- und Nebenkosten weiter fix", sagt Günther. Für sie bestehe die konkrete Gefahr, "sich arm zu wohnen". Haben sie keine Zusatzeinkünfte, bleibe ihnen nach Abzug der Miete beim Renteneintritt so wenig zum Leben, dass sie auf die staatliche Grundsicherung angewiesen sein werden. Ein solches Szenario droht nach der Untersuchung keineswegs nur Menschen, die im untersten Lohnsegment beschäftigt sind. Auch Paare mit mittlererem Einkommen oder Akademiker mit langen Studienzeiten, die spät mit Rentenzahlungen begonnen haben oder ein paar unbezahlte Praktika im Ausland absolviert haben, müssen demnach ohne Wohneigentum Altersarmut befürchten.

Als Riskofaktoren gelten nach der Studie ebenfalls Patchworkfamilien, eine Scheidung, längere Teilzeitphasen oder berufsbedingte Ortswechsel in eine andere Stadt, in der keine billige Mietwohnung zu finden sei - oder schlicht die Tatsache, einem geburtenstarken Jahrgang anzugehören. Hier sei das Armutsrisiko durch Miete besonders groß.

Nun sollte man vielleicht erwähnen, dass die Studie des Pestel-Instituts nicht für einen Sozialverband erstellt wurde, sondern im Auftrag des Verbändebündnisses Wohneigentum. Zu ihm gehören Makler, Immobilienverbände, der Verband Privater Bauherren, die Bundesingenieurkammer oder die Bundesarchitektenkammer. Die Branche wünscht sich naturgemäß, dass mehr gebaut wird und Menschen Immobilien kaufen. Und natürlich machen sich die Verbände stark dafür, dass Kommunen günstig Bauland vergeben und der Staat Wohnungskäufer mehr unterstützt. Das Bündnis fordert deshalb ein staatlich gefördertes Kreditprogramm, das mit langfristig garantiert niedrigen Zinsen auch Menschen mit wenig Eigenkapital den Immobilienkauf erleichtern soll. Über Bürgschaften sollte der Staat für mindestens 20 Prozent der Kaufpreises geradestehen. Etwas Ähnliches ist im Koalitionsvertrag vorgesehen, demnach sind Bürgschaften über 20 Jahre durch die Staatsbank KfW geplant. Angekündigt ist dort außerdem das Baukindergeld, das Familien mit 1200 Euro pro Kind den Weg zum Eigenheim eröffnen soll. Die meisten Ökonomen lehnen solche Zuschüsse jedoch ab, weil das Geld ohnehin nur diejenigen kassieren dürften, die sowieso bauen und sich dies auch ohne das Baukindergeld leisten können. Thomas Penningh, Präsident des Verbandes Privater Bauherren, hält die geplante neue Subvention hingegen für einen sinnvollen "ersten Baustein". Allerdings erreiche das Baukindergeld wichtige Bevölkerungsgruppen nicht, schon weil nicht jeder Kinder habe. Die Bundesregierung müsse daher stärker den Aufbau von Eigenkapital unterstützen. Jürgen-Michael Schick, Präsident des Immobilienverbands IVD, sagte, die "Nullzinspolitik" erleichtere die Kreditaufnahme, führe aber auch dazu, dass viele Menschen nicht genug Eigenkapital ansparen könnten. Bislang lebt in Deutschland etwa jede Zweite in den eigenen vier Wänden.

Gerade in Großstädten wie Berlin dürften allerdings nur wenige Menschen der Generation 50 plus noch eine Chance bekommen, eine Wohnung zu kaufen, wenn sie kein erhebliches Eigenkapital vorweisen können. "Dort wird Erwerb von Wohneigentum sehr, sehr schwer werden", sagte Pestel-Institutsleiter Günther. Nur wer bereit sei, an den Stadtrand zu ziehen oder gleich in die Provinz, habe ohne Spitzeneinkommen überhaupt noch eine Chance, zum späten Käufer zu werden.

Es könnte aber auch mehr Augenmaß helfen, sagte Barbara Schlesinger von der Bundesarchitektenkammer. Die Wohnflächen hätten sich zuletzt erheblich vergrößert. Auf 500 Quadratmeter Grund nur 150 Quadratmeter Wohnfläche zu errichten, sei angesichts knapper Bauflächen "nicht sinnvoll". Die Bundesarchitektenkammer plädiere für den nachhaltigen und energieeffizienten Umgang mit Wohnraum und "qualitätsvolles Wohnen auf kleinem Raum".

Mit anderen Worten heißt das: bitte zusammenrücken.

Was Rentner haben

Ökonomen predigen das schon lange: Die eigene Immobilie - möglichst vor dem Eintritt in die Rente abbezahlt - ist der beste Schutz vor Altersarmut. Nur wie viele Rentner haben es eigentlich geschafft, sich den Traum von den eigenen vier Wänden zu erfüllen?

Aufschluss gibt der Alterssicherungsbericht der Bundesregierung: Demnach wohnen immerhin 69 Prozent aller Ehepaare und 51 Prozent der Alleinstehenden ab 65 Jahren in Wohneigentum. Die Angaben beruhen auf der Studie "Alterssicherung in Deutschland 2015" (Asid), neuere Zahlen liegen nicht vor. Der Untersuchung zufolge hängen Einkommen und Wohnstatus eng zusammen. Wer über ein Eigenheim verfügt, kann demnach auch mehr Geld ausgeben als Mieter. So haben Ehepaare im Rentenalter mit Wohneigentum ein verfügbares Haushaltsnettoeinkommen von durchschnittlich 2813 Euro pro Monat. Bei Ehepaaren, die zur Miete wohnen, sind es mit im Durchschnitt 2138 Euro fast 700 Euro weniger. Ähnlich groß sind die Unterschiede bei Singles: 1695 Euro mit Wohneigentum und 1354 Euro ohne eigene vier Wände.

Ruheständler leben laut dem Alterssicherungsbericht derzeit noch überwiegend von der gesetzlichen Rente beziehungsweise von der Pension. Knapp die Hälfte der Senioren hat aber bereits andere Einkünfte wie Zinsen oder Renten aus privaten Lebensversicherungen. Ist dies der Fall, belaufen sich die Zusatzeinkünfte bei Ehepaaren im Durchschnitt auf 1175 Euro pro Monat, bei Alleinstehenden sind es 421 Euro. Fast jedes sechste Rentner-Ehepaar und fast jeder zehnte Single ab 65 Jahren hat Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung. Sie sind deutlich höher als zum Beispiel Zinseinkünfte. Thomas Öchsner