Nach fast drei meist quälenden Jahren im Amt sind die Gemeinsamkeiten der Berliner Koalitionspartner SPD, Grüne und FDP nahezu vollständig aufgebraucht – das bestreiten mittlerweile nicht einmal die Beteiligten selbst mehr. An diesem Dienstag jedoch wollen die Ampelchefs Olaf Scholz, Robert Habeck und Christian Lindner noch einmal auf ein und dieselbe Bühne steigen, um eines der wenigen Gemeinschaftsprojekte zu präsentieren, zu denen Kanzler, Wirtschaftsminister und Finanzminister noch die Kraft haben: die sogenannte Win-Initiative, mit deren Hilfe die Regierung, die staatliche Förderbank KfW sowie eine Gruppe großer in- und ausländischer Finanzhäuser jungen, innovativen Firmen in Deutschland tatkräftig unter die Arme greifen wollen. Insgesamt soll dafür ein hoher einstelliger, im besten Fall sogar ein niedriger zweistelliger Milliardenbetrag investiert werden.
Hintergrund des Projekts ist die Erkenntnis, dass es Start-ups hierzulande oft deutlich schwerer haben, an Geld zu kommen, als etwa Firmen in Frankreich oder gar den USA. Das gilt insbesondere für Unternehmen, die die erste Gründungsphase bereits gemeistert haben, aussichtsreiche Produkte verkaufen und nun rasch wachsen müssen, um in die Gewinnzone zu kommen. Vielen fehlt es an Kapitalgebern, auch der Gang an die Börse ist steinig.
Ergebnis ist, dass nicht selten ausgerechnet die erfolgreichsten Jungunternehmen ins Ausland abwandern oder in ihrer Entwicklung stagnieren. Insgesamt sei der Wagniskapitalmarkt in Deutschland im internationalen Vergleich „leider immer noch viel zu klein“, hieß es am Montag in Regierungskreisen. Der US-amerikanische Markt etwa sei im Verhältnis zur Wirtschaftskraft dreimal größer. „Das ist wirklich schwierig und schädlich für unsere Volkswirtschaft“, verlautete aus den Kreisen.
Beteiligt sind Deutsche Bank, Commerzbank, Blackrock und andere Finanzhäuser
Um Abhilfe zu schaffen, haben sich Politik und Privatwirtschaft auf zehn Maßnahmen verständigt, die rasch umgesetzt werden sollen. So will die Bundesregierung unter anderem Restmittel aus ihrem sogenannten „Zukunftsfonds“ zur Verfügung stellen, das Aufsichtsrecht verschlanken, Börsengänge vereinfachen und die steuerlichen Bedingungen für Investmentfonds verbessern, die in gewerbliche Wagniskapitalgesellschaften, sogenannte VC-Fonds, investieren. Um Kapitalerhöhungen für junge Unternehmen zu erleichtern, sollen die Firmen Aktien mit einem Nominalwert von nur noch einem Cent ausgeben können. Bisher liegt die Untergrenze bei einem Euro. Fällt der Aktienkurs an der Börse unter diese Schwelle, was im Alltag durchaus einmal passieren kann, haben Firmen heute größte Schwierigkeiten, an zusätzliches Kapital zu kommen.
Vorbild des Programms ist die erfolgreiche französische Tibi-Initiative, die zunächst sechs Milliarden Euro umfasste und nun zum zweiten Mal aufgelegt wurde. Für das deutsche Pendant konnte die KfW Banken wie Deutsche Bank und Commerzbank, den Vermögensverwalter Blackrock sowie Versicherer und Pensionskassen gewinnen. Ziel ist es, das Volumen der Tibi-Initiative zu übertreffen und vielleicht sogar die Zehn-Milliarden-Euro-Marke zu knacken. Die genaue Summe soll an diesem Dienstag bekanntgegeben werden.

